München

L’Architecture engagée – Manifeste zur Veränderung der Gesellschaft

Alle Häuser wachsen schnell, wenn unser starker Arm es will - Victor Theodor Slama: Plakat mit Werbung für die Baupolitik der Wiener Sozialdemokraten (Detail), 1927. Foto: © Wienbibliothek im Rathaus, Plakat-Sammlung

Welt-Verbesserung durch Wohn-Anlagen: Seit der Frühneuzeit wollten Utopisten mit grandiosen Entwürfen die Menschheit beglücken. Wie sehr ihnen Bodenhaftung fehlte, zeigt eine textlastige Ausstellung in der Pinakothek der Moderne.

Der Mensch wird, wie er lebt: Dieser Maxime fühlten sich Utopisten aller Zeitalter und Kulturen verbunden. Wobei sie zur Veränderung der Welt häufig kühne Bau-Pläne entwarfen: neuartige Wohn-Anlagen sollten der Menschheit ein erfülltes und glückliches Dasein bescheren.

 

Info

L’Architecture engagée – Manifeste zur Veränderung der Gesellschaft

 

14.06.2012 – 02.09.2012
täglich außer montags 10 – 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr in der Pinakothek der Moderne, München

 

Katalog 35 €,
im Buchhandel 49 €

 

Weitere Informationen

Auf die Versuche, mit revolutionären Siedlungs-Formen die Gesellschaft zu reformieren, blickt das Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne zurück. Der Ausstellungs-Titel «L’Architecture engagée» ist Jean-Paul Sartre entlehnt: Er forderte 1947 eine littérature engagée, die auf eine Besserung der Verhältnisse hinwirken solle.

 

Utopia als kreisrunde Insel

 

Bereits Thomas Morus schwebte eine Architektur-Vision vor, als er mit «Utopia» dieses literarische Genre begründete: Das Deckblatt der Erstausgabe von 1516 zeigt eine kreisrunde Insel, auf der Zweck-Bauten in gleichmäßigen Abständen verteilt sind. Das wirkte stilbildend: Die Geschichte städtebaulicher Utopien spielt sich in geometrischen Grundformen ab.


Impressionen der Ausstellung


 

Symmetrische Grundrisse für soziale Gleichheit

 

Ob oval, quadratisch, penta-, hexa- oder oktogonal: Grundrisse und Master-Pläne selbsternannter Menschheits-Beglücker sind meist symmetrisch angelegt. Neben praktischen Erfordernissen wie kurzen Wegen hatte das symbolische Gründe: Übersichtliche und nicht-hierarchische Gestaltung sollte soziale Gleichheit – und gegenseitige Kontrolle – befördern. Der Architekt tritt als Demiurg auf, der eine perfekte Welt konstruiert.

 

Kaum eines dieser Luftschlösser wurde gebaut. Allenfalls kamen verwässerte Varianten zur Ausführung: Angeregt vom Frühsozialisten Charles Fourier, der genossenschaftliche Phalanstères für 1800 Menschen ersann, errichtete der Fabrikant Jean-Baptiste André Godin Mitte des 19. Jahrhunderts im nordfranzösischen Guise ein Familistère. Sein Gebäude-Komplex mit verglasten Innen-Höfen gilt als frühestes Beispiel für sozialen Wohnungsbau.

 

Welt-Hauptstadt an der Riviera oder auf den Azoren

 

Auf paramilitärische Anordnung von Gebäuden in Reih und Glied verzichteten erst die Lebensreformer an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Sie wollten menschenunwürdige Miets-Kasernen der Industrialisierung durch locker bebaute Gartenstädte ersetzen und gestanden künftigen Bewohnern individuelle Freiheiten zu. Dieses Modell war so attraktiv, dass es in unzähligen Vorort-Siedlungen bis heute fortlebt – die erhoffte Bekehrung zum Gemeinsinn blieb allerdings aus.

 

Je trister die Wirklichkeit wurde, desto verstiegener gerieten utopische Entwürfe. Der Norweger Hendrik Christian Andersen plante ab 1904 eine «Welthauptstadt»: Sie sieht Paris verdächtig ähnlich und sollte an der Riviera oder auf den Azoren entstehen. Ihre Hafen-Einfahrt schmücken zwei Kolosse, die sich brüderlich die Hand reichen.

 

Sozialdemokratischer Stimmenfang + kommunistische Plattenbau-Silos

 

Während des Ersten Weltkriegs schlug der Niederländer Hendrik Pieter Berlage ein «Pantheon der Menschheit» vor. Sein deutscher Kollege Bruno Taut warf «Stadtkronen» aufs Papier: gläserne Städte auf Gipfeln in reiner Berg-Luft. Von seinem Höhenkoller heilte ihn die Weimarer Republik: Zwischen 1924 und 1931 baute Taut in Berlin rund 12.000 Wohnungen. Etwa die Hufeisen-Siedlung in Berlin-Britz; sie erfreut sich anhaltender Beliebtheit. Wie der 1930 fertig gestellte Karl-Marx-Hof in Wien: Mit dem längsten zusammenhängenden Wohnungs-Bau der Welt warben sozialdemokratische Stadtväter um Wähler-Stimmen.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung „Baumeister der Revolution“ über sowjetische Kunst und Architektur 1915 – 1935 im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung „Bucky Fuller & Spaceship Earth“ über utopische Architektur von Buckminster R. Fuller im MARTa, Herford

 

und hier einen Beitrag zur Ausstellung „Architekturträume des Jugendstils“ mit Entwürfen von Joseph Maria Olbrich in der Kunstbibliothek, Berlin

Zur gleichen Zeit verordnete die junge Sowjetunion ihren Untertanen kommunistisches Wohnen. Etwa im wegweisenden Narkomfin-Gebäude von Moisej Ginsburg und Ignati Milinis, das 1930 in Moskau entstand: Alle Räume haben Sonnenlicht mit großzügigen Gemeinschafts-Zonen. Ihr Ideal kollektiv genutzter «Bandstädte» fiel aber Stalins pompösem Geschmack und sozialistischer Mangel-Wirtschaft zum Opfer – und degenerierte zu gesichtslosen oder durch Vernachlässigung ruinierten Plattenbau-Siedlungen.

 

Pathos-Parolen schweben im Raum

 

Auch im Westen schuf man Wohnraum ab 1960 mit billigen Beton-Silos – was urbanistische Utopien diskreditierte. Sie finden sich derzeit noch in Träumen von umweltverträglichen Städten der Zukunft. Frei Otto, der 1972 durch sein schwebendes Plexiglas-Dach für das Münchener Olympia-Stadion bekannt wurde, entwarf 1987 ein selbst verwaltetes Öko-Haus aus Recycling-Material für West-Berlin: Der Fall der Mauer machte ihm den Garaus.

 

Architektur im Museum auszustellen, ist schwierig; am schwersten ist, nie gebaute Wolkenkuckucksheime darzustellen. Die Pinakothek der Moderne behilft sich mit vergilbter Flachware und Pamphleten: Pathetische Parolen von Anno Tobak schweben auf gigantischen Text-Tafeln im Raum. Das zeigt zwar trefflich, wie sehr den meisten Utopisten Bodenhaftung fehlte, ermüdet aber auf Dauer: Das Publikum wäre schon zufrieden, wenn es weiter seine Miete zahlen kann.


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