Berlin

Berlin Art Week

Rinus van de Velde: diverse Zeichnungen, Kohle auf Papier, 2012, Galerie Zink. Foto: Carl Halstenbach
Hauptstadt des Etiketten-Schwindels: Unter dem neuen Label «Berlin Art Week» zeigen elf Institutionen ihr ohnehin laufendes Programm. Darunter zwei Kunst-Messen: Die «abc – art berlin contemporary» überzeugt in diesem Jahr auch ohne Konzept.

In Sachen Selbstlob ist die Hauptstadt kaum zu übertreffen. Wo sonst kann man sich eine flächendeckende Image-Kampagne mit dem Slogan «be Berlin!» vorstellen? Oder eine Brauerei von Billig-Bier, die seit Jahren mit der Parole wirbt: «Berlin, Du bist so wunderbar»? 

 

Info

art berlin contemporary

 

13.09.2012 – 16.09.2012
täglich 12 bis 19 Uhr, am Freitag bis 20 Uhr in der Station-Berlin (ehemaliger Postbahnhof am Gleisdreieck), Luckenwalder Straße 4 – 6, Berlin

 

Katalog 9,80 €

 

Offizielle Website

Dass Berlin sich zur Kunst-Metropole Europas mausert, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Dennoch ruft die Hauptstadt in diesem Herbst erstmals die «Berlin Art Week» aus: sechs Tage lang mit elf Partnern an zwölf Ausstellungs-Orten – zum Pauschal-Preis von 28 Euro pro Ticket.

 

Nur zwei neue Ausstellungen

 

Bei näherem Hinsehen entpuppt sich die Ankündigung aber als Etiketten-Schwindel. Nur zwei von neun beteiligten Museen und anderen Institutionen eröffnen in dieser Woche neue Ausstellungen: Die Akademie der Künste zeigt Käthe-Kollwitz-Preisträger Douglas Gordon, und die Galerie C/O Berlin präsentiert den Fotografen Jörg Sasse.


Impressionen der Messe «abc – art berlin contemporary»


 

Vier Kunst-Messen sind alte Bekannte

 

In den übrigen Häusern sind ohnehin laufende Ausstellungen zu sehen – allenfalls garniert mit einem Rahmen-Programm. Auch die vier gleichzeitig abgehaltenen Kunst-Messen sind alte Bekannte. Die alljährliche «Berliner Liste» mit diesmal 120 lokalen Galerien und Künstler-Gruppen wurde bereits 2004 ins Leben gerufen; die «Stroke Urban Art Fair» für Street Art und Verwandtes findet zum vierten Mal statt. Beide nehmen an der «Art Week» nicht teil.

 

Offizieller Partner ist dagegen die «Preview Art Fair»: 2005 gegründet, hat sie sich im Lauf der Jahre zur professionellen Verkaufs-Messe für zahlreiche Galerien aus dem In- und Ausland entwickelt. Zum Erfolg trägt ihr Standort bei: Der Hangar 2 des stillgelegten Flughafens Tempelhof bietet gute Beleuchtung und viel Platz für großzügige Präsentationen.

 

Verkaufs-Schau, aber keine gewöhnliche Messe

 

Die renommierteste Berliner Kunst-Messe im Herbst bleibt aber die «abc – art berlin contemporary». Sie übernahm nach dem überraschenden Aus für das «Art Forum» auf dem Messe-Gelände im vergangenen Jahr plötzlich die Rolle eines Zugpferdes. Als Zwitterwesen: Die abc ist zwar eine Verkaufs-Schau, will aber nicht als gewöhnliche Messe wahrgenommen werden.

 

Zu ihr können sich Aussteller nicht einfach anmelden – sie werden vom Organisations-Team um die Galeristen Guido W. Baudach, Joanna Kamm und Alexander Schröder eingeladen. Inhaltlich wurde das bei den bisherigen vier abc-Ausgaben damit gerechtfertigt, dass Kuratoren ein Thema festlegten und dafür Teilnehmer auswählten. Diesmal durften die 129 eingeladenen Galerien eigene Vorschläge machen.

 

Konzeptlosigkeit als Konzept

 

Kein Konzept ist auch eines, scheinen sich die Organisatoren gedacht zu haben. Stattdessen lassen sie den «Artists Space» aus New York einen «Basar» mit 27 kreativen Projekten von Film-Verleihern bis zu Stadtplanern und zwei «Interventionen» von Künstler-Kollektiven ausrichten. Zudem darf die Kunstbuch-Messe «Miss Read» 60 Künstler-Publikationen vorstellen.

 

Trotz konzeptueller Profillosigkeit ist die abc 2012 dennoch gelungen: Sie bietet sowohl lokalen Platzhirschen eine Bühne als auch Nachwuchs-Händlern die Chance zu einem Auftritt vor internationalem Publikum. Mehr als ein Drittel der Galerien kommt aus dem Ausland; in der Hoffnung, dass auch zahlungskräftige Sammler die Anreise nicht scheuen. Wir haben uns auf der abc umgesehen und stellen einige Highlights vor – aber auch Flops.

 

Top: Ausstellungs-Ort und -Architektur

 

Versteckt hinter dem Schienen-Gewirr des Gleisdreiecks liegt der ehemalige Postbahnhof: Er heißt inzwischen «Station Berlin»; zweimal jährlich findet hier eine Mode-Messe statt. Die abc erlebte hier vor fünf Jahren ihre Premiere; 2011 ist sie an den frisch renovierten Ort zurückgekehrt.

 

Diesmal zeichnet Manuel Raeder für die Einrichtung verantwortlich: Er hat sich ökonomischer Nachhaltigkeit verschrieben und mobile Trennwände aus Gerüsten und recycelbaren Holzpaneelen errichtet. Diese Baustellen-Optik ist leicht und luftig: Sie harmoniert eigenständig und zugleich zurückhaltend mit den ausgestellten Werken.

 

Flop: Zweibändiger Katalog

 

Eine Ausstellung ohne Thema oder Konzept benötigt auch keinen «Reader» mit theoretischen Reflexionen über dies und jenes – von Émile Zolas klassischem Pamphlet «J´accuse» (1898) bis zu Einlassungen vom Pop-Philosophen Diedrich Diederichsen oder Designer Ettore Sottsass. Der Galerien-Katalog mit schlecht gedruckten Schwarzweiß-Abbildungen auf rotem Papier ist völlig unbrauchbar: eine Frechheit gegenüber Künstlern und Lesern.

 

Top: Thaddeus Strode bei neugerriemschneider

 

Unter den etablierten Galerien aus Berlin legt neugerriemschneider die mit Abstand lässigste Präsentation hin: Thaddeus Strode, 1964 im kalifornischen Santa Monica geboren, zeigt einen Parcours aus kleinen, skurrilen Modellen vor lakonischen Aquarellen. Ganz selbstverständlich treten die Bilder und Skulpturen in Dialog, erzählen kurze Geschichten und beweisen Witz im Detail, der weder bemüht ist noch hysterisch wird.

 

Flop: Szymon Kobylarz bei Żak / Branicka

 

Die Ästhetik des Polen Szymon Kobylarz – eine gebastelte, mit Kordel und Klebeband verschnürte Materialschlacht – hat sich überlebt. Da hilft es auch nicht, eine zerbrochene Büste des Alten Fritz oben drauf zu kleben: Weniger Friederisiko wäre mehr.

 


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