Thomas Kufus

Goldrausch – Die Geschichte der Treuhand

Die Wut wächst: Lautstarke Demonstration gegen die Treuhand auf dem Berliner Alexanderplatz. Foto: Realfiction

(Kinostart: 30.8.) Das größte Verlust-Geschäft aller Zeiten: Die Privatisierung der DDR-Betriebe war eine Hauruck-Aktion, bei der vieles schief lief. Diese Doku rollt die Geschichte der Treuhand-Anstalt kompetent und anschaulich auf.

Ein nie da gewesenes Ereignis der Wirtschafts-Geschichte: Im Sommer 1990 erhielt die «Treuhand-Anstalt» alle volkseigenen Betriebe (VEB) der untergehenden DDR übertragen. Schlagartig wurde sie zur größten Holding der Welt: mit 8.400 Unternehmen, 7.500 Hotels und Gaststätten, 25.000 Einzelhandels-Geschäften und 4 Millionen Beschäftigten.

 

Info

Goldrausch – Die Geschichte der Treuhand

 

Prod.: Thomas Kufus, 94 min., Deutschland 2012;
mit: Klaus Klamroth, Detlef Scheunert, Reinhard Höppner

 

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Die «Treuhand» sollte die DDR-Ökonomie privatisieren und unrentable Betriebe stilllegen. Das tat sie: Bis Ende 1994 wurden 4000 VEBs geschlossen; rund 2 Millionen Arbeitsplätze fielen weg. Dabei machte die «Treuhand» 256 Milliarden Miese, was 150 Millionen pro Tag entsprach.

 

Terroristen ermorden Treuhand-Chef

 

Bei diesem größten Verlust-Geschäft aller Zeiten erstaunt, wie schnell die «Treuhand» in Vergessenheit geraten ist. Anfang der 1990er Jahre war sie in Ostdeutschland der Buhmann schlechthin: Ihre Abwicklung der Planwirtschaft galt als «Ausverkauf» an westdeutsche Investoren. Viele Ossis betrachteten sie als feindliche Kolonial-Macht. Hass schlug in Gewalt um: Treuhand-Chef Detlev Rohwedder wurde 1991 von RAF-Terroristen ermordet.


Offizieller Film-Trailer


 

Ungenannter Regisseur distanziert sich vom Film

 

Inzwischen haben sich die Gemüter beruhigt – mit der Einsicht, dass viele «Errungenschaften» des Staats-Sozialismus nicht zu retten waren. Zudem räumen manche Treuhand-Manager im Rückblick ein, überhastet gehandelt zu haben: Mancher Konkurs hätte vermieden werden können, wäre mehr Zeit gewesen. Dennoch kursieren noch allerlei Räuber-Pistolen über habgierige «Besser-Wessis», die sich damals die Taschen füllten.

 

Zur Verschwörungs-Theorie lädt auch die Entstehung dieses Dokumentar-Films ein. Der damit beauftragte Regisseur – ein Kenner der Materie – distanziert sich vom Ergebnis und will seinen Namen nicht genannt wissen: Es gibt aber ein identisch betiteltes Buch, dessen Autor sich mit Google in zwei Sekunden herausfinden lässt. Für solche Fälle hält Hollywood den Pappkameraden «Alan Smithee» bereit; hierzulande springt Produzent Thomas Kufus ein.

 

Einziger Ossi in Treuhand-Spitzenposition

 

Sein Film kann sich sehen lassen: Eine seriöse Recherche rollt Entstehung und Geschäfts-Betrieb der «Treuhand» kompetent und anschaulich auf. Sie stützt sich auf zahlreiche Akteure der wilden Wende-Jahre: von Werner Schulz, führender DDR-Bürgerrechtler, bis zu Reinhard Höppner, 1994 bis 2002 Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt.

 

Als Kronzeuge tritt Detlef Scheunert auf: Er war Assistent des Treuhand-Vorstands Klaus-Peter Wild und ab 1991 für die Glas-Industrie zuständig – als einziger Ostdeutscher auf einer Spitzenposition. Sowie Klaus Klamroth, der bis 1992 die Treuhand-Niederlassung in Halle/ Saale leitete. Ihm wurde Korruption vorgeworfen; 1998 sprach ein Gericht ihn frei.

 

Konkurrenten aufkaufen, um sie zu erledigen

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Doku „Versicherungsvertreter“ von Klaus Stern über die „erstaunliche Karriere des Mehmet Göker

 

und hier einen Beitrag über den Film „Das System – Alles verstehen heißt alles verzeihen“ von Marc Bauder über profitable Stasi-Seilschaften

 

und hier eine Lobes-Hymne auf den Finanzmarkt-Thriller “Der große Crash – Margin Call” von JC Chandor mit Kevin Spacey.

Beide begleichen keine alten Rechnungen, sondern schildern ihren Arbeits-Alltag: Wie sie riesige Kombinate, die enorme Verluste anhäuften, in kürzester Frist begutachten und verwerten mussten. Die Bundesregierung wollte den Problem-Komplex möglichst rasch loswerden – dabei fielen etliche fragwürdige Entscheidungen.

 

Der Film führt Beispiele auf: DDR-Manager übernahmen ihre eigenen Kombinate und zerschlugen sie gewinnbringend. Westdeutsche Konzerne kauften VEBs ihrer Branche – um sie zu schließen und sich lästiger Wettbewerber zu entledigen. Doch das sind Einzelfälle: Insgesamt erledigte die «Treuhand» ihre historisch einmalige Aufgabe halbwegs passabel; die Folge-Kosten trug der Steuerzahler – bis heute.

 

1994 in BvS umbenannt

 

1994 wurde sie in «Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben» (BvS) umbenannt: Ihr bisheriger Name war zu belastet. Im Jahr 2000 stellte die BvS ihre Arbeit ein. Was übrig blieb, wird seit 2008 von der «Bundesanstalt für Immobilienaufgaben» erledigt. So endet der längste deutsche Wirtschafts-Krimi: als banaler Verwaltungs-Akt.


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