Berlin

Von mehr als einer Welt – Die Künste der Aufklärung

William Pether nach Joseph Wright of Derby: Akademie, 1769, Mezzotinto, 48,7 x 56,7 cm. Foto: © Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett
Geburtstags-Geschenk für den Alten Fritz: Die Kunstbibliothek führt vor, welche Bilder und Motive im 18. Jahrhundert kursierten. Ein pittoreskes Panoptikum voller Monströsitäten und Abnormitäten – aber keine wahrhaft neuen Einsichten.

Ausstellungen zum 300. Geburtstag des Alten Fritz gibt es viele. Die vermutlich originellste richtet ihm die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin (SMB) aus: «Von mehr als einer Welt» behandelt in sieben Abteilungen anhand von 400 Exponaten das Zeitalter der Aufklärung.

 

Info

 

Von mehr als einer Welt - Die Künste der Aufklärung

 

10.05.2012 - 05.08.2012
täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, am Wochenende ab 11 Uhr im Kulturforum, Matthäikirchplatz, Berlin

 

Weitere Informationen

 

Das allein wäre kaum bemerkenswert: Friedrich der Große gilt als Musterbeispiel eines aufgeklärten Monarchen – auch wenn manche der ihm zugeschriebenen Leistungen wie die Einführung religiöser Toleranz oder der Kartoffel in Preußen eher auf geschickter Eigen-PR des Königs als historischen Tatsachen beruhen.

 

Künste beförderten Aufklärung

 

Doch diese Schau zielt auf etwas anderes: Sie will die «Künste der Aufklärung» um- und aufwerten. Im Sinne des iconographic turn, der die Kunstgeschichte seit einiger Zeit beherrscht: Die Kunst wird als eigenständiger Faktor gesehen, der die Aufklärung mindestens ebenso beförderte wie Philosophie und Dichtkunst.

Interview mit SMB-Generaldirektor Michael Eissenhauer + Impressionen der Ausstellung


 

Gefällige Salon-Malerei im 18. Jahrhundert

 

Das widerspricht dem geläufigen Bild vom 18. Jahrhundert in der Geistesgeschichte. Das «tintenklecksende Saeculum» gilt als lektüreversessenes Zeitalter der Vernunft, in dem Freigeister und Schriftsteller überragenden Einfluss ausübten und damit den Epochenbruch der Französischen Revolution von 1789 vorbereiteten: Sie waren Prototypen der modernen Intellektuellen.

 

Von der Kunst des 18. Jahrhunderts hat man gemeinhin nur gefällige Salon-Malerei in Erinnerung: die pastellfarbene und verspielte Rokoko-Malerei eines Fragonard oder Watteau sowie den strengen, etwas faden Klassizismus eines Jacques-Louis David oder Jakob Philipp Hackert.

 

Mehr Bilder betrachtet als je zuvor

 

Diese höfische Auftrags-Kunst sei aber nur die Spitze eines Eisbergs, argumentieren die Kuratoren – und wenden sich der gesamten Bild-Produktion im Zeitalter der Aufklärung zu. Also Karikaturen, Titelblättern von Romanen, illustrierten wissenschaftlichen Werken und mancherlei mehr: eben allen Bildern, mit denen damalige Zeitgenossen sich beschäftigten.

 

Das hat einiges für sich. Original-Gemälde gefeierter Künstler waren wenigen Betrachtern in den Hauptstädten vorbehalten; dagegen erreichten Reproduktionen ein wesentlich größeres Publikum. Neue, preisgünstige Druck-Techniken und fortschreitende Alphabetisierung ließen die Auflagen explodieren: Im 18. Jahrhundert wurden mehr Texte gelesen und Bilder betrachtet als je zuvor.

 

Teleskope + Mikroskope erweitern Horizonte

 

Ebenso erweiterte sich der Horizont dessen, was sichtbar und damit abbildungswürdig war, ins Unermessliche: Mit Teleskopen betrachtete man das All, mit Mikroskopen die Welt der Einzeller. Die Menschen entdeckten, dass es zahllose Phänomene und Lebensformen gab, die zuvor unbekannt gewesen waren – ihr Selbstverständnis als «Krone der Schöpfung» wurde erschüttert.

 

Da lag der Gedanke nahe, dass die Erde keineswegs der einzige bewohnte Planet sein müsse. Spekulationen schossen ins Kraut, wie das Leben andernorts beschaffen sein möge: «Von den Bewohnern der Gestirne» betitelte Immanuel Kant einen Abschnitt seiner «Allgemeinen Naturgeschichte». Unter diesem Schlagwort versammelt die Schau Bilder kosmologischer Systeme und fliegender Menschen, aber auch von Insekten: Fliegen-Köpfe in Nahaufnahme sehen den Allonge-Perücken der Epoche verblüffend ähnlich.

 

Künstliches Leben durch Strom-Stöße

 

Fortschritten der Analyse widmet sich die Abteilung «Zergliederungskunst»: Zuvor geltende Tabus im Umgang mit dem Körper verloren an Geltung. Chirurgie und Autopsien verbesserten die Kenntnis der menschlichen Anatomie; zugleich gewannen dubiose Theorien an Boden, die von der äußeren Erscheinung Charakter- oder National-Eigenschaften ableiten wollten.

 

Mit Bildern wurde aber auch Moral-Politik gemacht: Der «Verbesserung der Sitten» sollten Kupferstiche und Drucke dienen, die vor Irrtümern warnten und zum Rechtschaffenheit aufforderten. Zugleich träumten Künstler davon, wie einst «Pygmalion» ihre Werke zu echtem Leben zu erwecken. Mit elektrischer Spannung hatte der Italiener Galvani Frosch-Schenkel zum Zucken gebracht; könnte Strom nicht auch Puppen lebendig werden lassen?

 

Freie Schönheit von Muscheln + Klecksen

 

So kamen mythische Figuren der Moderne wie Vampire, Frankenstein und ähnliche Unholde in Umlauf. Neue optische Apparate wie Guckkästen und die laterna magica ließen allerlei Geister- und Gespenster-Erscheinungen täuschend echt aussehen: «Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer», lautet der Titel einer berühmten Radierung von Goya – und beförderte den Aberglauben. Das kommentiert der britisch-nigerianische Gegenwarts-Künstler Yinka Shonibare sarkastisch mit Variationen von Goyas Motiv.

 

Die Grenzen des Gewohnten wurden auch in der Ästhetik überschritten: Als «Freie Schönheit» definierte Kant Formen, die ohne jeden Zweck gefallen, wie Blätter, Muscheln oder Gesteine. Sie regten manche Künstler zu proto-abstrakten Schöpfungen an. Alexander Cozen erfand das «blot painting», indem er Umrisse aus zufälligen Klecksen entstehen ließ. Franz Xaver Habermann entwarf «Capricci»: Schmuckformen, die vage an organische Vorbilder angelehnt waren.

 

Ruinen-Romantik nach Erdbeben von 1755

 

Doch die Entfesselung der Dimensionen ins kosmisch Unendliche und mikroskopisch Winzige nährte auch Endzeit-Ängste: Könnte nicht die gesamte Menschheit vom Untergang bedroht sein? Das Erdbeben von Lissabon 1755 war die erste Natur-Katastrophe, an der ganz Europa Anteil nahm; danach kam Ruinen-Romantik in Mode. Piranesi und etliche Nachfolger schufen Ansichten, in denen «Der letzte Mensch» zwischen lauter Trümmern herumirrte.

 

Ähnlich erschöpft und desillusioniert wie jener fühlt sich auch der Besucher dieser Ausstellung. Gewiss, die Schau führt zahlreiche Bilder von Monströsitäten und Abnormitäten vor Augen, die von der kanonischen Kunstgeschichte gewöhnlich unterschlagen werden. Insofern machen die Kuratoren auf die Nachtseiten der Aufklärung aufmerksam, die häufig übersehen werden.

 

Zwischen Fach-Publikationen + Massen-Publikum

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Doppel-Ausstellung "Pompeji – Nola – Herculaneum. Katastrophen am Vesuv" über die Ausgrabung antiker Stätten ab 1748 in Halle/ Saale + Dessau

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Schaurig schön – Ungeheuerliches in der Kunst" über Mythen und Fabelwesen im Kunsthistorischen Museum, Wien

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über die Ausstellung "Who knows tomorrow?" mit Werken von Yinka Shonibare in vier Berliner Museen.

 

Doch die sieben Abteilungen runden sich nicht zu einem Ganzen, so dass die General-These etwas in der Luft hängt: Warum die Künste die Aufklärung ebenso nachhaltig vorangetrieben haben sollen wie Philosophie und Dichtkunst, wird kaum deutlich. Zumal die präsentierten Beispiele völlig verschiedenen Sphären angehören: Präzise anatomische Darstellungen des Menschen und anderer Lebewesen waren Fach-Publikationen für Mediziner und Biologen.

 

Dagegen erreichten Schauer-Romane, Spuk-Séancen und ähnliche Spektakel ein Massen-Publikum – das sich wenig für Debatten über Aufklärung interessierte. Dass der «Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit», wie Kant sie definierte, sofort in Allmachts-Phantasien von künstlichen Menschen umschlug, sagt mehr über vormodern-magisches Denken als über den Triumphzug der Vernunft aus. Insofern bietet die Schau ein pittoreskes Panoptikum der Bilderwelten zu Zeiten des Alten Fritz – aber keine revolutionäre Neuinterpretation des 18. Jahrhunderts.


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