Fernando Meirelles

Mehr Freizeit ohne Maschinen

Fernando Meirelles (li.) mit Anthony Hopkins, einem der Stars im Film «360». Foto: Prokino

Fernando Meirelles’ neuer Film «360» jagt 15 Figuren auf der Suche nach Liebe um den Globus. Im Gespräch beklagt der Regisseur die klein gewordene Welt, den Wahn ständiger Erreichbarkeit und die «Verarschung» durch neue Technologien.

Senhor Meirelles , die Figuren in Ihrem Film «360» sind keine Sympathie-Träger: Partner, die einander betrügen, oder Freier von Prostituierten. Ist der Mensch gemein?

 

Als ich das Drehbuch las, mochte ich jede der Figuren; ich halte alle für gute Menschen. Selbst ein Vergewaltiger, der dafür verhaftet wurde, will keiner sein, sondern ein guter Mensch, der nie wieder jemanden vergewaltigt. Doch irgendetwas zwingt uns, eine andere Richtung einzuschlagen: Ich will ein treuer Ehemann sein, bereue aber manche Dummheit meines Lebens. Es ist ein Kampf mit uns selbst, der in uns allen lauert.

 

Das ist das Interessante an meinem Film «360»: Es gibt keine klassischen Bösewichter. Doch sein Bestes zu geben, ist ziemlich schwierig; deshalb tun wir es nicht immer. Wir sind eine recht primitive Spezies: Wir kontrollieren zwar unsere Affekte, folgen aber dennoch häufig unseren Instinkten.

 

Reisen reizt durch lokale Eigenheiten

 

Info

360

 

Regie: Fernando Meirelles, 110 min., Großbritannien/ Frankreich 2012;
mit: Jude Law, Anthony Hopkins, Moritz Bleibtreu

 

Website zum Film

Reisen durch die globalisierte Welt sind die Voraussetzung von «360»: Alles hängt mit allem zusammen. Ihr Drehbuchautor Peter Morgan spricht von «multinationalen Milieus» und einer «einzigen Weltgemeinde»: Stimmen Sie dem zu?

 

In der Zukunft, so wir eine Zukunft erleben, werden Grenzen verschwinden. Gerade für Menschen wie Peter oder mich, die sehr viel reisen, haben Grenzen ihre Bedeutung verloren. Ich hoffe, dass uns dennoch lokale Eigenheiten erhalten bleiben; sie machen schließlich den Reiz des Reisens aus. Sonst wird die Welt zu einem homogenen Gebilde.  

 

Genau diesen Zustand zeigt ihr Film «360»!?

 

Ja, er zeigt, wie wir alle miteinander verbunden sind, und erzählt von weltweiten Verknüpfungen. Wir erleben das in der Wirtschaft, bei der Umweltverschmutzung oder auch bei Epidemien. Aus dieser eng verknüpfen Welt haben wir persönliche Beziehungen abgeleitet: Das, was ich hier heute mache, kann jemanden in China beeinflussen. Alles, was im Film geschieht, kann tatsächlich passieren.


Offizieller Film-Trailer


 

Heimat ist dort, wo sich mein Partner befindet

 

Hat diese klein gewordene Welt Einfluss auf das Heimatgefühl der Menschen?

 

Wir alle wissen, wo unsere Heimat liegt; das muss nicht unbedingt ein bestimmtes Land sein. Mein Zuhause ist dort, wo sich meine Frau befindet: Wenn ich bei ihr bin, bin ich zuhause. Unsere Beziehung gibt mir das Gefühl von Heimat – unter Absehung von Grenzen, Nationalitäten oder Pässen. 

 

Begleitet Sie Ihre Frau zu Dreharbeiten?

 

Nur dann, wenn ich für längere Zeit irgendwo einen Film drehe. Sie hat ihre eigene Arbeit in Brasilien; sie zu mir zu holen, wäre sinnlos, wenn ich täglich von einem Ort zum nächsten wechseln muss.

 

Ohne TV + Internet Traditionen erhalten

 

Wie lassen sich in der globalisierten Welt Traditionen konservieren?

 

In erster Linie durch Leute, die nicht reisen oder fernsehen, und keinen Zugang zum Internet haben: Sie erhalten ursprüngliche Kulturen. Ich lebe in Sao Paolo, einer kosmopolitischen Metropole mit Millionen von Einwohnern: Alle essen das Gleiche und sehen dieselben TV-Sendungen.

 

Doch einmal im Monat fahre ich zu einer Farm in einem kleinen Dorf, das 500 Kilometer von Sao Paolo entfernt ist. Dort leben die Leute recht abgeschnitten von der restlichen Welt. Sie haben ihr eigenes timing; ihr Tag ist länger. Dort esse ich die Kost der Einheimischen und spreche wie sie; ihre Kultur ist eine völlig andere.  

 

Wir sind Sklaven der Technologie

 

Was zieht Sie zu dieser Farm hin?

 

Mir gefällt, wie völlig anders es dort zugeht im Vergleich zur Großstadt. Sao Paolo ist gut vernetzt: mit Emails, Internet und Meetings. Auf dem Land habe ich kein Telefon und kein Internet; es ist wie eine Zeitreise in die Vergangenheit. Jeder, der mich erreichen will, muss eben warten. Ich mag dieses Gefühl.

 

Diese moderne Welt mit ihrer Technik hat uns verarscht: Vor 20 Jahren dachte man, dass neue Technologien für mehr Freiheit sorgen werden. Dass die Menschen mehr Zeit für Kultur haben würden; etwa, um zu schreiben und zu lesen. Das Versprechen lautete: Technik wird uns vom Zwang zur Arbeit befreien, und die Produktion wird an Maschinen ausgelagert. Genau das Gegenteil ist eingetroffen: Wir sind zu Sklaven der Technologie geworden und sollen dauernd arbeiten.

 

«360» als Kurzfilm-Festival

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension von «360».

In Deutschland wird eine Forderung von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen diskutiert: Sie schlägt zum Schutz der Arbeitnehmer verbindliche Regeln vor, wann diese erreichbar sein müssen und wann nicht.

 

Genau das meine ich: Ohne Maschinen hätten wir mehr Freizeit – aber der Job verfolgt uns. Ich persönlich benutze kein Handy und besitze nicht mal eines: Ich bin gerne unerreichbar. Das ist eine tolle Erfahrung und perfekt, um sich zu entspannen. Wir müssen lernen, wieder mehr darauf zu achten.  

 

Ihr Film «360» verknüpft Episoden verschiedenster Genres miteinander. Haben Sie die wie unterschiedliche Kurzfilme gedreht – also einen nach dem anderen?

 

Es war tatsächlich wie das Drehen von Kurzfilmen: In zig Städten mit unterschiedlicher Besetzung vor und hinter der Kamera. Eine meine größten Sorgen war, dass der Film wie ein Kurzfilm-Festival wirken könnte – trotz der miteinander verknüpften Episoden. Deshalb haben wir die einzelnen Geschichten organisch miteinander verbunden, indem viele Figuren in mehreren Episoden auftauchen, wenn man sie nicht erwartet.


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