Ron Fricke

Samsara

Hinter tausend Armen keine Welt: Chinesische Tänzerinnen stellen den Bodhisattva Avalokiteshvara dar. Foto: Busch Media Group

(Kinostart: 23.8.) Augenschmaus für HD-Fetischisten: «Koyaanisqatsi»-Macher Ron Fricke legt einen neuen Hochglanz-Bilderbogen vor. Seine visuelle Qualität ist erlesen, die Botschaft schlicht: Der Mensch zerstört die Erde.

Kino ist reines Sehen – nichts lenkt von den überlebensgroßen Bildern auf der Leinwand ab. Der junge Ron Fricke hatte sein Erweckungs-Erlebnis im Kino, als er den Science-Fiction-Klassiker «2001 – Odyssee im Weltraum» sah: Stanley Kubricks atemberaubende Bilder gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf.

 

Info

Samsara

 

Regie: Ron Fricke, 100 min., USA 2012

 

Website zum Film

1982 war Fricke als Kameramann und Drehbuch-Mitautor an «Koyaanisqatsi» beteiligt, einem Novum der Filmgeschichte: Trotz Spielfilm-Länge gab es weder Darsteller noch Kommentar. Stattdessen waren lange Einstellungen mit Szenen aus Natur und Zivilisation zu sehen, begleitet von perlender minimal music des Komponisten Philipp Glass.

 

Umweltschutz-Zeitgeist getroffen

 

Die Botschaft von «Koyaanisqatsi» war ohne Worte unmissverständlich: Der Mensch zerstört die Erde – vorgeführt anhand von spektakulären Bildern. Das traf den Zeitgeist der aufkommenden Umweltschutz-Bewegung: Der Film wurde weltweit zum Überraschungs-Hit. Mehrere sequels wollten die Erfolgs-Formel wiederholen, reichten aber nicht an seine Bild-Gewalt heran.


Offizieller Film-Trailer


 

Tiefenscharfe Bilder, brillante Farben

 

Ron Fricke verfolgt jedoch seinen Weg unbeirrt weiter. Alle paar Jahre legt er einen neuen Hochglanz-Bilderbogen vor: «Chronos» (1985), «Sacred Site» im Folgejahr und «Baraka» (1992). Nun hat er «Samsara» fertig gestellt – nach fünf Jahren Dreharbeiten mit einer 70-Millimeter-Kamera in 25 Ländern.

 

Deren Aufnahmen wurden vom Computer für ein hoch auflösendes Digital-Projektions-System berechnet. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Die Bilder haben enorme Tiefe und sind gestochen scharf, die Farben übernatürlich brillant – ein Augenschmaus für HD-Fetischisten. Ohnehin scheinen sich Fricke und sein Produzent Mark Magidson mehr für die technisch anspruchsvolle Machart des Films und den Schauwert seiner Motive als für das Abgebildete selbst zu interessieren.

 

Verfilmter TUI-Ferienkatalog

 

Inhaltlich reicht «Samsara» nicht über das Themen-Feld hinaus, das «Koyaanisqatsi» vor 30 Jahren absteckte: Majestätische Natur-Schauspiele und Idyllen traditioneller Kulturen werden mit chaotisch-amorpher Hektik in modernen Massen-Gesellschaften kontrastiert. Die Erde wäre vollkommen, träte nicht der Mensch als Störenfried auf – und alles ist in ewigem Wandel begriffen. Das bedeutet das Sanskrit-Wort Samsara.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie im Pressespiegel bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Hermann-Hesse-Verfilmung „Siddharta“ von Conrad Rooks mit historischen Aufnahmen aus Indien

 

und hier eine Kritik des Dokumentarfilms „¡Vivan las Antipodas!“ von Viktor Kossakovsky über das Leben auf den Antipoden der Erde

 

und hier eine Lobes-Hymne auf die Ausstellung „Weltsichten – Blick über den Tellerrand!“ über das Kollektiv-Gedächtnis der Menschheit im Linden-Museum, Stuttgart.

Eine zeitlos gültige Wahrheit, so triftig wie trivial. Ähnlich wie die Szenen-Auswahl von «Samsara»: Der Film beginnt mit tibetischen Mönchen, die geduldig ein aufwändiges Mandala aus buntem Sand komponieren – am Ende verwischen sie es in wenigen Sekunden. Dazwischen wird der halbe TUI-Ferienkatalog gezeigt: Tempel-Tänzerinnen in Bali, Pagoden in Myanmar (Burma), antike Ruinen in der Türkei, Sonnenaufgang in Kairo oder archaisch lebende Mursi in Äthiopien, die sich Ton-Scheiben in die Unterlippe einsetzen.

 

Wimmelbilder der Global-Ökonomie

 

Dann folgen Wimmelbilder aus der globalisierten Ökonomie: Schweinemast-Farmen und Geflügel-Schlachthöfe in China, Fast-Food-Fabrikation und –Restaurants in den USA, Militär-Paraden und Martial-Arts-Kämpfer, die zu Tausenden im Gleichtakt trainieren. Alle wuseln durcheinander, produzieren und konsumieren, wobei sie das natürliche Gleichgewicht durcheinander bringen, suggeriert der Film. Ohne zu fragen, ob seine statisches Balance-Ideal nicht eher eine Schimäre darstellt.

 

Als «geführte Meditation» will Ron Fricke sein Werk verstanden wissen. Doch sein Postkarten-Leporello vermittelt keine Einsichten, die nicht längst bekannt wären – er bebildert sie nur formvollendet. Als Produkt jener High-Tech-Zivilisation, deren Existenz er denunziert: Anschauung ohne Begriffe ist blind, wusste schon Kant.


Diesen Artikel drucken