Lars Eidinger

Tabu – Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden

Muse und verlorenes Küken: Grete ist ihrem Bruder Georg in Hassliebe verfallen. Foto: Camino Filmverleih

(Kinostart: 31.5.) Sex, Drogen und klassische Klavier-Musik: Christoph Stark deutet das Verhältnis des Dichters Georg Trakl zu seiner Schwester als inzestuöse Mesalliance – ein rauschhaftes Film-Erlebnis ohne expressionistisches Pathos.

Hat er oder hat er nicht? Den expressionistischen Dichter Georg Trakl (1883 – 1914) verband eine innige Beziehung mit seiner vier Jahre jüngeren Schwester Margarethe, genannt Gretl. Darauf spielte er in seinen Gedichten häufig an, am deutlichsten in «Blutschuld»: «Es dräut die Nacht am Lager unsrer Küsse. Es flüstert wo: Wer nimmt von euch die Schuld?»

 

Info

Tabu – Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden

 

Regie: Christoph Stark, 100 min., Deutschland 2012;
mit: Lars Eidinger, Peri Baumeister, Rainer Bock

 

Website zum Film

Seither rätseln Trakl-Exegeten, ob sich die Geschwister dem Inzest hingaben. Sie haben, entscheiden Regisseur Christoph Stark und seine Drehbuch-Autorin Ursula Mauder – und malen die verfemte Blutschande in sinnlichen Bett-Szenen aus. Auch sonst geht ihr Film mit den verbürgten Stationen von Trakls Biographie recht frei und freizügig um.

 

Laudanum-Mitbringsel für Mama

 

Seiner drogensüchtigen Mutter bringt der künftige Pharmazie-Student aus einer Apotheke stibitztes Laudanum mit. Im Praktikum pfeift er sich alle Pulver ein, derer er habhaft wird. Seine Schwester nötigt er, ihren Klavier-Professor Albert Brückner (Rainer Bock) zu ehelichen – prompt hat sie in dessen Villa in Trakls Beisein eine Fehlgeburt. Germanisten wissen: Gretl heiratete einen Operetten-Direktor und kam in einer Berliner Mietwohnung nieder.


Offizieller Film-Trailer


 

Schwester-Muse im Mittelpunkt

 

Philologen dürften noch weitere fragwürdige Details ausfindig machen. Doch dies ist kein Kommentar zur Werk-Ausgabe, sondern eine Film-Besprechung. Und Kritiker-Augen sehen von akademischer Beckmesserei ab: Dieses Biopic funktioniert ausgezeichnet – gerade weil es mit Trakls Lebenslauf aufs Geratewohl umspringt.

 

Im Mittelpunkt steht nicht der Dichter selbst, sondern seine Muse: Peri Baumeister spielt die Schwester mit derartigem Ungestüm und verzehrender Leidenschaft, als sei ihr einziger Antrieb verzweifelt unerfüllte Liebe. Sie setzt durch, ihrem Bruder zum Studium nach Wien zu folgen, und verdreht Brückner heillos den Kopf – eine femme fatale in Mädchengestalt.

 

Verse wie Einkaufs-Listen

 

Die in Lars Eidinger als Bruder Georg den passenden Widerpart hat. Hünenhaft und willensschwach zugleich, bricht Eidinger expressionistisches Pathos mit Selbstironie: Seine dunklen Verse schmiert er aufs Papier wie Einkaufs-Listen; seine Lesung absolviert er unbewegt wie ein Gerichts-Schreiber, der Protokolle vorträgt. Dieser achtlos wegwerfende Gestus macht Selbsthass und Weltekel erst plausibel.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Eine dunkle Begierde“ über die Entstehung der Psychoanalyse von David Cronenberg

 

und hier einen kultiversum-Beitrag zum Biopic „Mahler auf der Couch“ über Gustav Mahler von Percy + Felix Adlon.

Überhaupt Weltekel: Das morbide Lebensgefühl im Wien des fin de siècle bringt kein neuerer Film so atmosphärisch dicht auf die Leinwand. Percy und Felix Adlon verniedlichten 2010 «Mahler auf der Couch» zur Ehe-Burleske von Gustav und Gattin Alma. David Cronenberg erzählte 2011 in «Eine dunkle Begierde» die Entstehung der Psychoanalyse aus dem Geist der Dreiecks-Beziehung als betuliches Bildungsfernsehen.

 

Erfüllung ist Scheißdreck

 

Christoph Stark hingegen trifft genau den richtigen Ton für den ennui der genialischen Geschwister in ihrer plüschigen Welt des kakanischen Bürgertums und ihre rast- wie haltlosen Fluchtversuche in Poesie, Musik und Drogen.

 

Wie sie sich in Hassliebe aneinander klammern, weder mit- noch ohne einander auskommen und gegenseitig verletzen, um sich gierig zu versöhnen – das ist von einer Intensität, die unter die Haut geht. Oder mit den Worten des malenden Bürgerschrecks Oskar Kokoschka, mit dem Trakl befreundet war: «Sehnsucht ist alles – Erfüllung ist doch ein Scheißdreck!»


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