Kassel

dOCUMENTA (13)

Tapisserie von Goshka Macuga in der Rotunde des Obergeschosses im Fridericianum mit u.a. dem im afghanischen Bürgerkrieg zerstörten Königs-Palast aus den 1930er Jahren. Foto: ohe

Jetzt schlägt’s dreizehn: Leiterin Carolyne Christov-Bakargiev bemüht sich nach Kräften, mit wirren Worten und Taten die weltgrößte Kunst-Schau zu ruinieren. Ohne Erfolg: In der Überfülle von 300 Beiträgen finden sich beeindruckende Werke.

Das verflixte 13. Mal: Diese documenta dürfte als die bisher schlechteste in die Kunstgeschichte eingehen. Im Vorfeld der weltgrößten Ausstellung für Gegenwartskunst, die alle fünf Jahre in Kassel stattfindet, unken zwar jedes Mal böse Zungen – doch diesmal drohen sie, Recht zu behalten.

 

Info

dOCUMENTA (13)

 

09.06.2012 – 16.09.2012
täglich 10 bis 20 Uhr an 26 Standorten in Kassel

 

Katalog 24 €,
Begleitband 68 €

 

Website zur Ausstellung

Das Problem der 13. documenta trägt einen Namen: Carolyne Christov-Bakargiev (CCB). Die italo-amerikanische «künstlerische Leiterin» und Ex-Direktorin des Museums für zeitgenössische Kunst in Turin nährt mit Worten und Taten erhebliche Bedenken, ob sie ihrer Aufgabe geistig und praktisch gewachsen ist.

 

Tomaten-Kultur produziert Tomaten

 

Im Gespräch mit einer Hunde-Trainerin, abgedruckt in der Zeitschrift «Andy Warhol’s Interview» 5/2012, schwadronierte sie über Kunst für Kläffer; die solle ihre documenta ebenfalls ansprechen, da sie Menschen ebenbürtig seien. In der «Süddeutschen Zeitung» legte CCB nach. Sie forderte ein Wahlrecht für Tiere und Pflanzen und erklärte, ihr Kunst-Begriff sei grenzenlos: «Die kulturelle Produktion der Tomatenpflanze ist die Tomate».


Zusammenschnitt der schönsten Stilblüten von Carolyne Christov-Bakargiev auf der Eröffnungs-Pressekonferenz


 

Licht-Teilchen singen und tanzen

 

Auf der Eröffnungs-Pressekonferenz redete sich CCB weiter um Kopf und Kragen. Anstelle einführender Worte las sie ein selbst verfasstes Traktat vor, mit dem sie alle Unterscheidungen einebnete: «Kunst wird ebenso durch das definiert, was sie ist, wie durch das, was sie nicht ist; durch das, was sie tut oder tun kann, wie durch das, was sie nicht tut oder nicht tun kann.»

 

Anschließend schwärmte sie vom «Singen und Tanzen der Photonen» und bestätigte ausdrücklich, dass sie «kein Konzept» habe. Zudem bewertete CCB geistige Verwirrung als eine «gute Sache», denn ihre «Vision teilt und respektiert die Formen und Praktiken des Wissens aller belebten und unbelebten Produzenten der Welt, Menschen inbegriffen».

 

Zensur durch egomanischen control freak

 

Wer angesichts ihrer «nichtlogozentrischen Weltsicht» von CCB maximale Liberalität und laissez-faire erwartet, täuscht sich: Im documenta-Team gilt sie als egomanischer control freak, so sprunghaft wie eitel – anfangs ließ sie 19 offizielle Porträt-Fotos von sich verbreiten. Zwei Presse-Sprecher warfen entnervt das Handtuch; der Australier Terry Harding ist ihr dritter PR-Chef in drei Jahren.

 

Mit ihren Gastgebern überwarf sich CCB, als sie Zensur ausüben wollte. Vom Bildhauer Stefan Balkenhol, der seine Skulpturen in einer katholischen Kirche ausstellt, verlangte sie, eine im Glockenturm montierte Figur abzunehmen – da sie sich davon «bedroht» fühle. Kasseler Bürger reagierten mit einem Aufschrei. Die betuliche Regional-Zeitung HNA, die sonst mit jedem kuschelt, porträtierte CCB als «Lady Gaga des Kunstbetriebs» und listete genüsslich ihre Fehlleistungen auf.


documenta 13: Impressionen der Ausstellung im Fridericianum


 

documenta als one (wo-)man show

 

Man könnte ihr exzentrisches Gebaren als Provokationen einer Öko-Esoterik-Diva und brachiale Holzhammer-PR in eigener Sache abtun, wäre ihre Stellung nicht so maßgeblich. Die documenta ist aufgrund ihrer Entstehungs-Geschichte – Gründer Arnold Bode wollte 1955 mit seiner persönlichen Kunst-Auswahl das Publikum wieder an die von den Nazis verfemte Moderne heranführen – mehr als jede andere Groß-Ausstellung eine one (wo-)man show.

 

Während der Ausstellungs-Laufzeit liefert sich die Stadt Kassel dem künstlerischen Leiter aus und verleiht ihm absolute Macht. Er kann Berge versetzen und Flüsse umleiten lassen, wenn er es für geboten hält – mehrere CCB-Vorgänger haben das ausgiebig getan. Diese schrankenlose Verfügungs-Gewalt gibt der documenta ihr einzigartiges Profil: Ihr drückt der jeweilige Leiter seinen Stempel auf; sie wird völlig mit ihm identifiziert.

 

CCB will künftig schweigen

 

Damit die Mega-Schau gelingen kann, muss er von seiner Machtfülle verantwortungsvoll Gebrauch machen. Bislang betrug sich CCB jedoch wie ein dekadenter Duodez-Fürst oder verschwendungssüchtiger Scheich, der Entourage und Herrschafts-Gebiet der Tyrannei seiner Launen unterwirft.

 

Pünktlich zur Ausstellungs-Eröffnung rudert die Leiterin zurück: Plötzlich ist sie mit der Balkenhol-Schau an prominenter Stelle einverstanden und dementiert ihr ehrgeiziges Ziel, rund eine Million Besucher anzulocken. Stattdessen gelobt CCB Bescheidenheit: Sie wolle künftig schweigen und die «Kunstwerke für sich selbst sprechen lassen».


documenta 13: Impressionen der Ausstellung in der documenta-Halle


 

Konzeptlosigkeit als Konzept

 

Also wenden wir uns der Kunst zu: Mehr als 300 Arbeiten von 188 Teilnehmern sind auf 26 Standorte im gesamten Stadtgebiet verteilt. Diese disparate Fülle auf einen Nenner bringen zu wollen, scheint undenkbar – und CCB versucht es erst gar nicht. Wer Konzeptlosigkeit zum Konzept erhebt, beantwortet die Frage nach einem roten Faden von selbst.

 


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