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Alle Bossen-Quader blinken im Sonnenschein: Das Cinema Jenin erstrahlt in neuem Glanz. Foto: Senator

Cinema Jenin


(Kinostart: 28.6.) Kino-Kultur in Palästina: Wie schwierig es ist, im von israelischer Besatzung, Intifada und innerem Streit zerrissenen Westjordanland ein Kultur-Zentrum zu eröffnen, zeigt anschaulich die Dokumentation von Marcus Vetter.


Die Kleinstadt Jenin im Westjordanland ist Filmemacher Marcus Vetter vertraut. In «Das Herz von Jenin» porträtierte er 2008 den Palästinenser Ismail Kathib: Der spendete nach dem Tod seines Sohnes durch eine Kugel der israelischen Armee dessen Organe für israelische Kinder – eine rare Geste der Versöhnung.

 

Info

Cinema Jenin

 

Regie: Marcus Vetter, 106 Min., Israel/ Deutschland 2012;
mit: Ismael Kathib, Fakhri Hamad, Juliano Mer-Khamis

 

Website zu Film + Projekt

Wenig später kehrte Marcus Vetter nach Jenin zurück: Um Ismail Khalib zu helfen, das seit Beginn der ersten Intifada 1987 leer stehende «Cinema Jenin» in ein Kultur-Zentrum für die gebeutelte Stadt zu verwandeln. Vetters gleichnamige Dokumentation schildert den Verlauf des Projektes bis zur feierlichen Eröffnung.

 

Ohne Schaum vor dem Mund gedreht

 

Der Film ist so spannend wie ein Polit-Thriller – obwohl er nicht mit Schaum vor dem Mund gedreht wurde. Weder kommentiert er den gesamten Nahost-Konflikt, noch fällt er Urteile oder verteilt Schuldzuweisungen. Stattdessen glänzt «Cinema Jenin» mit seinem Personal.


Offizieller Film-Trailer


 

Film-Vorführer legt sofort los

 

Initiator Khatib wird das Projekt immer weniger geheuer, je mehr es sich zum Politikum entwickelt: Auf halber Strecke zieht er sich entnervt zurück. Regisseur Vetter macht alleine mit dem Übersetzer und Projektmanager weiter – dabei scheut er sich nicht, seine Emotionen in Nah-Aufnahmen festzuhalten. Dazu kommen zahlreiche Helfer aus dem In- und Ausland.

 

Etwa der alte Film-Vorführer des früheren Kinos: Sofort macht er sich daran, die Licht- und Tonanlage instand zu setzen, als hätte er ein Vierteljahrhundert darauf gewartet. Seine Fortschritte bei der Arbeit durchziehen den ganzen Film – als Zeichen für die Verwirklichung des Traumes, die oft beschworene Kraft des Kinos in die kulturell verödete Kleinstadt zurück zu bringen.

 

Geld vom Pink-Floyd-Mastermind

 

Die Besitzer des Gebäudes werden in nicht enden wollenden Gesprächen davon überzeugt, das Haus zur Verfügung zu stellen – obwohl kein Profit in Aussicht steht. Ebenso lange dauert es, bis die palästinensische Autonomie-Behörde und das deutsche Auswärtige Amt die Idee unterstützen; Roger Waters, Ex-Mastermind von «Pink Floyd», schießt Geld zu.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der libanesischen Toleranz-Tragikomödie "Wer weiß, wohin?" von Nadine Labaki

 

und hier einen Beitrag über den israelischen Film "Die Reise des Personalmanagers" von Eran Riklis

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung "Cinema of the Future" über Kino-Konzepte für die Zukunft im Architekturforum Aedes, Berlin

 

und hier eine kultiversum-Lobeshymne auf den israelischen Film “Lebanon” von Samuel Maoz, Gewinner der Goldenen Palme in Cannes 2009.

In der Gruppe der Aufbau-Helfer sorgt die Frage, ob Hilfe aus Israel erwünscht, angemessen oder gar lebensgefährlich ist, mehrfach für erhitzte Diskussionen. Von der Sinnfrage angesichts der immer wieder aufflackernden Gewalt zu schweigen.

 

Film-Regisseur Mer-Khamis erschossen

 

Schwieriger gestaltet sich der Umgang mit den Gegnern des Projekts, die gesichtslos bleiben. In ihrer martialischen Sicht steht das Cinema Jenin für eine inakzeptable «Normalisierung»; als sei der Wunsch nach einer lebendigen Kultur-Szene gleichbedeutend mit der Hinnahme der israelischen Besatzung.

 

Der Preis, den diese Logik am Ende fordert, ist hoch: Einer der wichtigsten und am meisten profilierten Unterstützer des Projektes, der israelische Film-Regisseur und Schauspieler Juliano Mer-Khamis, wird im April 2011 in Jenin vor seinem «Freedom Theatre» erschossen.

 

Pro-palästinensisch, nicht anti-israelisch

 

Sein Tod setzt den traurigen Schluss-Akkord des Films. Aber auch der eigentliche Höhepunkt, die in allerletzter Minute gestemmte Eröffnung des Kultur-Zentrums im August 2010, gerät nicht zum kathartischen Triumph: Das Hochgefühl wird von den Traumata der Vergangenheit und einer ungewissen Zukunft überlagert.

 

Die Staatswerdung Palästinas, die ausnahmslos alle Protagonisten erhoffen, liegt nicht nur militärischer, geografischer und diplomatisch in weiter Ferne, sondern auch kulturell – und die palästinensische Gesellschaft ist darüber bis zur Selbstzerstörung gespalten. Dagegen setzt «Cinema Jenin» eine konkrete Utopie, die pro-palästinensisch ist, ohne anti-israelisch zu sein.



Von Eric Mandel, veröffentlicht am 27.06.2012





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