Fernando Meirelles

360

Er könnte ihr Großvater sein: Laura (Maria Flor) verabschiedet sich nach ihrer Zufalls-Bekanntschaft im Flugzeug vom Ex-Alkoholiker John (Anthony Hopkins). Foto: © Prokino

(Kinostart: 16.8.) Alle hängen mit Allen zusammen: Meirelles, gefragter Regisseur seit seinem Slum-Schocker «City of God» von 2002, verfilmt Schnitzlers Drama «Reigen» neu. Dabei verzettelt er sich an sechs Schauplätzen mit großem Star-Ensemble.

Arthur Schnitzlers «Reigen» ist kein sonderlich raffiniertes Theaterstück. Der Wiener Erotomane lässt in zehn Episoden uneheliche Paare ihr rhetorisches Vor- und Nachspiel um den Beischlaf herum inszenieren, der selbst nicht vorkommt. Das klappert arg mechanisch – nach ein paar Szenen hat man den Bau-Plan kapiert.

 

Info

360

 

Regie: Fernando Meirelles, 110 min., Großbritannien/ Frankreich 2012;
mit: Jude Law, Anthony Hopkins, Moritz Bleibtreu

 

Website zum Film

Dennoch zählt der «Reigen» zu den großen Skandal-Dramen des 20. Jahrhunderts: 1900 als Privatdruck veröffentlicht, wurde das Stück erst 1921 uraufgeführt. Es hagelte Proteste und Gerichts-Urteile – das bürgerliche Publikum fand seine Doppelmoral allzu deutlich angeprangert. 1922 resignierte Schnitzler und verhängte ein Aufführungs-Verbot, das erst 1982 endete.

 

Drehbuch vom «The Queen»-Autor

 

Nun überträgt der britische Drehbuch-Autor Peter Morgan, der 2006 die Vorlage für «The Queen» mit Helen Mirren lieferte, Schnitzlers Stück in die globalisierte Gegenwart. 15 Personen begegnen einander in Großstädten von Denver bis Bratislava und verstricken sich in Herzens-Angelegenheiten: mal erotisch, mal melodramatisch oder kriminell.


Offizieller Film-Trailer


 

Kein Callgirl-Sex nach Erpressung

 

Der britische Geschäftsmann Michael Daly (Jude Law) bestellt sich in Wien telefonisch ein Callgirl; als das sein Verhandlungspartner (Moritz Bleibtreu) bemerkt und ihn erpresst, lässt er von ihr ab. Derweil hat Dalys Frau Rose (Rachel Weisz) in London eine Affäre mit einem jungen Fotografen aus Brasilien.

 

Wegen dieser Seitensprünge verlässt ihn seine Freundin Laura (Maria Flor) und kehrt mit dem nächsten Flug nach Brasilien zurück. An Bord lernt sie den Ex-Alkoholiker John (Anthony Hopkins) kennen; der sucht verzweifelt seine Tochter, nachdem sie vor Jahren von zu Hause weglief, als eine Bett-Affäre von John aufflog.

 

Vergebliche Verführung des Sexual-Straftäters

 

In Denver kommt es zu einem ungeplanten Zwischen-Stopp: Während eines Schneesturms sind alle Starts gestrichen. Beim Warten trifft Laura auf Tyler (Ben Foster) und versucht vergeblich, ihn zu verführen: Sie weiß nicht, dass Tyler vorbestrafter Sexual-Straftäter und auf der Reise zu einer Rehabilitations-Einrichtung ist.

 

Weiter treten auf: ein muslimischer Zahnarzt in Paris, der dem Werben seiner russischen Assistentin widersteht. Die will sich von ihrem Ehemann scheiden lassen: Der Profi-Gangster lässt sich von seinem brutalen Boss (Mark Ivanir) wie ein Lakai schikanieren. Wofür er sich rächt, indem er ihn ins offene Messer laufen lässt: Dessen Schäferstündchen mit einer Nutte in Wien endet in einem Blutbad.

 

Oversexed and underfucked

 

Damit würzt Drehbuch-Autor Morgan seinen Reigen-Remix nach gut eineinhalb Stunden mit einer kräftigen Portion sex and crime. Zuvor wird wie in der «Bravo» ständig von Liebe, Sex und Eifersucht geredet, aber zu sehen sind solche Leidenschaften selten: Im Unterschied zur schwülen Dekadenz des Wiener fin de siècle spielt «360» vorwiegend an aseptischen Nicht-Orten wie Airport-Abfertigungshallen und Hotel-Lobbys.

 

Deren temporäre Bewohner sind durchweg oversexed and underfucked: Sie denken zwar dauernd daran, trauen sich aber kaum. Moralische Bedenken und Schuldgefühle halten sie davon ab. Was zwar einen wohl formulierten Reigen aus Lebensweisheiten und Poesiealben-Sinnsprüchen ergibt, doch keinen stimmigen Spielfilm.

 

Bestens für Konfirmanden-Unterricht geeignet

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des japanischen Erotik-PsychothrillersGuilty of Romance“ von Sion Sono

 

und hier einen Beitrag über das Melodram „W.E.“ von Madonna über die Liebe zwischen Edward VIII. + Wallis Simpson

 

und hier eine Lobes-Hymne auf das französische Mehrgenerationen-Melodram „Die Liebenden – von der Last, glücklich zu sein“ von Christophe Honoré mit Catherine Deneuve + Chiara Mastroianni

Sein Bau-Prinzip ist der Anti-Klimax: Jedes Mal, wenn zwei Protagonisten kurz davor stehen, es zu tun, kommen Gewissensbisse einem von beiden in die Quere. Das ist moralisch wertvoll, höchst erbaulich und so aufregend wie die Einlassungen des Vatikans zur Sexual-Ethik. Pfarrer werden den Film sicher gern im Konfirmanden-Unterricht einsetzen.

 

Möglicherweise hat Regisseur Fernando Meirelles für «360» seine katholischen Wurzeln wieder entdeckt. Der Brasilianer wurde 2002 mit «City of God» schlagartig berühmt: Diese Jugendbanden-Saga aus den favelas von Rio de Janeiro entfaltete die Parallel-Gesellschaft eines Dritt-Welt-Slums mit epischer Wucht und rasanter, an der Ästhetik von Video-Clips geschulter Bildsprache. Auch «Der ewige Gärtner» mit Ralph Fiennes in der Hauptrolle wurde 2005 weltweit ein Achtungs-Erfolg.

 

Triviale Einsicht trotz enormen Aufwands

 

Diesmal scheitert Meirelles an der Episoden-Struktur von «360»: Kaum hat man sich ein Gesicht eingeprägt, verschwindet es wieder und macht neuen Figuren Platz. Deren Biographien sind so plausibel wie unerheblich; ihre Begegnungen geschehen so zufällig wie folgenlos. Alle hängen mit Allen zusammen: im Zeitalter von Internet und Smartphones eine triviale Einsicht, für die es weder sechs Metropolen-Schauplätze noch eines internationalen Star-Ensembles bedarf.


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