Wayne Wang

Der Seidenfächer

Komplettiert die Aussteuer: Zur Hochzeit von Lilie (Bingbing Li, li. unter der Haube) übergibt Schneeblume (Gianna Jun) ihr eine Geheim-Botschaft im Seidenfächer. Foto: Senator

(Kinostart: 28.6.) Ausstattungs-Orgie auf Lotus-Füßen: Das Seelenschwestern-Rührstück von «Smoke»-Regisseur Wayne Wang geizt nicht mit optischen Reizen, doch sein tränenseliger Freundschafts-Kult bleibt flach.

Auch so kann man die Hochzeits-Nacht verbringen: Nach der Heirat liebkost der Ehemann ausgiebig den verkrüppelten Fuß seiner Braut, der in einem winzigen, reich bestickten Seiden-Schühchen steckt. Im alten China galten so genannte Lotus-Füße als der erotischste Körperteil des Weibes.

 

Info

Der Seidenfächer

 

Regie: Wayne Wang, 104 min., China/USA 2011;
mit: Gianna Jun, Bingbing Li, Yan Dai

 

Website zum Film

Bereits in der Kindheit wurden die Füße von Frauen zuerst gebrochen und dann abgebunden: Diese schmerzhafte Prozedur hinderte sie am normalen Wachstum. War die Tortur erfolgreich, konnte die Erwachsene mit ihren Klump-Füßchen nur kleine Trippelschritte machen.

 

Metapher für weibliche Unfreiheit

 

Eine bessere Metapher für die Unfreiheit des weiblichen Geschlechts in einer Gesellschaft lässt sich kaum finden. Doch so häufig Wayne Wang Füßchen und Schühchen auch ins Bild rückt: In seinem neuen Film «Der Seidenfächer» geht es um etwas Anderes.


Offizieller Film-Trailer


 

laotong als Seelen-Schwestern im Geiste

 

Die Lotus-Füße sind nur Requisiten für zwei miteinander verknüpfte Erzählungen auf verschiedenen Zeit-Ebenen: einerseits dem 19. Jahrhundert und andererseits der Gegenwart im zeitgenössischen Schanghai. Die beiden Hauptdarstellerinnen– Gianna Jun aus Korea und die Chinesin Bingbing Li – übernehmen Doppelrollen.

 

Im der heutigen Rahmenhandlung spielen sie Nina (Li) und Sophia (Jun). Beide jungen Frauen haben sich als Teenager ewige Freundschaft geschworen – gemäß der alten Tradition der laotong: Seelenverwandte Schwestern im Geiste verpflichten sich, einander zeitlebens verbunden zu bleiben.

 

Frauen als Teil der Haushalts-Ausstattung

 

Nach einem Fahrrad-Unfall liegt Sophia im Koma. Nina, die ihre Freundin monatelang nicht gesehen hat, wacht an ihrem Kranken-Bett und liest ein Manuskript von Sophia. Es erzählt von zwei laotong im 19. Jahrhundert: den Mädchen Lilie (Li) und Schneeblume (Jun).

 

Dieser historische Teil ist optisch interessant. Farbenprächtige Gewänder, aufwändig hochgesteckte Frisuren und maskenhafte Schmink-Techniken bei feierlichen Anlässen zeugen davon, wie Wohlhabende im alten China ihre Frauen als Teil der Haushalts-Ausstattung betrachteten.

 

Botschaften in Frauen-Geheimschrift

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der chinesischen Modernisierungs-SatireUFO in her eyes“ von Xialuo Guo

 

und hier eine Lobes-Hymne auf den Spionage-Thriller alter Schule „Shanghai“ mit Gong Li, Franka Potente + Chow Yun-Fat

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung “Der chinesische Lustgarten” mit klassischer Erotika im Museum für Asiatische Kunst, Berlin

Die in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsene Lilie findet einen reichen Gatten; Schneeblume muss dagegen mit einem armen Metzger vorlieb nehmen. Trotz ihrer unterschiedlichen Schicksale geben sie sich gegenseitig Halt, indem sie Botschaften austauschen, die sie in der Frauen-Geheimschrift nu shu auf einen Seidenfächer schreiben.

 

Diesen Seidenfächer findet Karrierefrau Nina in Sophies Besitz, während ihre Freundin noch im Koma liegt: Nina muss erkennen, dass nichts wichtiger ist als die ewige Schwestern-Liebe zu ihrer laotong.

 

Vom Rauch zum Tränendrüsen-Reizmittel

 

Wangs Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Lisa See: der perfekten Vorlage für ein Melodram, bei dem im Kino kein Auge trocken bleiben soll. Man fragt sich, was den Regisseur des lakonischen Episoden-Dramas «Smoke» von 1995 geritten hat, sich an diesem Tränendrüsen-Reizmittel zu versuchen.

 

Sein rührseliger Freundschafts-Kult interessiert Wang offenbar wenig. Gefühle werden mehr behauptet als gezeigt, und ein phantasielos schematisches Drehbuch setzt die Dialoge nur ein, um Hintergrund-Informationen zu vermitteln.

 

So gewinnen die Figuren weder an Kontur noch unser Mitgefühl. Zumindest lässt sich vortrefflich in der bunten Bilderwelt kostbarer Seiden-Stoffe und faszinierend absurder Steckfrisuren schwelgen.


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