Tamar Tal

Life in Stills

Bigger than life: Ben Weissenstein (re.) zeigt seiner Großmutter den XXL-Abzug eines der berühmtesten Foto-Motive der Weissensteins: Die junge Miriam Weissenstein in der Luft. Foto: Moviemento Verleih
(Kinostart: 16.8.) Die Fotografin Miriam Weissenstein wurde fast so alt wie Tel Aviv: Sie und ihr Mann Rudi hielten Israels Entwicklung in einer Million Aufnahmen fest. Ihr Lebenswerk würdigt Tamar Tal mit einer anrührenden Dokumentation.

Seit 1921 lebt Miriam Weissenstein in Tel Aviv; sie fast so alt wie Stadt selbst. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Rudi hat sie die Geschichte der größten Metropole des Landes begleitet und geprägt: Rudi Weissenstein war offizieller Fotograf bei David Ben-Gurions Ausrufung der Unabhängigkeit Israels 1948.

 

Info

Life in Stills

 

Regie: Tamar Tal, 58 min., Israel 2012;
mit: Miriam + Ben Weissenstein

 

Weitere Informationen

Das «Photohouse» (hebräisch: «Zalmania») der Weissensteins mit dem berühmten Schaufenster in der «Allenby Street» war Jahrzehnte lang eine Institution. Ihr Archiv umfasst heute mehr als eine Million Negative, in denen jedermann stöbern darf, um gesuchte Motive zu finden.

 

«Photohouse» für Prestige-Bau abgerissen

 

Kurz bevor das «Photohouse» einem sechsstöckigen Prestige-Bau weichen musste, hat Regisseurin Tamar Tal der damals 96-jährigen Miriam Weissenstein, ihrem Lebenswerk und ihrem Enkel Ben ein filmisches Denkmal gesetzt: die bereits auf zahlreichen Festivals prämierte Dokumentation «Life in Stills».


Offizieller Film-Trailer


 

Großmutter + Enkel durch Tragödie traumatisiert

 

Der Film konzentriert sich vor allem auf das sehr spezielle Verhältnis zwischen Miriam und ihrem Enkel. Zwölf Jahre nach dem Tod von Rudi Weissenstein ist Ben als Partner seiner Großmutter für Laden und Archiv mitverantwortlich.

 

Da treffen zwei sehr verschiedene Temperamente aus unterschiedlichen Generationen aufeinander, die noch dazu durch eine Familien-Tragödie traumatisiert sind. Miriam hat trockenen Humor und ist schnell beleidigt, zudem hört sie nicht mehr gut. Ben redet dementsprechend laut, regt sich leicht auf, hat keinen – oder einen sehr schrägen – Humor und scheint sich nie entspannen zu können.

 

Szenen erinnern an Spielfilm-Passagen

 

Dennoch zeigt der Film, wie sehr beide aneinander hängen und welch gutes Team sie zuweilen sind. Dabei hält die Kamera immer wieder intime und auch schmerzhafte Momente zwischen beiden fest, so dass sich die Frage stellt, wie viel Vorbereitung oder gar Proben manchen Dialogen vorausgingen, die an Spielfilm-Passagen erinnern. Was anschließend Szenen zu widerlegen scheinen, die sich kaum fingieren lassen.

 

Regisseurin Tal begleitet das ungleiche Gespann auf den Friedhof, wo Bens Eltern in getrennten Gräbern liegen, oder zur Hundert-Jahr-Feier der Gründung von Tel Aviv – hebräisch für «Altneuland»: ein Buchtitel von Theodor Herzl, dem Vordenker des Zionismus. Bei dieser Feier werden Fotos ihres verstorbenen Mannes in Rückprojektionen eingesetzt, die Miriam wenig gefallen.

 

Tel Aviv will Frankfurt am Main werden

 

Später reist der Film mit nach Frankfurt am Main, wo Miriam auf Deutsch eine Ausstellung eröffnet, die ihrem Gatten Rudi gewidmet ist. Oder die Kamera folgt dem Duo ins Rathaus von Tel Aviv, wo sie vergeblich gegen die verordnete Räumung ihres Laden-Lokals protestieren.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier einen Beitrag über die fantasievolle Tragikomödie "Das Schwein von Gaza" von Sylvain Estibal

 

und hier eine Besprechung der Doku "Cinema Jenin" von Marcus Vetter über die Restaurierung eines palästinensischen Kinos

 

und hier eine Lobes-Hymne auf den israelischen Film “Die Reise des Personalmanagers” von Eran Riklis.

Denn die Stadt Tel Aviv, deren Entwicklung die Weissensteins umfassend mit zwischendurch – leider viel zu kurz – eingeblendeten Fotos dokumentiert haben, dankte es ihren Chronisten schlecht. In der «Allenby Street», wo das Schaufenster ständig Passanten anlockt, die im Laden in alten Büchern und Abzügen stöbern, soll es nach dem Willen der Stadtväter bald so aussehen wie in einem Frankfurt unter südlicher Sonne.

 

Miriam Weissenstein starb Ende 2011

 

Dagegen fängt die Kamera häufig Zonen im Stadtgebiet ein, die von Alter und Zerfall gezeichnet sind: Kollateralschäden der Gentrifizierung von Tel Aviv und Jaffa springen ins Auge. Deswegen haben Angehörige der israelischen Mittelklasse im Sommer 2011 den mondänen «Dizengoff Boulevard» besetzt, um auf ihre Probleme aufmerksam zu machen – ohne dass sie gelöst würden.

 

Somit verschwindet allmählich das Tel Aviv, das auf den alten Schwarzweiß-Fotos der Weissensteins zu sehen ist: Miriam, der das Wissen um diesen Verlust während des gesamten Films ins Gesicht geschrieben steht, starb Ende 2011 im Alter von 98 Jahren.


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