Sibylle Dahrendorf

Knistern der Zeit – Christoph Schlingensief und sein Operndorf in Burkina Faso

Duo infernale des Himmelfahrts-Projekts: Architekt Diébédo Francis Kéré und Christoph Schlingensief. Foto: Filmgalerie 451

(Kinostart: 7.6.) Abschieds-Blick auf ein wütendes Werk: Die Doku von Sibylle Dahrendorf beobachtet das letzte Projekt des monomanischen Theater-Berserkers – und strickt an der Legenden-Bildung um ihn kräftig mit.

Das «Knistern der Zeit» ist das Knistern einer Schallplatte, wenn die Nadel in der Leer-Rille hängt. Dieses Knistern, wünscht sich Christoph Schlingensief, müsste eine Aufnahme der Geräusche sein, die er in jener Nacht hörte, als er endlich einen Platz für sein Operndorf in Burkina Faso fand.

 

Info

Knistern der Zeit – Christoph Schlingensief und sein Operndorf in Burkina Faso

 

Regie: Sibylle Dahrendorf, 106 Minuten, Deutschland 2012;
mit: Christoph Schlingensief, Diébédo Francis Kéré, Aino Laberenz

 

Weitere Informationen

 

Website des Operndorfs

30 Kilometer östlich der Hauptstadt Ougadougou soll das Opernhaus auf einem Hügel bei Ziniaré entstehen – samt Schule und Werkstätten, Krankenhaus und Gästehäusern. Es wurde Schlingensiefs letztes Projekt: Am 21. August 2010 starb er an Krebs.

 

Verschachtelte Doppel-Geschichte

 

Der Dokumentar-Film von Sibylle Dahrendorf folgt dem todkranken Projektleiter und seinem Architekten Diébédo Francis Kéré durch die Irrungen und Wirrungen, aber auch die Anfänge und Etappen-Erfolge dieser Saga, die an Werner Herzogs Film «Fitzcarraldo» erinnert. Die Regisseurin ordnet Gesprächsfetzen, Organisations-Chaos, Proben und Inszenierungen, Interviews und Bilder aus Schlingensiefs Handy-Kamera zu einer ineinander verschachtelten Doppel-Geschichte.


Offizieller Film-Trailer


 

So viel Kraft wie seit 100 Jahren nichts mehr

 

Einerseits wird die Entstehung dieses einzigartigen Projekts begleitet, das nichts mit Entwicklungshilfe zu tun haben soll; nach eigener Aussage hat es Schlingensief so viel Kraft gegeben «wie seit 100 Jahren nichts mehr».

 

Zugleich wirft der Film einen Abschieds-Blick auf das überschäumende, wütende, stets kollektive und ebenso ganz persönliche Werk von Schlingensief. Er wollte es in Burkina Faso mit einem «Denkmal für mich selbst» krönen, wie er mit für ihn typischer Selbst-Ironisierung erklärt.

 

Image-Botschafter des coolen Deutschland

 

Stets ist er bemüht, sich zu analysieren, zu erklären, notfalls zu widerlegen oder eben genüsslich ins Lächerliche zu ziehen. Des Wagnerianischen seiner Mission bewusst, kommt es ihm auf die Unterschiede zwischen dem Grünen Hügel in Bayreuth und dem rotbraunen Hügel bei Ziniaré an.

 

Damit erhält die Diskussion neuen Stoff, ob der ehemalige Bilderstürmer und Medien-Guerillero endgültig in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist – noch mehr als mit seiner Bayreuther «Ring»-Inszenierung: Ist Schlingensief nun ein von Goethe-Instituten domestizierter Kultur-Fuzzi, der das Image vom coolen, post-wagnerianischen Deutschland in die Welt trägt?

 

Erratisch-dialektische Denkweise

 

Eher scheint es, als habe Schlingensief,  nachdem er sich lange über vieles in Deutschland empört hat, andere Themen gefunden, über die zu empören sich lohnt: etwa die Tatsache, dass weltweit die Menschen viel über ihr Differenzen wissen und wenig über ihre Gemeinsamkeiten. Und dass man nicht überall auf der Welt Leben und Kunst in eins setzen kann – wie in Berlin

 

Schlingensief hätte und hat das besser formuliert. Wenn er in seiner erratisch-dialektischen Denkweise mit seinen Verbündeten in Burkina Faso debattiert, wird klar, dass ihm dieses Projekt ungeheuren Spaß gemacht hat. Hier durfte er den ganzen Deutschtums-Komplex abwerfen, den er hierzulande wie einen schweren Mantel mit sich schleppte, und «von Burkina Faso lernen» – ein weiterer Slogan von ihm.

 

Entwicklungshilfe-Torheit wiederholt

 

Womit auch der Unterschied dieses Projekts im Vergleich zu normaler Entwicklungshilfe deutlich wird. Fast: Als die Organisation eine archetypische Torheit von Entwicklungshilfe wiederholt– nämlich Container voller Zeug anzuschleppen, für das noch keine Infrastruktur besteht– wird Schlingensief ziemlich kleinlaut.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier ein Email-Interview von kultiversum mit Christoph Schlingensief über „Via Intolleranza II“.

Meist sieht man ihn jedoch lachen: Als er zur Grundstein-Legung in ein afrikanisches Festtags-Gewand gekleidet wird, freut er sich wie ein Kind. Oder es zerreißt ihn schier vor Glück: Es gibt Szenen mit dem Ensemble von „Via Intolleranza II“, die dem Zuschauer die Sprache verschlagen.

 

Operndorf singt Schlingensief-Loblieder

 

Ein wichtiger Augen-Zeuge für Schlingensiefs unermüdlich scheinende Energie ist sein Architekt Diébédo Francis Kéré. Beide gingen ab dem ersten Tag durch dick und dünn; nun führt Kéré das Projekt weiter.

 

In Sachen Denkmal hat der Film ein happy end: Das Operndorf wird weiter gebaut. Dort singt man heute Lieder über Schlingensief; zum Beispiel bei der Einweihung einer Schule, bei der ihn Aino Laberenz vertrat, seine Nachfolgerin in der Leitung der Festspielhaus GmbH. Mit Knistern der Zeit auf der Tonspur endet der Film.


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