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Rudolf Thome im Interview. Foto: ohe

Frauen interessieren mich besonders


«Ins Blaue» ist der 28. Film von Rudolf Thome in 44 Jahren – in fast allen geht es um die Liebe. Ein Gespräch über starke Frauen-Figuren, ideal beschwingtes Kino ohne Aussagen und Schwarm-Intelligenz als Arbeits-Prinzip.


Herr Thome, die meisten Ihrer 28 Spielfilme handeln von der Liebe. Gewiss ein unerschöpfliches Thema, aber warum widmen Sie sich ihm so intensiv?

 

Ich habe auch Filme über andere Themen gedreht, etwa 1977/78 die «Beschreibung einer Insel» über eine Südsee-Insel. «Supergirl» von 1970 war eher Science-Fiction, und der 16-Millimeter-Film «Made in Germany and USA» eine Ehe-Geschichte.

 

Info

Ins Blaue - Nel Blu

 

Regie: Rudolf Thome, 105 min., Deutschland 2012;
mit: Alice Dwyer, Vadim Glowna, Elisabeth-Marie Leistikow

 

Weitere Informationen

Das ist natürlich kein Film über die Liebe, sondern über etwas völlig Anderes…

 

Liebes-Geschichten sind das Interessanteste im Leben jedes Menschen: Daher schreibe ich seit «Das Mikroskop» von 1987 meine Drehbücher selbst. Mir wurden gute Drehbücher angeboten, in denen nur Männer vorkamen. Doch für mich waren sie nichts, weil keine Frau mitspielt.

 

Frauen interessieren mich eben ganz besonders. Dann kommen Männer hinzu: Mich interessiert, was zwischen beiden Geschlechtern passiert – selbst wenn ich einen Krimi drehe.

 

Glowna war ein wunderbar spontaner Schauspieler

 

Ähnlich wie bei Eric Rohmer sind Ihre Frauen-Figuren oft unbekümmert beschwingt – früher hätte man sie Blumen-Kinder genannt. Das wirkt heute leicht antiquiert und zugleich sehr charmant. Zugleich wissen diese Frauen, was sie wollen, und nehmen es sich auch – wobei sie sich über männliche Bedenken hinwegsetzen. Wie kommt das?

 

Wenn Laura bei «Ins Blaue» Vadim Glowna mit einem gelben Blümchen weckt, steht das nicht im Drehbuch – aber es passt sehr gut. Kurz darauf springt sie nackt aus dem Bett. Da wirft Glowna das Blümchen weg: Das ist genial! Damit zeigt er, welch wunderbar spontaner Schauspieler er ist – jetzt muss man leider sagen: war.


Auszüge des Interviews mit Rudolf Thome


 

Durch den Film gehen wie ein Heiliger

 

War dies die letzte Kino-Rolle von Vadim Glowna, bevor er Anfang 2012 starb?

 

Nach «Ins Blaue» kam noch etwas Kleines in Australien, aber im Prinzip war es seine letzte Rolle. Erst vier Wochen vor Drehbeginn kamen wir auf die Idee, ihn zu besetzen. Als er das Drehbuch gelesen hatte, ließ er seine Agentin sofort zusagen: Er wollte diesen Film unbedingt drehen.

 

Vielleicht ahnte er unbewusst, dass es seine letzte Rolle werden würde. Er hat noch seinen 70. Geburtstag mit unserem Team gefeiert und war dabei ganz entspannt und ruhig. Mein Eindruck war: Er ist durch diesen Film gegangen wie ein Heiliger.

 

Kommen wir auf Ihre Frauen-Figuren zurück…

 

Einer meiner Lieblings-Regisseure ist Howard Hawks: In seinen Filmen sind alle Frauen stark. Ginge es nach mir, gäbe es auch in meinen Filmen nur solche Frauen. Wenn eine Schauspielerin nicht diese Stärke hat, versuche ich doch, sie im Drehbuch so anzulegen.

 

Rudolf Thome ist zwei Personen

 

«Ins Blaue» wirkt über weite Strecken wie das Making of eines Thome-Films. Real-Ebene und Film-im-Film vermischen sich stark; oft weiß man nicht, wo man sich befindet. Dabei spielt Vadim Glowna einen erfahrenen Produzenten mit dem symbolträchtigen Namen Abraham. Wie viel Rudolf Thome steckt in dieser Figur?

 

Gar nichts von mir. Ich bin zwei andere Personen: Ich bin Rudolf Thome, der einen Film über einen Vater mit seiner Tochter dreht. Ich bin aber auch diese Nike, die ihren ersten Film dreht. Als diese Regisseurin mache ich Dinge, die ich mir als Rudolf Thome nie erlauben würde – damit spiele ich, und es macht mir Spaß!

 

Anfangs wollte ich den Film auf herkömmlichem Zelluloid drehen, während die Tochter digital dreht. Dann drehte ich selbst digital und merkte: Für mich ist das unkomplizierter und günstiger. Dann kam mir die Idee zu einem Farbfilm, in dem die Passagen der Tochter schwarzweiß sind. Doch die Postproduktion wäre zu teuer geworden. Ein Regie-Assistent riet mir, alles in Farbe zu drehen: Der Zuschauer solle selbst entscheiden.

 

Dann sah ich Filme des Koreaners Hong Sang-soo, der nur Filme über Regisseure dreht. Als Referenz an ihn habe ich zwei verschiedene Kameras benutzt: Dadurch wird die Optik etwas unterschiedlich. Manchmal habe ich von Nikes Film direkt in meinen Film geschnitten, also auf die Real-Ebene – und hoffe, das wird wahrgenommen.

 

Ein Thome-Film ist wie Kaugummi

 

Dennoch hat «Ins Blaue» den typischen Thome-Touch: Die Figuren essen gut und trinken viel Rotwein. Mit Leichtigkeit fädeln sie zarte Bande ein und lösen sie wieder: Am Anfang steigt Vadim Glowna ganz selbstverständlich zu Laura ins Bett – und verlässt es wieder, als sie nicht mehr kuscheln will. Alles spielt bei Sonnenschein auf dem Land, weit weg von der grauen Realität. Fühlen Sie sich der Toskana-Fraktion und ihrem Ideal vom guten Leben zugehörig?  

 

Eigentlich nicht; ich kenne es ganz anders. Als ich Ende der 1960er Jahre anfing, galten Arbeiter-Filme als wichtig. Ich habe in meinem Leben viel mit der Hand gearbeitet und hatte den Eindruck: Diese Leute hatten von Arbeitern keine Ahnung – sie wollten nur politische Aussagen machen. Das wollte ich nie.

 

Der Kritiker Kraft Wetzel hat meine Filme so beschrieben: «Ein Thome-Film ist Zweck in sich selbst, ist ein Stück Kino, ist. Ein Thome-Film ist wie ein VW oder ein Kaugummi. Wer ihn gemacht hat, ist unwichtig; Hauptsache, man hat seine Freude daran.» Ich finde das toll: wie ein Kaugummi – das ist wunderbar!

 

Zuschauer-Briefe von Psychoanalytikern

 

Ich finde das Gegenteil: Will ich Kaugummi, muss ich nur die Glotze anschalten und mir die Dutzendware nach Schema F anschauen, die auf 30 Kanälen läuft. Wenn ich aber einen Thome-Film sehe, betrete ich ein Märchen-Reich. Dort sagen gewöhnliche Männer und Frauen Sätze, die ich in der Wirklichkeit nie höre. Sie schreiben ihre Drehbücher einfach herunter: Geben Sie damit ihnen unterbewusst den Thome-Touch?

 

Mit Sicherheit, seitdem ich meine Drehbücher selbst schreibe. Was ich in 28 Tagen tue, ohne groß darüber nachzudenken. Als mein Film «Der Philosoph» 1988 im Kino lief, bekam ich viele Briefe von Psychoanalytikern, die Spuren des Unbewussten darin fanden.

 

Keine Angst vor Männerfantasie-Vorwürfen

 

Kein anderer deutscher Regisseur lässt Philosophie so selbstverständlich in seine Filme einfließen wie Sie. Damit heben Sie die Distanz zwischen akademischem Denken und Dasein auf – solche Versuche, das eigene Leben zu reflektieren, kommen ansonsten im hiesigen Kino kaum vor. Machen Sie Filme über die Welt, in der sie gerne leben würden?

 

Das weiß ich nicht. In vielen meiner Filme geht es um einen Mann und mehrere Frauen. Manche Frauen halten mir vor, das seien Männer-Fantasien. Da ich aber nicht darüber nachdenke und mich nicht bremse, habe ich auch keine Angst vor solchen Vorwürfen. Ich war immer der Meinung: Mit einer Frau zusammen zu leben, ist schon schwer genug – umso komplizierter wäre es mit mehreren Frauen.

 

Ich bin ein Computer-Freak

 

Sie arbeiten auf eine sehr eigenwillige Weise: Sie hängen nicht an diversen Förder-Töpfen. Abgesehen von der ARD-Produktionsfirma Degeto, die lange ihre Filme finanziert hat, machen Sie so viel wie möglich selbst. Dabei tauchen neue Technologien in ihren Filmen sofort auf – warum?

 

Ich bin ein Computer-Freak. 1982/83 habe ich den Film «System ohne Schatten» über einen Computer-Bankraub gedreht; damals ließ ich mir vom Siemens-Chefinformatiker erklären, wie das technisch möglich wäre. Dazu benutzte er ein Modem, auf das man einen Telefon-Hörer legen musste: Daten-Übertragung dauerte noch endlos lange.

 

Als die ersten Spiele-Computer auf den Markt kamen, kaufte ich mir einen Atari, wenig später einen Apple Macintosh. Seit 1997 habe ich eine Homepage; zwei Jahre darauf schrieb ich zu den Dreharbeiten von «Paradiso» meinen ersten Blog.

 

Mit einem Handschlag Projekte besiegeln

 

Die Medienlandschaft wandelt sich rasch: auf der einen Seite ein Konzentrations-Prozess hin zu immer größeren Konglomeraten, auf der anderen Seite die anarchische Welt der Internet-Publikationen. Ist Ihre Do-it-yourself-Methode ein Modell für die Zukunft?

 

Ich habe von Anfang an so gearbeitet. Ich dürfte der einzige deutsche Regisseur sein, dessen Projekte früher von richtigen Produzenten aus ihrer Brieftasche finanziert wurden – ohne jede Filmförderung. Bei Männern wie Joe Levine war mit einem Handschlag alles geritzt, ohne 200-seitige Verträge.

 

Mir war aber immer wichtig, der ausführende Produzent zu sein: Ich wollte die Kontrolle über das Finanzielle haben. Werden Gagen nicht gezahlt, schadet das dem Betriebsklima am Set – und dann wird meine Arbeit schwierig.

 

Mehr Leute haben mehr Ideen

 

Sie bezeichnen sich als «demokratischen Regisseur», der seinen Schauspielern das Drehbuch gibt und sie fragt: «Wie wollt Ihr es machen?». Kommt der Thome-Touch durch eine Ensemble-Leistung zustande? In großen Studios tanzen Dutzende von Untergebenen  um den Regisseur herum, um seine Vision zu verwirklichen.

 

Diese Regisseure haben eben eine Vision – ich habe keine (lacht)! Es ist ganz logisch: Viele Leute haben mehr Ideen, als ich als Einzelner haben kann. Mein Arbeitsprinzip ist, sie zu fragen, wie sie es machen würden – und dann sage ich ja oder nein. Aber ich mache kein brainstorming, bei denen 15 Leute mitreden. Ich hasse meetings: Dort wollen die meisten Leute quatschen, um sich zu selbst darzustellen.

 

Filme drehen, solange es Menschen glücklich macht

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Ins Blaue" mit Vadim Glowna.

«Ins Blaue» hat Züge eines Rückblicks auf ein Lebenswerk. An einer Stelle sagt Vadim Glowna: «Alle meine Filme sind realisierte Träume». Das könnten Sie auch sagen. Doch der Film endet tragisch, was untypisch für Sie ist: Nike verflucht ihren Vater, und er verschwindet. Wie lange wollen Sie noch Filme machen?   

 

Wenn man 73 Jahre alt ist, muss man darüber nachdenken. Als ich das Drehbuch schrieb, ging es mir miserabel, und ich hatte Suizid-Gedanken: Das könnte mein letzter Film sein. Doch danach veränderte sich mein Leben schlagartig – ich habe mich frisch verliebt.

 

Es war, wie ich einmal den idealen Film definiert habe: Man kommt aus dem Kino und läuft beschwingt über die Straße. So erging es mir nach allen frühen Filmen von Godard, der mich damit mehr geprägt hat als jeder andere Regisseur. Also: Solange es Menschen glücklich macht, Filme von Rudolf Thome anzusehen, drehe ich weiter.



Von Oliver Heilwagen, veröffentlicht am 30.08.2012





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