Wolfsburg

Henri Cartier-Bresson – Die Geometrie des Augenblicks

Henri Cartier-Bresson: Paris, Place de l’Europe, Gare Saint Lazare, 1932 (Detail). Foto: © Henri Cartier-Bresson/Magnum Photos

Kein fotografisches Werk ist bekannter als das von Cartier-Bresson. Doch das Kunstmuseum gewinnt ihm neue Facetten ab: Rein visuell arrangierte Landschafts-Aufnahmen enthüllen Wahrheiten über die Stellung des Menschen in der Welt.

Henri Cartier-Bresson ist der vermutlich berühmteste Fotograf der Welt. Sein Werk hat durch zahllose Bildbände und Retrospektiven größte Verbreitung gefunden; viele seiner Aufnahmen sind unauslöschlich ins kollektive Bildgedächtnis eingegangen. Kann dem eine weitere Ausstellung etwas hinzufügen, ohne bereits Geläufiges zu wiederholen? Sie kann.

 

Info

Henri Cartier-Bresson – Die Geometrie des Augenblicks: Landschaften

 

03.09.2011 – 13.5.2012
täglich außer montags 11 bis 18 Uhr, dienstags bis 20 Uhr im Kunstmuseum Wolfsburg, Hollerplatz 1

 

Weitere Informationen

Der Fotokünstlerin Frauke Eigen ist das gelungen: Sie hat die Cartier-Bresson-Schau im Kunstmuseum Wolfsburg nach rein visuellen Gesichtspunkten arrangiert. Maßgeblich war für sie nicht, wo und wann eine Aufnahme entstanden ist, sondern allein ihre Komposition.

 

Cartier-Bresson wählte Bilder selbst aus

 

Dazu lädt das Thema Landschaften ein; die Auswahl der rund 100 Motive hatte Cartier-Bresson noch zu Lebzeiten selbst besorgt, bevor er 2004 starb. Der Ausstellungs-Titel spielt auf seine berühmte Wendung vom «entscheidenden Augenblick» an, den ein Fotograf einfangen solle: den Moment, in dem sich die Bedeutung einer Szene offenbart.


Impressionen der Ausstellung


 

Exzentrische Perspektiven ohne Orientierung

 

Was im Falle von Landschaften paradox erscheint: Himmel und Erde wirken statisch und unterliegen nur langsamen, oft kaum merklichen Veränderungen. Hier hängt der entscheidende Augenblick von der Position des Betrachters ab: Wo er sich befindet, was und wie er wahrnimmt.

 

Bei der Suche nach dem idealen Beobachter-Standpunkt erweist sich Cartier-Bresson als Meister. Oft wählt er eine Perspektive, die auf den ersten Blick kaum erkennen lässt, was abgebildet ist: Er fotografiert aus exzentrischen Blickwinkeln in extremer Nah- oder Fern-Sicht, womit er die räumliche Orientierung erschwert oder gar aufhebt.

 

Bilder wie von Mondrian

 

Perspektivische Verkürzung lässt Vorder-, Mittel und Hintergrund scheinbar zu einer Fläche verschmelzen. Oder die Elemente der Außenwelt schrumpfen in steiler Draufsicht; anstelle der Objekte werden ihre optischen Beziehungen zueinander offenkundig. Konturiert von starken Schlagschatten, die ganz andere Konstellationen ergeben als die Dinge selbst.

 

Häufig führt diese Dezentrierung des Blicks in ein fast abstrakt anmutendes Spiel aus Flächen und Linien, Licht und Schatten – delikat ausbalanciert. Als seien es konstruktivistische Bilder wie von Mondrian oder Max Bill.

 

Staffage-Figuren in Kultur-Landschaften

 

Diese streng geometrisierte Welt ist keineswegs menschenleer. Im Gegenteil: Überall tauchen Staffage-Figuren auf, die stehen, schlendern, laufen oder springen. Meist dienen sie nur dazu, die Größenverhältnisse zu verdeutlichen – oder durch ihre Bewegung die Ruhe der Umgebung. Selten verleiht einer solchen Figur ihr abgelichtetes Antlitz Individualität.

 

Wobei Cartier-Bresson kaum die Erhabenheit unberührter Natur interessiert: Berggipfel, Wassermassen oder Einöden kommen nicht vor. Es sind durchweg Kultur-Landschaften, die er ablichtet: Stadträume, Parks, Verkehrswege oder bestellte Felder. In jedem Fall ein Terrain, dem intensive menschliche Aktivität anzusehen ist.

 

Krieg ruiniert beide Parteien

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „André Kertész – Fotografien“ im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier eine Kritik der Ausstellung „Brassaï Brassaï. Im Atelier & Auf der Straße“ im Museum Berggruen, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Martin Munkácsi – Think while you shoot“ im Kunstfoyer der Versicherungskammer Bayern, München

Für sich genommen genügen viele dieser Bilder ästhetisch sich selbst. Zusätzliche Bedeutung gewinnt ihnen die Kuratorin durch ihre Hängung ab. Etwa bei zwei Aufnahmen, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Köln und Liverpool entstanden sind: Auf beiden Fotos laufen Leute durch eine Mondlandschaft aus Abbruch-Häusern. Der Krieg hat nicht nur die Unterlegenen, sondern auch die Sieger ruiniert.

 

Zwei Bilder aus der Zeit um 1960 verblüffen durch ihren ähnlichen Aufbau. Eines schoss der Fotograf im schwedischen Göteborg: Unten liegt ein offenbar zerlumptes Paar eng umschlungen vor einem zerklüfteten Fels; dahinter tauchen Hafen-Anlagen auf.

 

Verloren in Schweden und Sardinien

 

Das andere knipste er auf Sardinien: Ein Mann durchquert auf seinem Ochsen-Karren eine Furt; der flache Fluss strömt breit zum oberen Bildrand. Die Lebenswelten der Abgebildeten sind völlig unterschiedlich, doch ihre Verlorenheit in unwirtlicher Gegend ist die gleiche.

 

Solche Korrespondenzen enthüllt Cartier-Bresson durch einen artifiziellen Kunstgriff: Er fotografierte ausschließlich in Schwarzweiß. Womit er der Wahrheit über die Stellung des Menschen in der Welt näher kam als jede Digitalkamera mit Millionen von Farbpixel.


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