Carlos Saura

Flamenco, Flamenco

Wirbel aus Farben und Bewegung: Gruppe von Flamenco-Tänzerinnen. Foto: Kairos Filmverleih
(Kinostart: 23.8.) Spaniens Regie-Legende Carlos Saura dreht ein Remake seines eigenen Films: Vor 15 Jahren setzte er dem Flamenco ein Doku-Denkmal. Nun bringt er Musik und Tanz dorthin, wo sie nicht hingehören: ins Museum.

Der Flamenco ist Spaniens musikalisches Geschenk an die Welt – ein ungeheuer reiches Zeichensystem aus Tanz, Gesang, Gitarrenspiel und komplexer Rhythmik, ausgeführt mit für Nordeuropäer ungewohnter Leidenschaft und Intensität. Zum zweiten Mal setzt Regisseur Carlos Saura dem Flamenco ein Denkmal – nach seinem gleichnamigen Film-Erfolg von 1997.

 

Info

Flamenco, Flamenco

 

Regie: Carlos Saura, 90 min., Spanien 2012;
mit: Paco de Lucía, Jose Mercé, Estrella Morente

 

Weitere Informationen

Team und Konzept sind 15 Jahre später identisch: Abermals ist der Film ohne Worte und konzentriert sich völlig auf die Inszenierung des Flamenco. Ohne Publikum tanzen, singen, musizieren und klatschen die Besten ihres Fachs – vor der Kulisse des Weltausstellungs-Pavillons in Sevilla, der von etlichen Einwohnern das meistgehasste Gebäude der Stadt genannt wird.

 

Meisterwerke der klassischen Moderne

 

Sowie vor Reproduktionen von Gemälden aus der Flamenco-Blütezeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Bildern von Picasso, Klimt und spanischen Meistern der klassischen Moderne. Damit stellt Regisseur Saura klar, wo er den Flamenco verortet: in der Sphäre der Hochkultur.


Offizieller Film-Trailer


 

Wurzeln bleiben ausgeblendet

 

Was für ein Gegensatz zu vielen anderen Filmen über populäre Musik- und Tanz-Stile – etwa den Werken von Tony Gatlif, dem französischen Regisseur mit Roma-Abstammung. Gatlif inszeniert seine Filme dort, wo die dokumentierte Musik zuhause ist: mitten im prallen Leben und nicht zu trennen von ihren arabischen, tziganen und (sub-)proletarischen Wurzeln – von Blut, Wein, Schweiß und Tränen.

 

All das blendet «Flamenco, Flamenco» weitgehend aus. Da nur Künstler-Namen und Stil-Bezeichnungen eingeblendet werden, überlässt Saura die Vermittlung des Kontextes den Performern. Einzelne Tableaus verweisen mit mehr oder weniger subtiler Symbolik auf den Kreislauf von Leben und Tod.

 

Auftritte der crème de la crème

 

Mit schlüssigem Farbkonzept, backdrops des andalusischen Nacht-Himmels und spartanischen Requisiten: Mal dient ein Kneipentisch als Schlagzeug, mal ein Amboss. Oder zu wohlklingender Blech-Blasmusik wird  – choreographisch stilisiert – die wiegende Motorik einer Prozession der österlichen semana santa dargeboten.  

 

Sauras Vorgehensweise hat ihre Vorteile: Die Kamera kommt nah heran an vor Schmerz und Intensität verzerrte Gesichter, Muskeln, Füße, schöne Frauen und flinke Finger – also große Kunst! Zudem tritt die crème de la crème des Flamenco auf: die Gitarristen Paco de Lucía und Tomatito, der Tänzer Israel Galvàn oder die Sängerin Estrella Morente – Namen, die aficionados in Verzückung versetzen. Solche Künstler verbinden Höchst-Leistungen mit einem Maximum an menschlichem Ausdruck.

 

Ästhetik wie im ZDF-Kulturprogramm

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films "Tournée" von Mathieu Amalric über eine Burlesque-Tanztruppe

 

und hier einen kultiversum-Beitrag zur Doku "Passione!" von John Turturro über das Musikleben in Neapel

 

und hier eine Lobes-Hymne auf die preisgekrönte 3D-Doku "Pina - tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren" von Wim Wenders über das Tanz-Theater von Pina Bausch.

Doch dieses Verfahren hat eine Kehrseite: Die Bilder zur Untermalung, das kunstvoll gesetzte Licht und die konventionell geführte Kamera setzen alles in einen seltsam gestellt und steril wirkenden Zusammenhang. In manchen Momenten sehen die Musiker wie Schauspieler aus, die sich selbst darstellen. So erinnert die Ästhetik des Films befremdlich an Musikvideo-Clips aus den 1990er Jahren und die Studio-Atmosphäre des ZDF-Kulturprogramms.

 

Dabei wird der Flamenco vom Leben entkoppelt und jedes Kontextes beraubt – als würde er im Museum ausgestellt. Gewiss ist der Film ein Augenschmaus für Kenner, doch die Inszenierung schielt auf ein bürgerliches E-Musik-Publikum, das Tanz gerne wohl geordnet auf funkelndem Tablett präsentiert sehen möchte wie bei Roger Willemsen. Diese Anbiederung an den Kulturbetrieb widerspricht dem Geist des Flamenco.

 

Verjazzrockung als neueste Entwicklung

 

Ob man seine Verjazzrockung zum «Flamenco fusiòn» als letzte Stufe seiner Entwicklung begrüßen mag, sei jedem selbst überlassen. Am Ende bleibt die Hoffnung, dass Tony Gatlif wieder einen neuen Musik-Film drehen möge – zuletzt verfilmte er Stéphane Hessels Anti-Globalisierungs-Streitschrift «Empört Euch!».


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