Stuttgart

Turner – Monet – Twombly: Later Paintings

Joseph Mallord William Turner: Friede - Bestattung zur See, ausgestellt 1842 (Detail). Foto: © Tate Gallery

Trilogie reiner Sinnes-Eindrücke: Die Staatsgalerie führt erstaunliche Parallelen zwischen drei Ausnahme-Malern vor. Womit sie die kryptische Kunst von Twombly erhellt – seine Bilder-Rätsel lösen sich in Traditionslinien auf.

Drei Maler, drei Jahrhunderte, eine künstlerische Bewegung: Dass der Engländer Joseph Mallord William Turner (1775 – 1851) den Franzosen Claude Monet (1840 – 1926) stark beeinflusst hat, ist bekannt. Allerdings überrascht, dass der US-Amerikaner Cy Twombly (1928 – 2011) daran angeknüpft haben soll – was die Staatsgalerie aber überzeugend vorführt.

 

Info

Turner – Monet – Twombly: Later Paintings

 

11.02.2012 – 28.05.2012
täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, dienstags und donnerstags bis 20 Uhr in der Staatsgalerie, Konrad-Adenauer-Str. 30 – 32, Stuttgart

 

Katalog 29,90 €

 

Weitere Informationen

Dabei geht es um mehr als akademische Zuschreibungs-Probleme. Turner und Monet haben die Entwicklung der Kunst im 19. Jahrhundert stärker vorangetrieben als jeder andere Maler. Twombly gilt dagegen als einer der kryptischsten Künstler der Gegenwart. Wer diese drei Maler in einer Traditionslinie sieht, will ein wichtiges Kapitel des Kunst-Kanons neu schreiben.

 

Sonnen-Licht als Zentral-Motiv

 

Wobei der Ausgangspunkt klar ist: der Sonnenaufgang im 17. Jahrhundert. Der französische Klassizist Claude Lorrain führte in die Malerei das natürliche Licht als zentrales Motiv ein. Auf seinen Meeres-Ansichten und Park-Landschaften hüllt die Sonne das gesamte Bild in ihren warmen Glanz – entscheidend wird der Eindruck harmonischer Atmosphäre.


Impressionen der Ausstellung


 

Auflösung von Kontur + Perspektive

 

Dafür begeisterte sich auch Turner: Er studierte Lorrain eifrig und kopierte seine erzählenden Historien-Bilder in akademischer Manier. Doch im Lauf der Zeit verringerte er die figurativen Elemente immer mehr und konzentrierte sich auf Wetter-Phänomene und Licht-Reflexe. Bis er im Spätwerk schiere Farbwirbel aus gleißenden und düsteren Tönen auf die Leinwand warf, deren Radikalität noch heute verblüfft.

 

Turner gilt heute als bedeutendster Vorläufer des Impressionismus. Dessen Werk lernte Claude Monet im Londoner Exil kennen – und fand dadurch zu seinem eigenen Stil. Monet trieb die Auflösung von Konturen und Zentralperspektive weiter; ihm lag daran, reine Sinneseindrücke wiederzugeben. Womit er zugleich den Beobachter-Standpunkt aufhob: In seinem Spätwerk wie der berühmten «Seerosen»-Serie verliert sich der Blick im ortlosen Spiel der Farben und Formen.

 

Achtlose Farbflecken + Kritzel-Zeichen

 

Dadurch wurde es ab 1910 für die abstrakte Kunst einfach, auch noch den Bezug zum Gegenstand aufzugeben. Die Emanzipation vom Figurativen war längst erschöpfend durchdekliniert, als Cy Twombly Mitte des 20. Jahrhunderts zu malen begann.

 

Dass er meist dem abstrakten Expressionismus zugerechnet wird, führt leicht in die Irre. Twombly schuf seinen ureigenen Bilder-Kosmos aus Farbflecken, die achtlos aufgetragen wirken, seltsamen Symbolen und hingekritzelten Zeichen voller Anspielungen auf die Kunst- und Geistesgeschichte.

 

Analoge Arbeitsweisen

 

Es läge nahe, anhand dieser drei Maler noch einmal die Entwicklung der Abstraktion abzuschreiten: weg von der Abbildung der Außenwelt, hin zum rein subjektiven Ausdruck. Diese Erzählung wäre sachlich zutreffend und herzlich unoriginell. Doch die Ausstellung, die zuvor in Stockholm zu sehen war und anschließend nach London wandert, will etwas anderes: Artverwandtes bei Turner, Monet und Twombly aufspüren. Das gelingt ihr glänzend.

 

Dazu gruppiert sie 70 Werke in sieben Abteilungen mit Themen wie «Lebenskraft», «Feuer und Wasser» oder «Süße Lust Melancholie» – und entdeckt dabei ungeahnte Analogien. Etwa in der Arbeitsweise: Turner skizzierte zahllose Entwürfe, die er lange liegen ließ und erst kurz vor der Präsentation fertig stellte. Monet überarbeitete unvollendete Gemälde häufig. Twombly feilte aufwändig an einer Bild-Idee, bis er sich zur Umsetzung entschloss.

 

Vergleich enthüllt Wesensverwandtschaft

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung “Claude Lorrain – Die verzauberte Landschaft” im Städel Museum, Frankfurt am Main

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Cy Twombly: Fotografien 1951 – 2010” in München + Siegen

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung “Übermalt. Verwischt. Ausgelöscht” zum Porträt im 20. Jahrhundert mit Werken von Cy Twombly in der Hamburger Kunsthalle.

Motivisch lassen sich gleichfalls zahlreiche Ähnlichkeiten belegen. Jedem Betrachter fällt sofort auf, dass Turner und Monet oft Elementar-Gewalten und die Vergänglichkeit des Daseins in Zyklen darstellten. Bei Twombly spielen diese Sujets ebenso eine große Rolle – nur ist das nicht auf den ersten Blick erkennbar, weil er sie mit rätselhaften Gesten mystifiziert. Erst der Vergleich enthüllt die Wesensverwandtschaft.

 

Manchmal wirkt die strikte Parallelführung der Schau etwas bemüht. Beispielsweise, wenn sie offenkundige sexuelle Bildinhalte bei Twombly gegen jeden Augenschein auch bei Turner und Monet nachweisen will – bei jenem sollen Wasserpflanzen und Lianen als symbolische Geschlechtsteile und Schamhaare herhalten.

 

Entschlüsselung durch Vorläufer

 

Doch insgesamt erstaunt, wie weit die Ausstellung mit ihrer strikt bildimmanenten Argumentation kommt – und welch erhellendes Licht sie damit auf Twombly wirft. Seine Arbeiten gelten als extrem schwer zugänglich, denn sie sind mit kaum interpretierbaren Andeutungen chiffriert. Dass diese sich durchaus entschlüsseln lassen, wenn man sie auf seine Vorläufer bezieht – diese Einsicht ist ein bleibendes Verdienst.


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