dOCUMENTA (13)

Rundgang durch die Neue Galerie

Detail der Installation von Geoffrey Farmer im 1. Stock der Neuen Galerie: Zahlreiche Foto-Motive, in Pop-Art-Manier auf Holz-Stäbe gesteckt. Foto: ohe

In Kassels wiedereröffnetem Museum für Kunst seit dem 19. Jahrhundert geht es zu wie im Supermarkt: Originelles findet sich neben Dutzendware, Raritäten neben Ramsch wie vom Grabbeltisch – für jeden Geschmack etwas.

Gemischtwaren-Laden Neue Galerie – an keinem documenta-Standort wirkt die Ausstellung so zusammengewürfelt wie hier. Schon in der Art der Präsentation: Das erst im November 2011 nach fünfjähriger (!) Renovierung wiedereröffnete Haus wurde für die Mega-Schau nur zur Hälfte ausgeräumt.

 

Info

dOCUMENTA (13)

 

09.06.2012 – 16.09.2012
täglich 10 bis 20 Uhr an 26 Standorten in Kassel

 

Katalog 24 €,
Begleitband 68 €

 

Website zur Ausstellung

Im Keller und auf zwei Dritteln der Fläche im Ersten Stock sind documenta-Beiträge zu sehen. Im Erdgeschoss und der restlichen oberen Etage hängt weiter die ständige Ausstellung: Malerei vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

 

Alte Pinakothek in München als Vorbild

 

Dieser Mischmasch passt zur bewegten Geschichte des Gebäudes, das 1877 fertig gestellt wurde. Architekt Heinrich von Dehn-Rotfelser nahm sich die Alte Pinakothek in München zum Vorbild, die Leo von Klenze als zweigeschossigen Riegel-Bau angelegt hatte – inklusive üppigem Dekor an Fassade und in Sälen.


Impressionen der Ausstellung in der Neuen Galerie


 

Wiederaufbau nach Kriegs-Schäden dauerte 33 Jahre

 

1943 wurde die Neue Galerie im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt; der Wiederaufbau dauerte bis 1976. Die damalige Innen-Ausstattung entsprach dem Zeitgeschmack der 1970er Jahre: dunkel, wild gemustert und leicht muffig. Nach seiner jüngsten Rundum-Renovierung entspricht das Haus endlich den Anforderungen an zeitgenössische Museen.

 

Der Rundgang beginnt im Keller mit drei ausladenden Installationen. Der Slowake Roman Ondák, derzeit hoch gehandelt, pflastert einen Saal mit 120 Ausschnitten aus einem Buch. Unter dem Titel «Observations» stellt er mehr oder weniger gelungene Schnappschüsse zusammen: Fotos von kuriosen Reklame-Schildern, Kapitäns- und Mannschafts-Kajüten und ähnliche Vorher-Nachher-Vergleiche.

 

Kreuzzug im Stil der «Augsburger Puppenkiste»

 

Hassan Khan zeigt einen Film mit banalen Straßen-Szenen aus Kairo – footage der Arabellion. Sein ägyptischer Landsmann Wael Shawky greift hingegen tief in die Trick-Kiste: Im Stil der «Augsburger Puppenkiste» spielt er mit Marionetten den historischen Verlauf des Ersten Kreuzzugs (1095 – 1099) nach. Wer seine Video-Serie «Cabaret Crusades» komplett sehen will, muss sich Zeit lassen: Allein die hier gezeigten Episoden dauern länger als eine halbe Stunde.

 

Im Ersten Stock stolpert der Besucher zunächst über Beton-Klötze: Die Italienerin Rossella Biscotti hat Elemente des Gerichts-Saals, in dem die Prozesse gegen Terroristen der «Brigade Rosso» stattfanden, abformen und in Zement nachgießen lassen. Links geht es zur Stickerei von Füsun Onur: Die Künstlerin aus Istanbul stickt stilisierte Vögel samt Landschaft auf Leinwand und verhängt damit das Saal-Fenster.

 

Monumentale Bastel-Arbeit auf Schaschlik-Spießen

 

Dahinter überrascht in der langen Panorama-Galerie des Hauses eine monumentale Bastel-Arbeit von Geoffrey Farmer: Auf Hunderte von Schaschlik-Spießen hat der Kanadier Fotos aus der Illustrierten «Life» aus den 1960er Jahren aufgeklebt. Wie Zinnsoldaten aneinander gereiht, ergeben sie ein schaurig schönes Panoptikum – von den Beatles über Richard Nixon bis zu Bildern im Pop-Art-Look.

 

Zurück in der Mittelachse dringt aus einem Container des Australiers Stuart Ringholt zuweilen höllischer Lärm: Freiwillige können sich bei einem «Anger Workshop» abreagieren. Ringsum hängen konventionelle Gemälde zweier toter Künstlerinnen und eines lebenden Künstlers.

 

Epigonale Kunst aus Kanada + Australien

 

Die Kanadierin Emily Carr pflegte einen figurativen Malstil in tonigen Farben, mit denen sie stilisierte Natur-Ansichten und Elemente traditioneller indianischer Kultur darstellte. Die Australierin Margaret Preston versuchte, aus Formen der Aborigines-Kunst einen National-Stil abzuleiten, dessen Flächigkeit dekorativ, aber auch beliebig wirkt.

 

Daran knüpft Gordon Bennett an: Er vergrößert einzelne Motive von Preston ins Monumentale, was ihnen eine aggressive Note verleiht. Während dieses Trio bewusst epigonal arbeitet, strotzen die Bronze-Skulpturen der Brasilianerin Maria Martins vor Originalität.

 

Surrealistische Kopf-Geburten in Bronze

 

Vom Surrealismus beeinflusst, gestaltete Martins Figuren, die der Mythologie von Indios im Amazonas-Gebiet zu entstammen scheinen: Fabelwesen, halb Mensch und halb Tier, in bizarren Verrenkungen und phänomenalen Posen dargestellt.

 

Da geht ein Hahnen-Kamm in verschlungene Schlangen-Glieder über, ein Gräten-Skelett steht aufrecht wie ein Totem-Pfahl und zwei Torsi tasten sich mit langen Tentakeln ab, die ihren Häuptern entspringen. Martins überbordender Fantasie entsprangen einmalige Kopf-Geburten – eine echte Entdeckung!

 

Islamische Dämonen vor liegendem Buddha

 

Streng kalkuliert wirkt dagegen ein vierteiliges Gemälde des Pakistanis Khadim Ali im Seiten-Kabinett: «The Haunted Lotus» zeigt im Stil mittelasiatischer Miniatur-Malerei islamische Dämonen mit Engels-Flügeln vor einem liegenden Buddha.

 

Hintergrund

Hier finden Sie alle Beiträge zur documenta bei Kunst+Film.

 

Lesen Sie hier einen Bericht zur Wiedereröffnung der Neuen Galerie im November 2011.

Ali ist der culture clash der Religionen in der Region vertraut: Seine Familie stammt aus dem afghanischen Bamiyan. Dort waren im 6. Jahrhundert die größten frei stehenden Buddha-Statuen der Welt in Sandstein gemeißelt worden, die radikale Taliban 2001 sprengten.

 

Shoa business + black queer pride sells

 

Eine komplexe und handwerklich virtuose Arbeit, gegenüber der die Werke in den übrigen Kabinetten stark abfallen: Der Kroate Sanja Iveković reiht in Regalen Plüsch-Esel auf, die er mit Namen von Nazi-Opfern benennt – shoa business sells.

 

Und die Südafrikanerin Zanele Muholi lichtet schwarze Schwule und Lesben frontal ab – eine Porträt-Galerie des black queer pride. Wie es eben im Kunst-Supermarkt zugeht, wenn ihm das ordnende Konzept eines kompetenten Kurators fehlt: anything goes!


Diesen Artikel drucken