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Der unkeusche Philosoph geht entschieden zu weit: Abraham (Vadim Glowna) agiert eine Sex-Szene mit Laura (Elisabeth-Marie Leistikow) zu deutlich aus. Foto: Moana Film

Ins Blaue


(Kinostart: 30.8.) Dolce far niente in bella Italia: Rudolf Thomes tragikomisches Film-im-Film-Drama tröstet mit unbeschwertem Lebensgefühl über den verregneten Sommer hinweg – und zeigt Vadim Glowna in seiner letzten Kino-Rolle.


Rudolf Thome ist der dienstälteste deutsche Autoren-Filmer im Wortsinne: Mit seiner Firma «Moana Film» macht er alles selbst. Von Skript und Finanzierung über Dreh und Schnitt bis zu Verleih und Vermarktung – sogar die Sichtungs-DVD für Kritiker brennt und beschriftet er eigenhändig.

 

Info

Ins Blaue - Nel Blu

 

Regie: Rudolf Thome, 105 min., Deutschland 2012;
mit: Alice Dwyer, Vadim Glowna, Elisabeth-Marie Leistikow

 

Weitere Informationen

Das macht ihn enorm produktiv: Seit 1968 hat er 28 Spielfilme gedreht. Alle haben den Thome-Touch – in wenigen Szenen wird seine persönliche Handschrift sichtbar. Obwohl die Einstellungen seiner nüchternen Bildsprache eher konventionell geraten, wie bei TV-Serien.

 

Hauptrollen für starke Frauen

 

Doch Thomes Personal ist unverwechselbar: In jedem Film spielen starke, sinnliche Frauen die Hauptrollen. Sie vergucken sich gern in ältere Männer, verdrehen ihnen den Kopf und behalten stets die Hosen an: Eifersucht und Konflikte lösen sie mit weiblicher Herzensklugheit auf.


Offizieller Film-Trailer


 

«Ins Blaue» als Making of eines Thome-Films

 

Oft in originellen Arrangements zu dritt oder zu viert – wobei sich Alltags-Moral verflüchtigt. Thome jongliert mit den Irrungen und Wirrungen der Liebe so elegant wie früher Eric Rohmer; die Handlung treiben beide Regisseure vor allem auf der Tonspur mit pointenreichen Dialogen voran.

 

Wie bei «Ins Blaue»: Thomes neuer Film wirkt passagenweise wie das Making of eines Thome-Films. Die Jung-Regisseurin Nike (Alice Dwyer) dreht mit Hilfe ihres Vaters, dem erfahrenen Produzenten Abraham Rabenthal (Vadim Glowna), ihren Debütfilm. Er handelt von drei Freundinnen, die im alten VW-Bus durch Italien reisen und irgendwie auf der Suche nach dem Sinn des Lebens sind.

 

Wittgenstein-Sohn als Thome-Scherz

 

Ihre Route kreuzen skurrile Gestalten: ein zum Mönch konvertierter Automechaniker, der ihren Bus repariert; ein stummer Fischer, der am Strand seinen Fang verschenkt, sowie der ergraute Philosoph Herbert, angeblich Spross von Ludwig Wittgenstein – ein typischer Thome-Scherz, denn Wittgenstein war schwul und kinderlos.

 

Das vage Skript – Nike lässt improvisieren – sieht vor, dass jedes Töpfchen sein Deckelchen findet: Eva bandelt mit dem Kfz-kundigen Kuttenträger an, Josephine mit dem Fischer, Laura (Elisabeth-Marie Leistikow) mit dem Philosophen. Aus Geldmangel geschieht das in Personalunion: Schauspieler Paul (Henning Vogt) mimt sowohl Mönch als auch Fischer, und Papa Abraham springt als Wittgenstein-Sohn ein – beide spreizen sich mit wolkigen Sentenzen.

 

Verschachtelte Film-im-Film-Konstruktion

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Rudolf Thome über "Ins Blaue"

 

und hier einen Beitrag über den Film "Das Haus auf Korsika" von Pierre Duculot

 

und hier eine Lobes-Hymne auf den italienischen Film “Vier Leben” von Michelangelo Frammartino über ein Dorf in Kalabrien.

 

und hier eine kultiversum-Besprechung des Films "Das rote Zimmer" von Rudolf Thome.

Damit nicht genug: Auch nach Drehschluss sind Paul und Eva heimlich ein Paar. Regisseurin Nike liebäugelt mit Tonmeister Lukas, während Laura mit ihrem Vater ins Bett geht: als Dank für die Film-Rolle, die er ihr zugeschanzt hat. Bei einer Sex-Szene vor laufender Kamera kommt es zum Eklat – und Nike fällt aus allen Wolken.

 

Sein tragikomisches Familien-Drama entfaltet Thome als verschachtelte Film-im-Film-Konstruktion. Auf welcher Realitäts-Ebene sich das Geschehen auf der Leinwand bewegt, wird häufig erst im Nachhinein deutlich: an sonnendurchglühten Tagen mit Badefreuden im tiefblauen Meer, Lagerfeuer-Romantik und viel Rotwein.

 

Relikt für die Toskana-Fraktion

 

Diese bukolische Stimmung trifft ganz den Geschmack der Toskana-Fraktion – die ihre kulturelle Hegemonie längst verloren hat. Auf die Generation Easy Jet-Set dürfte Thomes Italien-Idylle wie ein Relikt vergangener Zeiten wirken: als wilde Camper und «Blumen-Mädchen» an südlichen Stränden dem dolce far niente frönten. Indes: So leichthändig wie Thome inszeniert kein anderer Filmemacher unbeschwertes Lebensgefühl – und versöhnt mit einem verregneten Sommer.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 29.08.2012





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