Trueba + Mariscal

Chico & Rita

Glücklich vereint am Piano: Chico + Rita. Foto: Koolfilm

(Kinostart: 30.8.) Bester Europäischer Animations-Film 2011: Das Zeichentrick-Abenteuer der kubanischen Musiker Chico und Rita ist eine schlichte Love Story – in atmosphärisch dichtem Dekor samt herrlichem Latin Jazz.

Wie dreht man einen semidokumentarischen Spielfilm über legendäre Musiker, die entweder längst tot, in Ehren ergraut oder inzwischen vergessen sind? Indem man sie zeichnet: So lassen Regisseur Fernando Trueba und der Grafiker Javier Mariscal die goldene Ära des Latin Jazz wieder aufleben.

 

Info

Chico & Rita

 

Regie: Fernando Trueba + Javier Mariscal, 93 min., Spanien/Großbritannien 2010

 

Website zum Film

Kuba war in den 1940/50er Jahren das tropische Ferien-Paradies der Vereinigten Staaten: Yankees flogen in Scharen ein, um sich mit billigem Rum und willigen Schönheiten zu amüsieren. Das Nachtleben war fest in den Händen der US-Mafia, von Diktator Batista geduldet.

 

Castro beendet Party abrupt

 

Als ihn Fidel Castro 1959 verjagte und die Party abrupt endete, reagierte Washington entsprechend ungehalten. Doch «Chico & Rita» spielt in den Jahren zuvor, als die dekadente Karibik-Idylle noch intakt war und täglich Dutzende von Flugzeugen voller US-Touristen in der Hauptstadt La Havanna landeten.


Offizieller Film-Trailer


 

Swingende Tonspur mit klassischen standards

 

Die Handlung ist eine schlichte boy meets girl story: Bar-Pianist Chico verguckt sich in die Sängerin Rita. Erst will sie nichts von ihm wissen, dann flieht sie vor seiner Eifersucht. Nach New York, wohin es viele kubanische Musiker zog: Aus den Rhythmen, die sie mitbrachten, entstand in Verbindung mit Bebop und Cool Jazz der Latin Jazz.

 

Den zelebriert der Film ausgiebig: Klassische standards von Dizzy Gillespie, Cole Porter und Thelonius Monk lassen die Tonspur ebenso swingen wie der Exil-Kubaner Bebo Valdés, der den Soundtrack komponierte. Er arbeitet mit Regisseur Fernando Trueba seit dem Latin-Jazz-Dokumentarfilm «Calle 54» aus dem Jahr 2000 zusammen.

 

Reduzierte Mimik wie in japanischen Animes

 

Musikalisch ist der Film absolut geschmackssicher, optisch nur bedingt. Die Atmosphäre im übersprudelnden La Havanna samt pittoresk verfallener Kolonial-Architektur gelingt Grafiker Mariscal ebenso überzeugend wie das 50er-Jahre-New York, das einem film noir entsprungen scheint. Doch sein an der ligne clair orientierter Stil eignet sich wenig für subtile Figuren-Zeichnungen.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Kritik des Tanz-Films „Flamenco, Flamenco“ von Carlos Saura

 

und hier eine Besprechung des Films „Rum Diary“ von Bruce Robinson mit Johnny Depp nach dem Roman von Hunter S. Thompson

 

und hier einen Beitrag über die kubanische Zombiefilm-ParodieJuan of the Dead“ von Alejandro Brugués.

Die Gefühlsstürme und Schicksalsschläge, die Chico und Rita heimsuchen, spiegeln sich in ihren Gesichtern kaum wider: Ihre Mimik ist so reduziert wie bei japanischen Animes. Wäre nicht die musikalische Untermalung, deren Liedzeilen quasi seismografisch anzeigen, wie es um die Charaktere steht, würden sie kaum anrühren.

 

Angeklebtes happy end ist egal

 

Dabei erwartet sie ein wechselhaftes Geschick: Rita wird im big apple zum gefeierten Star. Der nachgereiste Chico kommt zunächst nicht an sie heran. Als es ihm schließlich gelingt, wärt ihr Liebesglück nur kurz: Bei einer Razzia wird der Pianist fälschlich des Drogen-Handels beschuldigt und sofort nach Kuba ausgewiesen. Dort gerät er in die Wirren von Castros Revolution.

 

Bis er nach Jahrzehnten endlich wieder in die USA darf – und in Las Vegas seine Rita findet, die dort als has been ihr Gnadenbrot verzehrt. Doch auf dieses angeklebte happy end kommt es gar nicht an. Was bleibt, sind die unsterblichen Rhythmen des Latin Jazz und Ritas Scat-Gesang: prämiert mit dem Europäischen Filmpreis 2011 für die beste Animation.


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