dOCUMENTA (13)

Künstler-Kongresse: Warwick Thornton

Kuratorin Hetti Perkins (li.) im Gespräch mit Warwick Thornton. Foto: ohe

Wenn Radio-Nachrichten in sechs Sprachen 20 Minuten dauern: Der australische Filmemacher und Künstler Warwick Thornton schildert, wie die Jahrtausende alte Kultur der australischen Aborigines mithilfe modernster Technik fortbesteht.

Die Kultur der australischen Ureinwohner ist eine der ältesten des Planeten: Ihre Schöpfungs- und Welterklärungs-Mythen aus der so genannten dreamtime werden seit unzähligen Generationen weitergegeben. Nicht nur mündlich, sondern ebenso bildlich: als Ritzungen in Fels, Skizzen im Sand und Malerei auf Baumrinde – neuerdings auch auf Leinwänden.

 

Info

dOCUMENTA (13)

 

09.06.2012 – 16.09.2012
täglich 10 bis 20 Uhr an 26 Standorten in Kassel

 

Katalog 24 €,
Begleitband 68 €

 

Weitere Informationen
zum Künstler-Kongress

Allerdings hat die «Entdeckung» der Aborigines-Malerei ab 1970 durch den australischen und internationalen Kunst-Betrieb binnen kurzem zum «Ausverkauf» dieser Kultur geführt: Skrupellose Galeristen nötigten bedeutende Künstler mit Knebel-Verträgen, ihre markanten dot paintings in charakteristischer Tüpfel-Technik wie am Fließband herzustellen. Sie wurden mit einem Taschengeld abgespeist, während die Händler Fabel-Preise forderten.

 

Künstler-Kollektive zahlen angemessen

 

Erst in jüngster Zeit entstanden selbst verwaltete Künstler-Kollektive: Sie sorgen dafür, dass die Werke im passenden Kontext präsentiert und ihre Schöpfer angemessen am Erlös beteiligt werden. Eine zentrale Rolle bei dieser Renaissance ihrer Kultur spielten elektronische Medien, erläutert Warwick Thornton im Gespräch mit Hetti Perkins, renommierte Kennerin und Kuratorin für Aborigines-Kunst.


Interview (auf Englisch) mit Warwick Thornton, Auszüge des Gesprächs mit Hetti Perkins und Ausschnitte aus dem Film «Green Bush»


 

Cannes prämiert «Samson & Delilah»

 

Thornton hat «Samson & Delilah» gedreht: den ersten Langfilm, an dem vor und hinter der Kamera ausschließlich australische Ureinwohner beteiligt waren. Das Road-Movie über ein Aborigines-Liebespaar auf der Flucht gewann 2009 in Cannes die Goldene Kamera für das beste Spielfilm-Debüt und lief Ende vergangenen Jahres auch in deutschen Kinos.

 

An der diesjährigen documenta beteiligt sich Thornton mit der Performance-Installation «Home & Away: Mother Courage’s Van»: In einem VW-Bus fertigt eine Aborigine-Frau dot paintings an und bietet sie feil. Wie «Mutter Courage» im gleichnamigen Stück von Bertolt Brecht hat sie ihre Kinder sukzessive verloren – allerdings nicht auf Schlachtfeldern, sondern an Galeristen. Dennoch zieht sie dem Kunst-Zirkus von Ausstellung zu Ausstellung hinterher.

 

Mutter gründete Aborigines-Radio mit

 

Thornton kennt den Kultur- und Medien-Betrieb aus der eigenen Familie: Seine Mutter Freda Glynn zählt zu den drei Gründern der Central Australian Aboriginal Media Association (CAAMA). Von Alice Springs aus strahlt die CAMAA seit 1980 landesweit Radio- und TV-Programme in den Muttersprachen der Ureinwohner aus. Was recht aufwändig ist: Allein die Nachrichten dauern zwanzig Minuten, weil sie in sechs verschiedenen Idiomen vorgelesen werden.

 

Hintergrund

Website der CAMAA

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Aborigines-Spielfilms “Samson & Delilah” von Warwick Thornton

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über die Ausstellung “Remembering Forward” über Aborigines-Malerei seit 1960 im Museum Ludwig, Köln.

Rundfunk sei als Medium am besten geeignet, um die Kontakte unter den verstreut im Binnenland lebenden Aborigines-Gemeinden aufrecht zu erhalten, betont Thornton: Zumal viele ihrer Mitglieder oft Hunderte Kilometer von den Siedlungen entfernt als Gefängnis-Insassen inhaftiert seien. Davon handelt sein Kurzfilm «Green Bush» von 2005, aus dem Ausschnitte gezeigt wurden.

 

Kultur bewahren mit sozialen Netzwerken

 

Die digitale Revolution hat die Kommunikation unter den Aborigines weiter verbessert, ergänzt Thornton: Nun könnten sie sich via Skype, SMS oder Facebook kostengünstig und in Echtzeit miteinander unterhalten. Für die Ureinwohner sei daher die Beteiligung an «sozialen Netzwerken» im Internet keine Frage persönlicher Vorlieben, sondern des kulturellen Überlebens.


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