dOCUMENTA (13)

Künstler-Kongresse: Georges Didi-Huberman

Georges Didi-Huberman spricht am 11.06.2012 auf dem Künstler-Kongress der documenta 13. Foto: ohe
Wider den Mythos vom Kanon der Weltkunst: André Malraux träumte vom imaginären Museum – Chris Marker und Alais Resnais kritisierten ihn als Kultur-Chauvinisten. Philosoph Didi-Huberman erklärt, was das mit der documenta zu tun hat.

Die diesjährige documenta dreht in ihrem Begleit-Programm die Reflexions-Spirale eine Drehung weiter: Anstatt Künstler auf einem Kongress über was auch immer debattieren zu lassen, analysiert sie das Veranstaltungs-Format «Künstler-Kongress» selbst.

 

Info

dOCUMENTA (13)

 

09.06.2012 – 16.09.2012
täglich 10 bis 20 Uhr an 26 Standorten in Kassel

 

Katalog 24 €,
Begleitband 68 €

 

Weitere Informationen
zum Künstler-Kongress

Der fünftägige Vortrags-Marathon «Die Künstler-Kongresse: Ein Kongress» begann am Montag, 11.06., mit einem Highlight: Georges Didi-Huberman sprach über André Malraux und sein «musée imaginaire».

 

In der Tradition von Aby Warburg

 

Didi-Huberman zählt zu den profiliertesten zeitgenössischen Kunst-Theoretikern in Frankreich. In der Tradition von Aby Warburg arbeitet er vor allem an einer Hermeneutik der Bild-Betrachtung: Wie sind Bilder zu lesen und zu verstehen?


Auszüge des Vortrags (auf Englisch) von Georges Didi-Huberman und Interview (auf Französisch).


 

Malraux als Johannes der Täufer für Sartre

 

André Malraux (1901 – 1976) war einer der schillerndsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Er begann seine Laufbahn als revolutionärer Abenteurer in Indochina. Seine vier großen, zwischen 1928 und 1937 erschienen Romane formulieren eine Art Existentialismus avant la lettre – Sartre bezeichnete ihn als seinen «Johannes den Täufer».

 

In den 1930ern engagierte sich Malraux als Antifaschist im spanischen Bürgerkrieg und der KP Frankreichs (PCF); 1939 brach er mit den Kommunisten, als Stalin mit Hitler den Nichtangriffspakt schloss. Den Zweiten Weltkrieg verbrachte er in innerer Emigration; erst 1944 schloss er sich der résistance an.

 

Revolutionär wird konservativer Kultur-Hüter

 

Auf Seiten der Gaullisten: In der Nachkriegszeit war er de Gaulles Informations-Minister, ab 1959 der erste Kultur-Minister Frankreichs. In den zehn Jahren seiner Amtszeit prägte er die französische Kultur wie niemand vor ihm; er förderte moderne Künstler und zugleich die Bewahrung des kulturellen Erbes.

 

Vom Revolutionär zum konservativen Kultur-Hüter: Diese Karriere war und ist einmalig. In seinem Hauptwerk «Le musée imaginaire de la sculpture mondiale» (1952/4, erst 1987 auf Deutsch erschienen) träumte Malraux von einem Museum, das dank moderner Reproduktions-Techniken Kopien der wegweisenden Plastiken aller Epochen enthalten sollte – also einem wahren Tempel der Weltkunst.

 

Kunst-Export als organisierter Raub

 

Diese Vorstellung lehnten die französischen Filmemacher Chris Marker und Alain Resnais ab. In ihrem Film «Les statues meurent aussi» («Die Statuen sterben auch») dokumentierten sie 1953 den Kunst-Export der französischen Kolonialmacht aus Afrika. Was Bürokraten wie Malraux als Rettung einmaliger Kunstschätze ausgaben, war in den Augen der betroffenen Schwarzen wenig mehr als organisierter Raub ihres kulturellen Erbes.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Überblicks-Besprechung der dOCUMENTA (13) in Kassel

 

und hier eine Rezension der Ausstellung "Die entfesselte Antike" über Aby Warburg und die Geburt der Pathosformel im Wallraf-Richartz-Museum, Köln

 

und hier einen Beitrag über die von Georges Didi-Huberman kuratierte Ausstellung "ATLAS: How to Carry the World on One's Back" im ZKM, Karlsruhe.

Hier setzt Didi-Huberman an. Mit lokalem Bezug: Auch die erste documenta 1955 in Kassel hatte den Anspruch, einen Überblick über sämtliche bahnbrechenden Meisterwerke der Moderne zu bieten – quasi als kulturelle Wiedergutmachung, nachdem die Nazis sie als «entartet» verfemt hatten. Damit war ihr Konzept dem von Malraux’ musée imaginaire verwandt.

 

CCB als documenta-Alleinherrscherin

 

Den Eurozentrismus, der darin zum Ausdruck kam, hatten schon Marker und Resnais kritisiert – und Didi-Huberman schließt daran an. Natürlich hat sich der Fokus der documenta in den vergangenen Jahrzehnten unablässig erweitert. Doch immer noch entscheidet ein einziger «künstlerischer Leiter», was als maßgebliche Gegenwartskunst von Weltbedeutung gelten darf – und was nicht.

 

Dieses auf einem absoluten Alleinherrscher beruhende Ausstellungs-Konzept wird besonders dann problematisch, wenn die Entscheidungs-Gewalt in den Händen einer Person wie Carolyne Christov-Bakargiev (CCB) liegt – die ihre exzentrisch-esoterische Weltsicht als verbindlich und allein selig machend ausgibt. Insofern ist in Didi-Hubermans Vortrag ein Frontal-Angriff auf CCB enthalten – doch er viel zu höflich, um ihn offen auszusprechen.


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