dOCUMENTA (13)

Künstler-Kongresse: Tom McDonough

Tom McDonough spricht auf der documenta 13 über Künstler-Kongresse der Situationisten. Foto: ohe

Eine radikale Avantgarde siegt sich zu Tode: Gegen eine trostlos verwaltete Welt setzten die Situationisten auf kreative Spontaneität, erklärt Kunst-Historiker McDonough. Womit sie ein halbes Jahrhundert prägten – doch anders als erhofft.

«Unterm Pflaster liegt der Strand», «Es ist verboten, zu verbieten» oder «Sei realistisch, verlange das Unmögliche!»: Nur ein paar paradoxe Parolen sind von der «Situationistischen Internationalen» (SI) in Erinnerung geblieben. Obwohl die 1957 gegründete Künstler-Gruppe eine der radikalsten Avantgarden des 20. Jahrhunderts war – bis zu ihrer Selbst-Auflösung 1972.

 

Info

dOCUMENTA (13)

 

09.06.2012 – 16.09.2012
täglich 10 bis 20 Uhr an 26 Standorten in Kassel

 

Katalog 24 €,
Begleitband 68 €

 

Weitere Informationen
zum Künstler-Kongress

Die SI lehnte Kapitalismus und Kommunismus gleichermaßen als «Gesellschaft des Spektakels» ab – so der Titel des Hauptwerks ihres Vordenkers Guy Debord von 1967: In beiden Systemen habe sich die Wirtschaft verselbstständigt und lasse das Dasein zu einem endlosen Reigen von Spektakeln verkümmern. Dabei spielten alle Menschen wechselnde Rollen: ob als disziplinierte Arbeitskräfte oder passive Konsumenten und Zuschauer.

 

Leben als Kunstwerk

 

Gegen Entfremdung und Isolation setzte die SI auf die «Konstruktion von Situationen»: Sie sollten die Trennung von Arbeit und Freizeit aufheben und das Leben selbst in ein Kunstwerk verwandeln. Wie es die Situationisten bei ihren Konferenzen praktizierten, erläuterte der Kunst-Historiker und SI-Experte Tom McDonough: Es ging ihnen um Teilnahme an einer Gemeinschaft, nicht-hierarchischen Dialog, Spontaneität und Leidenschaft.


Interview mit Tom McDonough + Auszüge seines Vortrags (auf Englisch)


 

Gruppen-Treffen mit Gelage

 

In scharfer Abgrenzung von allen Institutionen – ob staatlich oder supranational – und den etablierten Kunst-Strömungen der 1950/60er Jahre: etwa dem Nachkriegs-Surrealismus, den André Breton diktatorisch beherrschte. Dagegen gaben sich die Situationisten als egalitär-exzessive bohémiens: Gruppen-Treffen arteten regelmäßig in Gelage aus.

 

Was die Kreativität ihrer Mitglieder – darunter die Maler Asger Jorn, Uwe Lausen, Hans Platschek, die Münchener SPUR-Gruppe und der spätere Kommunarde Dieter Kunzelmann – offenbar beförderte. Ihre Zeitschrift «internationale situationniste» strotzte vor tief schürfenden theoretischen Texten in origineller Aufmachung; von Foto-Collagen bis zu Comic-Bildern.

 

Einfluss auf Punk + Guerilla-Marketing

 

Info

Lesen Sie hier einen Besprechung des Dokumentarfilms “Jean Tinguely” von Thomas Thümena über den den Situationisten nahe stehenden Künstler

 

und hier eine Rezension der Ausstellung “Der geteilte Himmel: Die Sammlung 1945–1968” mit Kunst der Nachkriegszeit in der Neuen Nationalgalerie, Berlin

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über eine Retrospektive des situationistischen Künstlers Uwe Lausen in der Sammlung Falckenberg, Hamburg.

Damit nahm die SI subversive Strategien der Pop Art ebenso vorweg wie Performances und Happenings, mit denen kurz darauf Fluxus- und Konzept-Künstler auf sich aufmerksam machten. Ihre Kritik am Waren-Fetischismus und Verweigerung der Konsum-Gesellschaft wurden für die Studenten-Bewegung zentral. Bis zu Punk, Postmoderne, Spaß-Gesellschaft und Guerilla-Marketing – ihr Einfluss ist gegenwärtig noch überall spürbar.

 

Denn die Situationisten waren eine entschieden moderne und urbane Bewegung; mit der Natur-Romantik von Hippies hatten sie nichts am Hut. Zunehmende Technisierung der Produktion sollte die Menschheit von Arbeitsteilung und Bürokratie befreien – ähnlich wie es Marx schon Mitte des 19. Jahrhunderts erhoffte.

 

Situationismus ist Nachtleben-Standard

 

Wobei der SI ihre begrenzte Reichweite bewusst war: Ihr revolutionärer Anspruch kam über kleine Zirkel in angesagten Cafés kaum hinaus, und ihre ästhetischen Innovationen ließen sich mühelos in die Waren-Kreisläufe des Kultur-Betriebs integrieren. Insofern hat sie sich zu Tode gesiegt: Heute sind alle Feierwütigen Situationisten – in den kapitalistisch regulierten Ausschweifungen des Nachtlebens.


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