dOCUMENTA (13)

Rundgang durch die documenta-Halle

"Limited Art Project" von Yan Lei: Der chinesische Künstler füllt einen Raum mit 360 Gemälden mit bekannten Motiven, die wie am Fließband gepinselt wurden. Täglich wird ein Bild in einer lokalen Auto-Lackiererei monochrom überspritzt. Foto: ohe
Unansehnlich und unpraktisch: Die documenta-Halle ist nur für spezielle Exponate geeignet. Leiterin Christov-Bakargiev füllt sie mit Sammel-Werken und Mega-Installationen, von denen nur wenige überzeugen.

Die documenta-Halle ist das einzige Gebäude in Kassel, das eigens für die Mega-Schau errichtet wurde – wobei sie in documenta-freien Jahren für Wechsel-Ausstellungen genutzt wird. Ihr Alleinstellungs- ist aber kein Qualitäts-Merkmal. Im Gegenteil: Die documenta-Halle darf als gebaute Katastrophe gelten.

 

Info

dOCUMENTA (13)

 

09.06.2012 – 16.09.2012
täglich 10 bis 20 Uhr an 26 Standorten in Kassel

 

Katalog 24 €,
Begleitband 68 €

 

Website zur Ausstellung

Was vor allem am Bauplatz liegt: einem wie eine Banane gekrümmten Grundstück zwischen dem Staatstheater und einem Abhang, der hinunter in den Barock-Garten Karlsaue führt. Weil sie diesen schmalen Streifen Land zu nutzen versprachen, gewannen die Architekten Jourdan und Müller 1989 den Wettbewerb. 1992 war ihre Halle für die documenta 9 fertig.

 

Schiefes Handtuch auf vier Ebenen

 

Allerdings haben Jourdan und Müller dieses schiefe Handtuch auf denkbar unzweckmäßige Weise überbaut. Sie nehmen das natürliche Gefälle des Geländes auf, indem sie die Halle in vier verschiedene Ebenen abstufen. So entstanden Ausstellungs-Flächen extrem unterschiedlicher Größe und Qualität: vom monumentalen Atrium bis zum verwinkelten Kabinett.


Impressionen der Ausstellung in der documenta-Halle


 

Für wenige Künstler je ein eigener Saal

 

Äußerlich wirkt die nüchterne Stahl-Beton-Konstruktion wenig einladend. Von der Aue aus gesehen mag die lange verglaste Seiten-Fassade der Halle majestätisch geschwungen wirken. Doch die Vorderfront verbreitet den tiefgekühlten Charme eines Messe-Pavillons; zudem ist der Eingang kaum zu erkennen.

 

Nichtsdestoweniger ist die Halle seit zwei Jahrzehnten ein documenta-Ausstellungsort. Aufgrund der unübersichtlichen Raum-Aufteilung hat es sich eingebürgert, hier nur wenige Künstler zu präsentieren, denen jeweils ein eigener Saal zugestanden wird. Das verschafft manchem documenta-Teilnehmer einen über Gebühr großen Auftritt; umso schwieriger wird es, die Flächen adäquat zu füllen.

 

Autodestruktive Kunst aus 120 Autos

 

Documenta-Leiterin Carolyne Christov-Bakargiev (CCB) stellt ihre für sie typische Verachtung von Nützlichkeits-Erwägungen hier besonders deutlich unter Beweis. Den Eingangs-Bereich dominieren Vitrinen mit Papier-Arbeiten von Gustav Metzger, die aus konservatorischen Gründen verhüllt sind: eine Anmutung wie im Grafik-Kabinett.

 

Metzger genießt offenbar CCBs besondere Wertschätzung; er ist auch im Fridericianum vertreten. Der heute 86-Jährige veröffentlichte 1959 ein «Manifest der autodestruktiven Kunst» und gab die Malerei auf. Stattdessen entwarf er etwa Installationen aus 120 Autos, die von ihren Abgasen eingenebelt werden sollten, bis sie explodierten; natürlich wurde derlei nie realisiert.

 

360 Bilder für jeden Tag im chinesischen Kalender

 

Das erste Kabinett links zeigt rund 40 kleinformatige Gemälde der 87-Jährigen Libanesin Etel Adnan: abstrahierte Landschaften in kräftigen Farben, die an hard edge-Malerei erinnern. Davor hängen vier Riesen-Bilder der 42-jährigen Äthiopierin Julie Mehretu, die in den USA lebt: Sie projiziert Dias auf Leinwände und zeichnet sie ab, bis dichtes Gekritzel im Stil des Abstrakten Expressionismus entsteht.

 

Ansprechender ist das «Limited Art Project» des Chinesen Yan Lei im folgenden Kabinett: 360 Bilder – je eines für jeden Tag des chinesischen Kalenders – mit banalen bis kitschigen Motiven, die Yan im Internet fand und abmalte.

 

Autobahnen, Flugzeuge und Scheibenwischer

 

Der voll gehängte Raum wirkt wie ein show room jener chinesischen Kopisten, die jedes beliebte Sujet für wenig Geld in Öl pinseln. Yan lässt jeden Tag Bilder abhängen und in einer Kasseler Auto-Lackiererei einfarbig überspritzen; am Ende der documenta wird er eine monochrome Galerie geschaffen haben.

 

Treppab folgt eine Mega-Installation von Thomas Bayrle – einem der wenigen arrivierten Künstler, die CCB eingeladen hat. Drei Elemente prägen den Raum: ein wandfüllendes Geflecht aus Kabel-Bindern, die an sich kreuzende Autobahnen gemahnen sollen; ein ebenso großes Mosaik aus Tausenden von Fotos kleiner Flugzeuge, die sich zu einem meterhohen Flieger zusammenfügen, sowie ein gutes Dutzend Motoren und Scheibenwisch-Anlagen.

 

Video/Schattenspiel aus Plexiglas-Zylindern

 

Die unablässig und leer laufenden Motoren haben durchaus ästhetische Reize. Freigelegt aus ihrer üblichen Verkleidung, wird man ihrer Symmetrie und ergonomischen Gestaltung gewahr. Dazu sind Fragmente liturgischer Litaneien zu hören: ein Wink mit dem Zaunpfahl, der auf den para-religiösen Charakter des zeitgenössischen Technik-Fetischismus aufmerksam macht.

 

Hintergrund

Hier finden Sie alle Beiträge zur documenta bei Kunst+Film.

Die bemerkenswerteste Arbeit in der documenta-Halle versteckt sich jedoch in einem Keller-Raum, der man vom Bayrle-Saal aus durch einen engen Gang erreicht. Hier hat die Inderin Nalini Malani ein «Video/Schattenspiel» aufgebaut: Bemalte Plexiglas-Zylinder drehen sich, werden farbig angestrahlt und von einer Klang-Collage begleitet.

 

Mit einfachsten Mitteln gelingt Malani ein eindrucksvolles Schauspiel; man muss ihre literarischen Vorlagen nicht kennen, um von diesem Multimedia-Vexierspiel fasziniert zu sein. Ex oriente lux!


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