David Cronenberg

Cosmopolis

Besser durchschossene Finger als gar kein Gefühl: Eric Packer (Robert Pattinson) zielt auf seine Hand. Foto: Falcom Media
(Kinostart: 5.7.) Ein Staatsbegräbnis für die Finanz-Branche: «Twilight»-Star Robert Pattinson brilliert als Börsen-Hai im rollenden Stahl-Sarg, dem steigende Kurse sein komfortables Grab schaufeln.

Der Herr des Finanz-Universums ist ein 28-Jähriger, der schon alles hinter sich hat. Eric Michael Packer (Robert Pattinson) sieht Börsen-Trends mit sagenhaftem Instinkt voraus und hat damit ein Milliarden-Kapital angehäuft. Doch nun verspekuliert er sich.

 

Info

Cosmopolis

 

Regie: David Cronenberg, 108 min., Kanada/ Frankreich 2012;
mit: Robert Pattinson, Juliette Binoche, Paul Giamatti

 

Englische Website zum Film

Er setzt auf einen fallenden Yuan-Kurs, aber der steigt unablässig; sein Vermögen schmilzt im Sekunden-Takt dahin. Am Tag seines persönlichen Crashs fährt Packer mit Chauffeur und body guards durch New York – in seiner meterlangen Stretch-Limousine .

 

Im Schnecken-Tempo durch NY

 

Oder eher: Er haust darin, während sie im Schnecken-Tempo durch die Stadt kriecht. Die Straßen sind völlig verstopft: Ein Besuch des US-Präsidenten, Ausschreitungen protestierender Kapitalismus-Gegner und der Trauerzug für einen soeben verstorbenen Sufi-Rapper machen ein Fortkommen kaum möglich.


Offizieller Film-Trailer


 

Die Gattin im Taxi treffen

 

In seinem ledergepolsterten Stahl-Sarg voller touch screens samt Haus-Bar und Boden-Pissoir hört der Finanz-Magnat nichts: Kork-Dämmung und Panzerglas schlucken jeden Schall. Doch die Welt kommt zu ihm, und er hält Hof: Nacheinander empfängt er Analysten, eine Galeristin und Geliebte (Juliette Binoche), seinen Hausarzt zur täglichen Routine-Untersuchung, seine «Chef-Theoretikerin» und andere Vertraute.

 

Nur für seine anorektisch schöngeistige und ebenfalls milliardenschwere Gattin steigt er aus – als sie zufällig im Taxi neben ihm hält. Das ist ihre bevorzugte Art, Kontakt zur Wirklichkeit zu halten: «Man erfährt so viel über fremde Länder, wenn man Taxifahrer nach ihrer Herkunft fragt.»

 

Pattinson als idealer lebender Toter

 

Packer sucht Bodenhaftung lieber auf die harte Tour: Er lässt einen «Aktions-Künstler» (Mathieu Amalric) einen Torten-Anschlag auf sich verüben. Danach erschießt er seinen Leibwächter und sucht endlich seinen Peiniger (Paul Giamatti) heim, der ihm mit Mord-Drohungen nachstellt – wo er sich selbst in die Hand ballert.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Lobes-Hymne auf den Finanzmarkt-Thriller "Der große Crash – Margin Call" von JC Chandor mit Kevin Spacey

 

und hier eine Besprechung des Polit-Dramas "The Ides of March – Tage des Verrats" von George Clooney mit Paul Giamatti

 

und hier eine Kritik des Films "Das bessere Leben - Elles" von Malgoska Szumowska mit Juliette Binoche

Für die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Don DeLillo hat David Cronenberg ein internationales Star-Ensemble engagiert. Mit einer Ideal-Besetzung in der Hauptrolle: Teenie-Schwarm Robert Pattinson verfügt über den passend leeren Blick, die nervöse Mimik und das blasierte Getue, um den Finanz-Hai als lebenden Toten zu verkörpern. Er ist genau der verführerische Vampir, den er in der «Twilight»-Saga nur simulierte.

 

Gestelzt nihilistische Dialoge

 

Zumal in diesem Kammerspiel auf Breit-Reifen auch die Dialoge nicht von dieser Welt zu sein scheinen. Alle reden seltsam gestelzt in nihilistischen Aphorismen mit Packer – er erwidert mit abseitigem Fakten-Wissen. Ein Super-Hirn, das alles weiß und nichts begriffen hat.

 

Wie öfter bei DeLillos realitätsgesättigten Zeitgeist-Diagnosen wirkt auch hier die Handlung etwas gesucht: Alle Thesen, Phänomene und Gegenreaktionen, die der Turbo-Kapitalismus hervorgebracht hat, prallen auf engstem Raum aufeinander.

 

Ennui schlägt fröstelnd in Bann

 

Doch die recht artifizielle Konstruktion wird von Cronenberg kongenial umgesetzt. Sein manieriert kühler Regie-Stil erweist sich als perfekte Methode, um die Eiseskälte auf den Gipfelhöhen des Erfolgs auszumalen. Der ennui, der Packer bis zur Selbst-Zerstörung durchseucht, langweilt keine Sekunde, sondern schlägt den Zuschauer fröstelnd in Bann. Ein prachtvolleres Staatsbegräbnis für die Amok laufende Finanz-Branche ist kaum denkbar.


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