Bogdan George Apetri

Periferic

Schwerindustrie-Paradies Rumänien: Matilda (Ana Ularu) und ihr Sohn Toma (Timotei Duma) auf einer stählernen Fußgänger-Brücke in Bukarest. Foto: Peripher Filmverleih

(Kinostart: 12.7.) Atemlos durch Bukarest: Eine junge Mutter muss binnen 24 Stunden Rumänien verlassen, sonst landet sie wieder im Knast. Hauptdarstellerin Ana Ularu brilliert als Naturgewalt in einem Gefängnis-Drama der anderen Art.

Außer Atem in Bukarest: An einem einzigen Tag muss Matilda (Ana Ularu) ihr Leben umkrempeln. Sie hat nur 24 Stunden Freigang aus dem Gefängnis, in dem sie seit mehr als zwei Jahren einsitzt, womit sie dem Zuhälter Paul (Mimi Branescu) die Haft erspart: Nach Ablauf der Frist wird die Polizei sie suchen.

 

Info

Periferic – Outbound

 

Regie: Bogdan George Apetri, 87 min., Rumänien/ Österreich 2010;
mit: Ana Ularu, Mimi Branescu, Andi Vasluianu

 

Website zum Film

Mit ihrem achtjährigen Sohn Toma (Timotei Duma) will Matilda das Land verlassen. Das hat sie hinter Gittern vorbereitet. Vor dem Gefängnis-Tor wartet ein LKW, dessen Fahrer sie in die Hafenstadt Constanţa bringen soll.

 

Mit Bruder zur Beerdigung der Mutter

 

Von dort aus wollen Mutter und Kind mit dem Schiff übers Schwarze Meer entkommen, bevor ihre Flucht entdeckt wird. Doch der Brummi-Lenker verlangt 1500 Euro in bar.

 

Matilda macht das, was Entwurzelte meist tun, wenn sie nicht weiter wissen: Sie sucht Verwandte auf. Ihr Bruder Andrei (Andi Vasluianu) und seine Frau Lavinia (Ioana Flora) sind darüber wenig erfreut, nehmen die Freigängerin aber zur Beerdigung ihrer Mutter mit. Dort kommt es zum Eklat, als Matilda ihren Plan enthüllt und um Hilfe bittet.


Offizieller Film-Trailer


 

Sohn bei pädophilem Freier entdeckt

 

Nun hetzt sie zu Paul – er schuldet ihr eine Entschädigung für die Haft-Zeit. Der hartherzige Lude weigert sich; ohnehin hat er seine Ex-Geliebte längst durch eine andere ersetzt. Dennoch kommt Matilda trickreich an das nötige Geld heran; nun muss sie Toma auftreiben, den Paul ins Waisenhaus gesteckt hat.

 

Dort hat ihr Sohn den falschen Umgang: Seine Mama entdeckt ihn, als er gerade mit einem pädophilen Freier zugange ist. In großer Hast gelingt es Mutter und Kind, noch den Spätzug nach Constanţa zu nehmen – aber bis zum Schwarzen Meer werden beide nicht kommen.

 

Rumäniens Gesellschaft als Gefängnis

 

In Aufbau und Handlung knüpft «Periferic» an klassische Ausbruchs-Dramen wie «Papillon» von 1973 mit Steve McQueen an. Nur ist hier nicht der Knast das eigentliche Gefängnis, sondern die rumänische Gesellschaft insgesamt. So sehr sich Matilda auch abstrampelt, um mit List und Tücke das rettende Ufer zu erreichen – ihre Mitmenschen lassen sie mitleidlos untergehen.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der rumänischen Film-Satire „Ehrenmedaille“ von Peter Călin Netzer

 

und hier eine Lobes-Hymne auf den rumänischen Kleinstadt-Krimi “ Police, adjective“ von Corneliu Porumboiu

Dieser schonungslose Blick auf ein Milieu, in dem Gier und Gleichgültigkeit regieren, wäre kaum erträglich, spielte nicht Ana Ularu die Hauptrolle. Mit unbändiger Energie fegt die hagere, ausgezehrte junge Frau durch die Szenen: Wie ein wildes Tier rüttelt sie unablässig an einer Welt voller Gitter-Stäbe, aus der es für sie keinen Ausweg zu geben scheint.

 

Power women nach dem Ponta-Putsch

 

Doch ihr eiserner Wille, mit allen Mitteln ihre winzige Chance auf ein besseres Leben zu wahren, bleibt bis zum letzten Augenblick ungebrochen. Da zeigt sich Widerstand gegen Verhaltens-Muster der Älteren, der hoffnungsvoll stimmt.

 

Während Nicolae Ceauşescus byzantinischer National-Kommunismus den Rumänen jede Eigen-Initiative austrieb, schlägt sich eine neue Generation auf Biegen und Brechen durch. Solche power women wird man in Bukarest brauchen, wenn die jetzige Regierung unter Victor Ponta ihren kalten Putsch vollendet, indem sie Präsident Traian Băsescu absetzt und den Staat als Beute unter ihren Gefolgsleuten verteilt.


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