dOCUMENTA (13)

Rundgang durch das Fridericianum

Seiten-Ansicht des Fridericianums. Foto: ohe

Künstler stirbt drei Tage nach Video-Dreh

 

Allerneueste Kämpfe zeigt ein Video des Ägypters Ahmed Basiony: Er drehte es am 25. Januar 2011 auf dem Tahrir-Platz in Kairo während der Massen-Proteste gegen das Mubarak-Regime. Drei Tage später starb Basiony durch Polizei-Schüsse; das Video wurde sein Vermächtnis.

 

Diesen makabren Sachverhalt erfährt nur, wer den Katalog konsultiert: Alle Werke werden in der Ausstellung kaum erklärt. Ebenso wenig die ältesten Beiträge: 4000 Jahre alte, kleinformatige Figurinen aus Baktrien, die Archäologen im heutigen Ost-Afganistan fanden. Wen sie darstellen oder wozu sie dienten, ist unbekannt.

 

Bücher in Stein nachgemeißelt

 

Aus Afghanistan stammen ebenfalls die Objekte, die Michael Rakowitz beisteuert: Er ließ Bücher, die 1943 beim US-Bomberangriff auf Kassel teilweise verbrannten, von zeitgenössischen afghanischen Bildhauern in Stein nachmeißeln – so entstanden bizarre Skulpturen von erratischer Schönheit.

 

Dagegen sind die Sujets von Wandteppichen in der Rotunde im ersten Stock überdeutlich: Nazi-Schergen und ihre Opfer. Mit solchen Knüpf-Arbeiten protestierte die Norwegerin Hannah Ryggen in den 1940/50er Jahren gegen Krieg und Gewalt. 1941/2 schuf Charlotte Salomon eine Serie von mehr als 1.300 Gouachen, in der sie ihre Lage als verfolgte Jüdin verarbeitete: Einige Dutzend sind ausgestellt. 1943 wurde Salomon in Auschwitz ermordet.

 

Apfel-Bilder + Verschwörungs-Theorie

 

KZ-Häftling war auch der Pfarrer Korbinian Aigner: Er saß in Dachau ein, züchtete dort Apfel-Sorten und zeichnete sie naturalistisch – nun sind diese Bilder auf der documenta zu sehen. Neben wandfüllenden Schau-Bildern und ausladenden Zettel-Kästen des US-Amerikaners Mark Lombardi: Er wollte damit Querverbindungen in der internationalen Politik sichtbar machen – Verschwörungs-Theorie als Kunst-Form.

 

Allerdings finden sich auch Arbeiten, die mehr durch ihre visuellen Qualitäten als durch pazifistische Gesinnung auf sich aufmerksam machen. Etwa Werke der australischen Ureinwohner Doreen Reid Nakamarra und Warlimpirrnga Tjapaltjarri: Ihre metergroßen Leinwände zeigen das typische Geflecht eng getüpfelter Linien. Seit Äonen halten Aborigines auf diese Weise Mythen der so genannten dream time fest – quasi als mentale Landkarten einer schriftlosen Kultur.

 

Gebrauchs-Gegenstände aus Weltkriegs-Schrott

 

Im Obergeschoss gelingt zwei Künstlern der Spagat zwischen der von CCB vorgegebenen Gewalt-Thematik und ästhetisch originellen Lösungen. Die Polin Goshka Macuga füllt die Rotunde unter dem Dach mit einer fotorealistischen Tapisserie, auf der die Ruine eines afghanischen Königs-Palastes zu sehen ist; im Vordergrund stehen lokale Würdenträger. Eine analoge Tapisserie mit der Ansicht des wieder aufgebauten Fridericianums samt deutschen Honoratioren zeigt Macuga zeitgleich in der documenta-Parallelausstellung in Kabul.

 

Kader Attia, Franzose algerischer Herkunft, belegt einen Saal mit der Groß-Installation «The Repair». Er hat Gebrauchs-Gegenstände zusammengetragen, die von findigen afrikanischen Handwerkern aus Schrott des Ersten Weltkriegs hergestellt wurden: etwa Bilder-Rahmen und Besteck aus Patronen-Hülsen oder Musik-Instrumente aus Stahl-Helmen.

 

Schmuck-Narben oder Kriegs-Verletzungen

 

Hintergrund

Hier finden Sie alle Beiträge zur documenta bei Kunst+Film.

Flankiert werden diese Kriegs-Souvenirs durch hölzerne Büsten, die Afrikaner mit traditionellen Schmuck-Narben oder Kriegs-Invalide darstellen: Ihre Gesichter sind von Verletzungen scheußlich entstellt. Eine vielschichtige Arbeit, die an eine fast vergessene historische Episode erinnert: Viele Afrikaner wurden von ihren Kolonial-Mächten gezwungen, in den Material-Schlachten des Ersten Weltkriegs mitzukämpfen.

 

Solche Komplexität lassen die meisten der im Fridericianum gezeigten Arbeiten vermissen: Sie sind so eindeutig eindimensional wie die ideologische Ausrichtung von CCB. Insofern gibt die Auswahl trefflich wieder, wie es unter ihrer Schädeldecke zugeht.


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