dOCUMENTA (13)

Rundgang durch das ehemalige Elisabeth-Hospital

Fassade des ehemaligen Elisabeth-Hospitals, Oberste Gasse 4, vom Friedrichsplatz aus gesehen. Foto: ohe

Einsamer Höhepunkt der documenta 13: facettenreiche Arbeiten afghanischer Künstler, die sich alter Traditionen bedienen und virtuos moderne Techniken einsetzen. So entsteht ein verblüffend vielschichtiges Bild der dortigen Gegenwarts-Kultur.

Obwohl es unübersehbar zwischen Fridericianum und Ottoneum steht, ist das ehemalige Elisabeth-Hospital selbst vielen Kasselern kein Begriff. Trotz einer mehr als 700-jährigen Geschichte: Landgräfin Mechthild gründete es 1297 und weihte es der Heiligen Elisabeth.

 

Info

dOCUMENTA (13)

 

09.06.2012 – 16.09.2012
täglich 10 bis 20 Uhr an 26 Standorten in Kassel

 

Katalog 24 €,
Begleitband 68 €

 

Website zur Ausstellung

Das heutige Gebäude mit schlichter Renaissance-Fassade entstand Ende des 16. Jahrhunderts und wurde vorwiegend als Altersheim genutzt. Im Zweiten Weltkrieg brannte es völlig aus; danach riss man es bis auf die Fassade ab. Seit dem Wiederaufbau beherbergt es Sozialwohnungen.

 

Neben-Schau im leeren Restaurant

 

Im Erdgeschoss war zeitweise ein Restaurant untergebracht. Nun steht es leer – für documenta-Leiterin Carolyne Christov-Bakargiev (CCB) eine willkommene Gelegenheit, in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Haupt-Schauplätzen eine Neben-Ausstellung unterzubringen, die vielleicht die gelungenste aller documenta-Stationen ist.


Impressionen der Ausstellung im ehemaligen Elisabeth-Hospital


 

Teilnehmer zwischen 25 und 40 Jahren

 

Hier werden ausschließlich afghanische Künstler gezeigt. Teils haben sie an Seminaren teilgenommen, die im Vorfeld der documenta in Kabul organisiert wurden; teils leben sie im Ausland, weil sie oder bereits ihre Eltern vor dem Dauer-Krieg in ihrer Heimat flohen.

 

Die meisten Teilnehmer sind zwischen 25 und 40 Jahre alt. Dennoch fällt auf, wie selbstverständlich sie auf das Formen-Repertoire der Jahrtausende alten kulturellen Tradition ihrer Heimat zurückgreifen. Bei virtuoser Beherrschung modernster Techniken: Videos und am Computer bearbeitete Bilder sind ebenso vertreten wie Miniatur-Malerei oder Keramiken.

 

Raum-Folge wie Schatzkammer von Ali Baba

 

Nur die Eingangs-Situation befremdet: In einem komplett verkachelten Raum – offenbar die Küche oder Toiletten des einstigen Restaurants – sind die Wände flächendeckend mit Graffiti verunziert: Kritzeleien und Parolen auf Englisch und in arabischen Schriftzeichen, wie man es von Klo-Sprüchen kennt.

 

Dahinter aber öffnet sich eine Art Schatzkammer von Ali Baba: Die verwinkelten ehemaligen Gast-Räume bilden eine Abfolge von Kabinetten, in denen sehr unterschiedliche Arbeiten bestens zur Geltung kommen. Der Rundgang beginnt mit zarten Tusche-Zeichnungen von Mohsen Taasha: Der erst 21-Jährige aus Kabul interpretiert mittelasiatische Miniaturen-Malerei neu und kombiniert Kalligraphie mit auf wenige Linien reduzierten Figuren.

 

Recycling von Kriegs-Schrott + deformierte Keramiken

 

Fotografien von Zalmaï – mit 48 Jahren der Senior unter den Teilnehmern – zeigen allgegenwärtige Spuren des Krieges in Afghanistan. Waffen-Schrott dient den Bewohnern als Baumaterial; Stahl-Armierungen werden benutzt, um Behelfs-Brücken aufzuhängen, oder das Chassis eines Armee-Fahrzeugs findet als Ponton-Brücke Verwendung.

 

In mehreren Vitrinen sind Keramik-Arbeiten zu sehen. CCB hat offenbar ein Faible für solches Kunsthandwerk, das ansonsten im Kunstbetrieb eher unter ferner liefen rangiert: Im zentralen, «The Brain» genannten Schau-Raum des Fridericianums werden ebenfalls einige Gefäße aus gebranntem Ton ausgestellt. Die afghanischen Keramiken sind jedoch unbenutzbar, weil sie Löcher und andere Deformierungen aufweisen – Repräsentanten eines zerstörten Landes.

 

Bamiyan-Bücher aus Stein + afghanisches TV-Archiv

 

Auf Monitoren laufen Szenen aus den documenta-Seminaren und ihre Ergebnisse. Der US-Künstler Michael Rakowitz ließ für seinen Beitrag «What Dust Will Rise?» Bücher einer Kasseler Bibliothek, die im Zweiten Weltkrieg verbrannten, von afghanischen Bildhauern nachmeißeln. Dabei verwendeten sie den gleichen Sandstein, aus dem auch die 2001 von Taliban gesprengten Buddha-Statuen von Bamiyan gehauen waren.

 

Zudem haben Seminar-Teilnehmer ein digitales Archiv von Dokumentarfilmen des afghanischen Fernsehens erstellt, die von Zerstörung verschont blieben. Ausschnitte daraus sind ebenfalls zu sehen: Bilder von Bauern, Schäfern oder Musikern in Aktion. Nachrichten-Bilder aus den 1990er Jahren zeigen hingegen ein Land in Aufruhr: Tumult ist an der Tagesordnung.

 

Krücken- + Fahnen-Träger marschieren auf Video

 

Hintergrund

Hier finden Sie alle Beiträge zur documenta bei Kunst+Film.

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung “Gandhāra” über die antike graeco-indische Mischkultur in Afghanistan im Museum DKM, Duisburg

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Gesichter Afghanistans: Erfahrung einer alten Welt” mit Fotografien von 1953 im Willy-Brandt-Haus, Berlin

 

und hier eine Kritik des Dokumentarfilms “Generation Kunduz – Der Krieg der Anderen” von Martin Gerner.

Mit diesen Verheerungen beschäftigen sich auch zwei Video-Arbeiten. Rahraw Omarzad lässt in «Gaining and Losing» Menschen mit Krücken oder künstlichen Beinen marschieren. Lida Abdul schickt in «What We Have Overlooked» einen einsamen Fahnen-Träger in einen See, der idyllisch zwischen Berg-Ketten liegt; beim Schwimmen geht er unter.

 

Der Rundgang endet mit dem größtmöglichen Kontrast. Masood Kamandy, der 1981 in den USA geboren wurde und dort lebt, bearbeitet Fotos und andere Motive am Computer – ein wildes Bilder-Gewitter zwischen Schock-Ästhetik und gefällig dekorativen Farb-Spielereien.

 

Schilder-Maler interpretiert Fotos in Öl

 

Jeanno Gaussi griff hingegen für ihren Beitrag auf einen afghanischen Schilder-Maler in Kabul zurück: Sie ließ ihn alte Fotos von Mitgliedern ihrer Familie abmalen und neu interpretieren. Seine Öl-Gemälde muten unbeholfen und etwas naiv an; zugleich entfalten sie eine unheimliche Präsenz, die Gaussis tragische Familien-Geschichte ahnen lässt.

 

So entsteht in wenigen Räumen ein vielschichtiges und facettenreiches Panorama der afghanischen Gegenwarts-Kultur: von Krieg und Zerstörung schwer gezeichnet, doch zugleich verblüffend vital und vielseitig. Hätte sich CCB auf diese Teil-Ausstellung beschränkt, anstatt ein konfuses Potpourri vorzulegen – ihr wäre ein Meisterwerk gelungen!


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