Leos Carax

Holy Motors

Die Schöne und das Biest: Das Model Kay M. (Eva Mendes, li.) gibt "Monsieur Merde" (Denis Lavant) Feuer. Foto: Arsenal Filmverleih
(Kinostart: 30.8.) Surreale Bilder-Orgie ohne Story: Leos Carax, gealtertes Wunderkind des französischen Kinos, lässt Schauspieler in der Stretch-Limousine durch Paris gondeln – zu hermetischen Episoden, die folgenlos verpuffen.

Ein Anzugträger (Denis Lavant) verlässt morgens seine Villa und wird von einer Stretch-Limousine abgeholt: Chauffeurin Céline (Édith Scob) kutschiert ihn den ganzen Tag quer durch Paris. Monsieur Oscar, wie sie ihren Fahrgast nennt, maskiert sich derweil für den nächsten Termin.

 

Info

Holy Motors

 

Regie: Leos Carax, 115 min,. Frankreich 2012;
mit: Denis Lavant, Kylie Minogue, Eva Mendes

 

Website zum Film

Erst wird er zur blinden Bettlerin, die auf einer Seine-Brücke Spenden erheischt. Dann betritt er im futuristischen Ganzkörper-Kostüm eine Art Proberaum, um mit einer Schlangen-Frau einen abstrakten Tanz im Motion-Capture-Verfahren einzustudieren.

 

Zerlumpt Trauer-Feiern stören

 

Danach kriecht er als «Monsieur Merde» aus der Kanalisation: Die zerlumpte Erscheinung rennt über den Friedhof Père Lachaise, stört Blumen fressend Trauer-Feiern und sprengt das photo shooting von Model Kay M. (Eva Mendes). Die verschleppt er in den Untergrund, wo sie gemeinsam rauchen.


Offizieller Film-Trailer


 

Neun Episoden ohne Zusammenhang

 

Auf diese Weise absolviert Oscar neun Stationen, die nichts verbindet: In einer Tiefgarage wird er zum Mörder, auf offener Straße selbst erschossen, im Hotel-Bett verabschiedet er sich von einer jungen Frau, im leer stehenden Kaufhaus «La Samaritaine» trifft er eine Ex-Geliebte (Kylie Minogue) wieder usw. Am Ende stellt Céline den Wagen im Parkhaus «Holy Motors» ab, wo Luxus-Limousinen mittels Blinkzeichen palavern, sobald ihre Fahrer weg sind.

 

Regisseur Leos Carax war einst ein Wunderkind des französischen Kinos. Mit «Die Liebenden von Pont-Neuf» gelang ihm 1991 ein bezauberndes Großstadt-Märchen voller spektakulärer Szenen, etwa einer Wasserski-Fahrt auf der Seine: Dafür erhielt er drei Europäische Filmpreise. Seither hat Carax nur noch einen Langfilm fertig gestellt: «Pola X» fiel 1999 bei Presse und Publikum durch.

 

Veraltete Verweigerungs-Haltung

 

«Holy Motors» ist ein rasch und billig gedrehtes Nebenwerk, da Carax derzeit aufwändigere Projekte nicht realisieren kann. Der als verschlossen geltende Kettenraucher denkt rein visuell: «Dafür hatte ich das Bild dieser Stretch-Limousinen im Kopf, die in den letzten Jahren aufgetaucht sind. Sie passen vorzüglich in unsere Zeit – protzig und geschmacklos. Trotzdem berühren sie etwas in mir. Sie sind veraltet, wie alte Science-Fiction-Spiele.»

 

Veraltet ist auch die trotzige Verweigerungs-Haltung, mit der sich dieser Film jeder Erklärung entzieht: Die neun Episoden wirken zugleich hermetisch und beliebig. Wie bei einem der kruden Film-Experimente der frühen 1970er Jahren, mit denen Meister-Regisseure wie Godard, Oshima und Polanski ihre Zuschauer verschreckten.

 

Kritiker-Lob in schwachem Cannes-Wettbewerb

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films "Cosmopolis" von David Cronenberg über einen in seiner Stretch-Limousine lebenden Börsen-Hai.

Dass der Film beim Festival in Cannes manche Beobachter begeisterte, lässt sich nur mit einem schwachen Wettbewerb erklären: Angesichts fader Dutzend-Ware erfreute wohl ermattete Kritiker-Augen, dass Carax eine surreale Bilder-Orgie entfesselt.

 

Die kann sein pockennarbiger Lieblings-Schauspieler Denis Lavant allein nicht zusammen halten. Ohne Story verpufft alles folgenlos: Etliche Anspielungen auf die Film-Geschichte zu entschlüsseln, dürfte allenfalls Kino-Freaks amüsieren.

 

Weltverachtung will ausgedrückt sein

 

Mit «Holy Motors» wird Carax der Umsetzung ehrgeiziger Film-Pläne kaum näher kommen. Das unterscheidet ihn von seinem Bruder im Geiste im französischen Kulturbetrieb: Michel Houellebecq ist gleichfalls misanthropischer Kettenraucher, doch seine Weltverachtung formuliert er in seinen Romanen virtuos aus. Es reicht eben nicht, alles schlecht zu finden – man muss das auch ausdrücken können.


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