Berlin

Das Koloniale Auge – Frühe Porträtfotografie in Indien

Edward Taurines: Tänzerinnen, um 1890, Albuminabzug. Foto: © Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum
Von Maharadschas im Prunk-Ornat bis zu Asketen mit Keuschheits-Gürteln: Eine facettenreiche Ausstellung im Museum für Fotografie zeigt Porträts von Indern im 19. Jahrhundert – so, wie britische Kolonial-Herren sie sehen wollten.

Bereits um 1850 existierten in indischen Großstädten wie Delhi, Kalkutta und Bombay mehrere Fotostudios: Dort wurde in den ersten Jahrzehnten der Fotografie inszeniert – nicht nur, weil die Belichtung mindestens einige Sekunden dauerte und deshalb statische Kompositionen erforderlich machte.

 

Info

Das Koloniale Auge – Frühe Porträtfotografie in Indien

 

20.07.2012 - 21.10.2012
täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 22 Uhr im Museum für Fotografie, Jebensstr. 2, Berlin

 

Katalog 39,80 €

 

Weitere Informationen

Das britische Empire wollte es so: In seinem Auftrag entstanden die rund 300 Fotos, die in der Ausstellung «Das koloniale Auge» zu sehen sind. Seit 1813 hatte Großbritannien den indischen Subkontinent als Kolonialmacht besetzt.

 

Klischees von Armut + Andersartigkeit

 

Fotografie im Dienste von Ethnologie und Anthropologie bedeutete mehr als pittoreske Darstellungen von Landschaften und Architektur: Die beherrschten Völker sollten Klischees von Armut und Andersartigkeit erfüllen.

 


Impressionen der Ausstellung


 

Ältestes arbeitendes Foto-Studio der Welt

 

Mit der Oberschicht des indischen Kastensystems konnten sich die Kolonialherren einigermaßen identifizieren. So setzte das Foto-Studio Bourne & Shepherd – übrigens das älteste bis heute arbeitende Studio für Fotografie überhaupt – den Maharadscha Tukojirao II. Holkar von Indore im Stil eines europäischen Herrschers in Szene.

 

Mit prächtigem Säbel und Kopfputz wird der Maharadscha als Regent optisch deutlich definiert. Der üppige Schmuck über dem traditionellen Gewand und die im Hintergrund platzierte Staffage-Figur eines barfüßigen Dieners mit Turban und Wedel klassifizieren ihn aber auch als Archetypus eines exotischen Fremden.

 

Inszenierung + Selbst-Inszenierung

 

Offenbar hatte der Maharadscha für die Aufnahme wenig Zeit: Er bemühte sich keineswegs ins Atelier der Fotografen. Stattdessen wurde er nachlässig vor einem eilig zusammengestellten Hintergrund mit zerknautschtem Vorhang und verrutschtem Teppich platziert. Auch der Diener mag seinem Herrn keine Luft zufächeln und blickt recht gelangweilt.

 

Was ist Inszenierung durch den Fotografen, was Selbstinszenierung der Dargestellten auf solchen Bildern? Diese Fragen stellen sich bei historischen Aufnahmen von Brahmanen oder «Unberührbaren», Schlangenbeschwörern, Asketen und «Sadhus» – also «heiligen Männern»,  von Ureinwohnern abgelegener Insel-Gruppen wie den Andamanen oder halbnackten Tänzerinnen, die aufreizend in die Kamera blinzeln.

 

Mit Gewalt + Fusel gefügig gemacht

 

Solche Aufnahmen, die der britischen Öffentlichkeit ein vermeintlich wahres und reales Bild der Kronkolonie vermitteln sollten, entstanden zuweilen unter fragwürdigen Umständen. Um das gewünschte Foto zu erhalten, wurde manchmal Gewalt angewendet, mit der Staatsmacht gedroht oder großzügig Fusel ausgeschenkt, um die Porträtierten gefügig zu machen.

 

Schwer zu deuten ist der Blick einer jungen Frau vom archaisch lebenden Volk der Toda; das Bild ziert auch den Katalog. Schaut das Mädchen selbstbewusst oder scheu in die Kamera? Sind ihre Augen feucht vor Furcht, oder flirtet sie bereits kokett mit dem Fotografen, der 1875 in die Nilgiri-Berge in Südindien reiste, um Aufnahmen von «edlen Wilden» anzufertigen? Das Bild ist sorgsam komponiert: Die Haare des Mädchens wurden zu glänzenden Locken eingedreht und der Bildausschnitt zum Medaillon abgerundet.

 

Herrenmensch verschwindet unter Trophäen

 

Hintergrund

Lesen Sie hier einen Beitrag über die Ausstellung "The Last Harvest" mit Gemälden von Rabindranath Tagore im Museum für Asiatische Kunst, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "India Awakens - Under the Banyan Tree" mit zeitgenössischer Kunst aus Indien im Essl Museum, Klosterneuburg bei Wien

 

und hier eine Rezension des Dokumentar-Films "Der atmende Gott" von Jan Schmidt-Garre über die Ursprünge des Yoga

Doch wie sahen sich die Kolonial-Herren selbst? Das zeigt in der Ausstellung nur ein einziges Foto. Wie in einem Suchbild verschwindet ein korrekt frisierter und adrett gekleideter Europäer fast in einem gewaltigen Trophäen-Berg aus Tierfellen und Geweihen von Steinböcken und Antilopen: Ein Herrenmensch inszeniert sich als Jäger und Sammler.

 

Die rund 300 Aufnahmen stammen aus dem Ethnologischen Museum Berlin und galten lange als Kriegsverluste. Erst in den 1990er Jahren sind aus Russland wieder zurück nach Berlin gelangt; nun wurden sie wissenschaftlich erfasst.

 

Profil-Porträts wie in Verbrecher-Kartei

 

Unstrittig ist, dass die Fotos im Kontext ethnografischer Propaganda des Kolonialismus zu verstehen sind. Das gilt nicht nur für anthropometrische Aufnahmen nackter Männer und Frauen, die vermessen und gewogen wurden, oder Frontal- und Profil-Porträts, die Polizei-Bildern in einer Verbrecher-Kartei ähneln, sondern auch für realistisch anmutende Folklore- oder Straßen-Szenen. So fordert die Schau dazu auf, den eigenen Blick auf diese Bilder zu überprüfen – zu sehen ist Indien, wie es Briten im 19. Jahrhundert sehen wollten.


Diesen Artikel drucken