Dessau

Marcel Breuer: Design und Architektur

Universitäts-Bibliothek, Saint John‘s Abbey and University Complex, Collegeville, Minnesota, 1964-66. Foto: Chicago Historical Society / Hedrich Blessing

Auf Stahlrohr-Freischwingern von Marcel Breuer hat jeder schon gesessen – dagegen sind seine Architektur-Entwürfe, die er in den USA realisierte, hierzulande kaum bekannt. Das Bauhaus stellt beide Aspekte seines Schaffens gleichberechtigt vor.

In Deutschland ist der 1902 in Ungarn geborene Marcel Breuer vor allem als Möbeldesigner bekannt. In den Wohnungen der Bildungsbürger-Bohème stehen entweder Stühle von Breuer oder von Charles Eames – oder beiden.

 

Info

Marcel Breuer:
Design und Architektur

 

01.06.2012 – 31.10.2012
täglich von 10 bis 18 Uhr im Bauhaus Dessau, Gropiusallee 38, Dessau-Roßlau

 

Begleitband 7,90 €

 

Weitere Informationen

Breuer selbst verstand sich allerdings vor allem als Architekt. Mit Gebäude-Entwürfen hatte  er nach seiner Emigration in die USA 1933 eine beeindruckende Karriere gemacht; dabei entstanden einige herausragende Bauten.

 

Welt-Tournee aus Weil am Rhein

 

Die Ausstellung im Bauhaus Dessau ist die erweiterte Version einer Schau, die vom Vitra Museum in Weil am Rhein konzipiert wurde und seit fast zehn Jahren um die Welt tourt. Nun ist sie endlich an ihrem ideellen Ursprungs-Ort angekommen; hier werden jetzt beide Aspekte seines Schaffens gleichberechtigt vorgestellt.

 

«Wahrscheinlich ist der entscheidendste Faktor für die Formgebung eines Gebäudes seine sichtbare Struktur, das Zusammenspiel von stützenden und tragenden Elementen – ein Zutagetreten von Spannungs-Zuständen in toter Materie», formulierte Breuer 1966 sein Credo: wie er es am Bauhaus in Weimar gelernt und später am Bauhaus in Dessau gelehrt hatte.

 

Mit 23 Jahren Leiter der Möbel-Werkstatt

 

Walter Gropius ernannte Breuer 1925 als «Jungmeister» zum Leiter der Möbel-Werkstatt des Bauhauses. Breuer hatte zwar eine Tischler-Ausbildung absolviert, doch hätte er sich lieber als Leiter der Architektur-Klasse gesehen – das empfand er als seine Berufung. Dennoch nahm der 23-Jährige die neue Aufgabe an.

 

Ein Sessel, den er bereits im Alter von 19 Jahren für die Ausstattung des Hauses Sommerfeld in Berlin entworfen hatte, zeigt seine Herangehensweise deutlich. Sehr architektonisch gedacht, präsentiert sich das Sitzmöbel als robust eckiges Tragwerk aus Holz und Leder-Polstern. Der Latten-Stuhl «ti 1 a» wirkt noch kubistisch: Er ist aus massiven Kirschholz-Leisten zusammengesteckt. Doch die Polsterung ist schon einer leichten Stoffbespannung gewichen; die Rückenlehne besteht nur noch aus schmalen Gurten.

 

Schwingendes Stahlrohr-Skelett mit flachen Häuten

 

Furore machte Marcel Breuer dann aber ein Jahr später mit dem Club-Sessel «Modell Nr. B3»; auch Wassily-Sessel genannt, denn er war für seinen Bauhaus-Kollegen Kandinsky bestimmt. Breuer gestaltete den Sessel als elegant schwingendes Stahlrohr-Skelett mit flachen Häuten zum Sitzen und Lehnen. Solche archetypisch modernen Stahlrohr-Möbel wirken heute noch so zeitgemäß wie ehedem.

 

Die Gebäude, die Breuer ab Mitte der 1930er Jahre vornehmlich in Amerika errichtet hat, stehen seinen Möbel-Ikonen in keiner Weise nach, sondern sind echte Entdeckungen. In der Kirche «St. Francis de Sales» von 1964 in Muskegon, Michigan, überfing er den trapezförmigen Grundriss mit einer selbsttragenden Konstruktion aus vertikal gerippten Wand- und Deckenflächen. Dadurch konnte er die beiden nicht tragenden Seitenwände gewagt hyperboloid verdrehen.

 

Gewagte Kirchen-Konstruktionen

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung „Donald Judd: A good chair is a good chair“ mit minimalistischen Möbeln im Bauhaus-Stil in der Pinakothek der Moderne, München

 

und hier eine Rezension der Ausstellung „Feininger aus Harvard – Zeichnungen, Aquarelle und Fotografien“ mit Bauhaus-Arbeiten von Lyonel Feininger in Berlin + München

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über die Ausstellung „Laszlo Moholy-Nagy: Kunst des Lichts“ mit Bauhaus-Kunst im Martin-Gropius-Bau, Berlin

So kitzelte Breuer aus dem vermeintlich schwerfälligen Werkstoff Beton größtmögliche Lebendigkeit heraus. In dieser Zeit war die Kirche einer seiner wichtigsten Auftraggeber; sie ließ ihm freie Hand. Etwa bei der Abtei «St. John’s in Collegeville» in Minnesota; sie lässt Breuers Vergangenheit als Möbel-Designer im Detail erkennen. Vor die massive Klosterkirche mit wabenförmiger Lichtfassade stellte er eine verspielt-dominante Funktions-Scheibe, die Kruzifix und Glockenspiel aufnimmt.

 

Gelungene Fassaden-Gliederungen

 

Wesentlich sachlicher sind Breuers Entwürfe für Einfamilien-Häuser: Dabei setzt er die Funktions-Lehren des Bauhauses um. In so genannten Zwei-Zellen-Häusern sind halb öffentliche Wohn-Bereiche wie Küche oder Speisezimmer von privaten wie Schlafzimmern oder Bädern getrennt. Auskragende Balkone und Vordächer, raumteilende Vorhänge und Glaswände, liegende Rechtecke und Band-Strukturen setzt Breuer selbstbewusst als Errungenschaften der Moderne ein.

 

Besonders gelungen gliedert er monumentale Fassaden und Volumina wie im Hörsaal «Begrisch Hall» der New York University oder dem Whitney Museum for American Art: Schalungsmuster werden zum Ornament. Fenster verstecken sich in kristallinen Mulden; pyramidale Erker falten sich aus der Wand. Form und Funktion wollen sich voneinander lösen: Architektur wird Skulptur.


Diesen Artikel drucken