Noomi Rapace

Babycall

Wer unter Paranoia leidet, ist nie allein: Anna (Noomi Rapace) im Nahverkehrs-Bus. Foto: NFP
(Kinostart: 12.7.) Was schreit da aus dem Babyphon? Im norwegischen Psycho-Thriller von Pål Sletaune spielt Noomi Rapace, Star der «Millenium»-Trilogie, eine überforderte junge Mutter – womit der Film den Zuschauer foppt.

Eine allein erziehende Mutter wie Anna sollte jemanden haben, der sie beschützt. Warum sind die Sozialarbeiter so streng zu ihr? Sehen sie nicht, dass die junge Frau traumatisiert ist und Hilfe braucht?

 

Info

Babycall

 

Regie: Pål Sletaune, 95 Min., Norwegen/Deutschland 2012;
mit: Noomi Rapace, Kristoffer Joner, Vetle Q. Werring

 

Website zum Film

Wer sich derlei fragt, ist schon hineingetappt in die Wahrnehmungs-Falle, die dieser Psycho-Thriller stellt. Er scheut keine Finten und setzt sogar die eigene innere Logik aufs Spiel, um den Überraschungs-Effekt am Ende nicht zu gefährden. Das ist in diesem Genre an sich legitim. Doch der Film hinterlässt gemischte Gefühle.

 

Alles ist anders, als es scheint

 

Es ist kaum möglich, über diesen Film zu sprechen, ohne sein Geheimnis zu verraten: Schon in einer Kurzfassung der Handlung wäre das große Versteckspiel enthalten. Das mitzumachen, verbietet sich aber. Weswegen sich über die Handlung kaum mehr sagen lässt, als dass sie zu großen Teilen anders ist, als es scheint.


Offizieller Film-Trailer


 

Babyphon-Verkäufer kann Mutter nicht retten

 

Die Zuschauer lernen eine junge Mutter kennen, dann ihren kleinen Jungen und überdies ein Nachbars-Kind, das offenbar misshandelt wird. Außerdem tritt ein Mann in den Dreißigern auf, der Anna im Elektronik-Markt ein Babyphon verkauft. Daraus wird sie beunruhigende Geräusche hören, die aus einer anderen Wohnung kommen.

 

Zu diesem Mann knüpft Anna vorsichtig persönliche Bande: Er ist der emotionale Lichtblick der Geschichte. Doch auch der Verkäufer wird die junge Frau nicht retten können.

 

Optischer Schafspelz eines Sozial-Dramas

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Lobes-Hymne auf das Mehrgenerationen-Melodram "Die Liebenden – von der Last, glücklich zu sein" von Christophe Honoré mit Catherine Deneuve, Chiara Mastroianni + Milos Forman

 

und hier eine Besprechung des Films "Der Junge mit dem Fahrrad" von Jean-Pierre + Luc Dardenne über einen elternlosen Elfjährigen

 

und hier eine Kritik des schwedischen Familien-Dramas "Bessere Zeiten" von Pernilla August.

Scheinbar harmlos kommt der Film im optischen Schafspelz eines Sozial-Dramas daher. Die nüchterne, oft statische, quasi dokumentarische Kamera-Führung spiegelt eine Authentizität des Geschehens vor, auf die man sich arglos einlässt.

 

Die Darstellung der Protagonistin als nervlich angespannte, sozial überforderte Frau lässt einen Psycho-Thriller erwarten. Bald erkennt man, dass sie unter Halluzinationen leidet. Was aber nicht auf die extreme dramaturgische Doppelbödigkeit vorbereitet, die sich zum Schluss entfaltet.

 

Handlung fehlt stringente Binnen-Logik

 

Das Publikum würde gewiss tolerieren, dass seine Erwartungen an das Genre unterlaufen werden – wenn der Film hervorragend gemacht wäre. Doch seine Handlung lässt eine stringente Binnen-Logik vermissen. Nicht alle Elemente lassen sich sinnvoll den beiden Sphären zuordnen, in denen «Babycall» spielt: der filmischen Wirklichkeit oder Annas Halluzinationen.

 

Noomi Rapace, der Star aus der «Millenium»-Trilogie, spielt die Hauptrolle ergreifend und verkörpert glaubwürdig eine allein erziehende, vom Leben schwer geprüfte Mutter. Durch ihre Darstellungskunst und den realistischen Erzähl-Duktus stellen sich Anteilnahme und Betroffenheit ein. Dennoch erweist sich das vermeintliche Sozial-Drama schließlich als trickreiche Konstruktion, die auf raffinierte Art schockiert. Darüber bleibt Ärger nicht aus.


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