Berlin

Von mehr als einer Welt – Die Künste der Aufklärung

Yinka Shonibare: MBE The Sleep of Reason Produces Monsters (Africa), 2008 C-print (Detail). Foto: © The Artist / Courtesy James Cohan Gallery

Geburtstags-Geschenk für den Alten Fritz: Die Kunstbibliothek führt vor, welche Bilder und Motive im 18. Jahrhundert kursierten. Ein pittoreskes Panoptikum voller Monströsitäten und Abnormitäten – aber keine wahrhaft neuen Einsichten.

Ausstellungen zum 300. Geburtstag des Alten Fritz gibt es viele. Die vermutlich originellste richtet ihm die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin (SMB) aus: «Von mehr als einer Welt» behandelt in sieben Abteilungen anhand von 400 Exponaten das Zeitalter der Aufklärung.

 

Info

Von mehr als einer Welt – Die Künste der Aufklärung

 

10.05.2012 – 05.08.2012
täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, am Wochenende ab 11 Uhr im Kulturforum, Matthäikirchplatz, Berlin

 

Weitere Informationen

Das allein wäre kaum bemerkenswert: Friedrich der Große gilt als Musterbeispiel eines aufgeklärten Monarchen – auch wenn manche der ihm zugeschriebenen Leistungen wie die Einführung religiöser Toleranz oder der Kartoffel in Preußen eher auf geschickter Eigen-PR des Königs als historischen Tatsachen beruhen.

 

Künste beförderten Aufklärung

 

Doch diese Schau zielt auf etwas anderes: Sie will die «Künste der Aufklärung» um- und aufwerten. Im Sinne des iconographic turn, der die Kunstgeschichte seit einiger Zeit beherrscht: Die Kunst wird als eigenständiger Faktor gesehen, der die Aufklärung mindestens ebenso beförderte wie Philosophie und Dichtkunst.


Interview mit SMB-Generaldirektor Michael Eissenhauer + Impressionen der Ausstellung


 

Gefällige Salon-Malerei im 18. Jahrhundert

 

Das widerspricht dem geläufigen Bild vom 18. Jahrhundert in der Geistesgeschichte. Das «tintenklecksende Saeculum» gilt als lektüreversessenes Zeitalter der Vernunft, in dem Freigeister und Schriftsteller überragenden Einfluss ausübten und damit den Epochenbruch der Französischen Revolution von 1789 vorbereiteten: Sie waren Prototypen der modernen Intellektuellen.

 

Von der Kunst des 18. Jahrhunderts hat man gemeinhin nur gefällige Salon-Malerei in Erinnerung: die pastellfarbene und verspielte Rokoko-Malerei eines Fragonard oder Watteau sowie den strengen, etwas faden Klassizismus eines Jacques-Louis David oder Jakob Philipp Hackert.

 

Mehr Bilder betrachtet als je zuvor

 

Diese höfische Auftrags-Kunst sei aber nur die Spitze eines Eisbergs, argumentieren die Kuratoren – und wenden sich der gesamten Bild-Produktion im Zeitalter der Aufklärung zu. Also Karikaturen, Titelblättern von Romanen, illustrierten wissenschaftlichen Werken und mancherlei mehr: eben allen Bildern, mit denen damalige Zeitgenossen sich beschäftigten.

 

Das hat einiges für sich. Original-Gemälde gefeierter Künstler waren wenigen Betrachtern in den Hauptstädten vorbehalten; dagegen erreichten Reproduktionen ein wesentlich größeres Publikum. Neue, preisgünstige Druck-Techniken und fortschreitende Alphabetisierung ließen die Auflagen explodieren: Im 18. Jahrhundert wurden mehr Texte gelesen und Bilder betrachtet als je zuvor.

 

Teleskope + Mikroskope erweitern Horizonte

 

Ebenso erweiterte sich der Horizont dessen, was sichtbar und damit abbildungswürdig war, ins Unermessliche: Mit Teleskopen betrachtete man das All, mit Mikroskopen die Welt der Einzeller. Die Menschen entdeckten, dass es zahllose Phänomene und Lebensformen gab, die zuvor unbekannt gewesen waren – ihr Selbstverständnis als «Krone der Schöpfung» wurde erschüttert.

 

Da lag der Gedanke nahe, dass die Erde keineswegs der einzige bewohnte Planet sein müsse. Spekulationen schossen ins Kraut, wie das Leben andernorts beschaffen sein möge: «Von den Bewohnern der Gestirne» betitelte Immanuel Kant einen Abschnitt seiner «Allgemeinen Naturgeschichte». Unter diesem Schlagwort versammelt die Schau Bilder kosmologischer Systeme und fliegender Menschen, aber auch von Insekten: Fliegen-Köpfe in Nahaufnahme sehen den Allonge-Perücken der Epoche verblüffend ähnlich.

 


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