Oranienbaum-Wörlitz

Dutch Design – Huis van Oranje

Chinesischer Saal (Detail) mit orientalisch anmutender Wand-Verkleidung und untragbaren Mode-Objekten. Foto: Heinz Fräßdorf/ Bildarchiv Kulturstiftung Dessau-Wörlitz.

Schloss Oranienbaum huldigt den Niederlanden: Einst ließ Henriette von Oranien die Anlage errichten, nun wird dort aktuelles Design gezeigt. Was wenig zusammenpasst – ein eher misslungener culture clash.

Mitten in Sachsen-Anhalt liegt eine niederländische Enklave: Schloss Oranienbaum samt Park. Deren unverkennbar holländisches Gepräge hat dynastische Gründe. Als Henriette Catharina von Nassau-Oranien 1659 den Fürsten Johann Georg II. von Anhalt-Dessau heiratete, schenkte er ihr ein Landgut samt Dorf; es war im Dreißigjährigen Krieg verwüstet worden.

 

Info

Dutch Design
Huis van Oranje 

 

26.04.2012 – 30.09.2012 
täglich außer montags 10 bis 18 Uhr im Schloss Oranienbaum, Schlossstrasse, Oranienbaum-Wörlitz

 

Website zur Ausstellung

Der Wiederaufbau kostete Henriette ein Lächeln: Als Enkelin von Wilhelm von Oranien stammte sie aus einer der reichsten Familien Europas. Ab 1683 ließ sie eine barocke Schloss- und Parkanlage nach niederländischem Vorbild anlegen. Vor deren Toren entstand für ihre Bediensteten eine Muster-Siedlung mit rechtwinkligem Straßen-Raster.

 

Sowjets räumten Schloss aus

 

Dieses Kleinod barocker Bau-Kunst integrierte Fürst Franz von Anhalt-Dessau Ende des 18. Jahrhunderts in sein «Gartenreich» von Wörlitz bei Dessau. Unbeschadet überstand es die Zeitläufe bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Für die sowjetische Besatzungs-Macht war das Schloss ein Sinnbild des überwundenen Feudalismus – sie räumte es völlig aus.


Impressionen der Ausstellung


 

Original-Prunk nur noch im Porzellan-Saal

 

Bis 2002 war das Landesarchiv von Sachsen-Anhalt im Schloss untergebracht. Seither wird es restauriert und ist mittlerweile wieder zugänglich; für die Kulturstiftung Dessau-Wörlitz ein Anlass, mit einer Groß-Ausstellung an die Verbindung zu den Niederlanden zu erinnern. Die bis heute besteht: Königin Beatrix hat die Schirmherrschaft über die Restaurierung übernommen.

 

Vom verschwenderischen Luxus, in dem früher hier Henriette mit ihrem Hofstaat lebte, ist kaum etwas erhalten. Eine Ahnung vom damaligen Prunk vermittelt der originalgetreu wieder hergestellte Porzellan-Saal: Zwischen kostbaren Goldleder-Tapeten hatte die Fürstin ihre Porzellan-Sammlung auf Gesimsen und in Glas-Schränken präsentiert.

 

Wilde Mischung aus Alt und Neu

 

Alle übrigen historischen Stücke stammen aus anderen Quellen: die gemalten Porträts von Henriettes weit verzweigter Familie vor allem aus Beständen der Dessauer Kulturstiftung. Repräsentative Möbel und Schmuck hat das Königliche Hausarchiv der Niederlande in Den Haag beigesteuert.

 

Für den Brückenschlag in die Gegenwart soll zeitgenössisches Design aus den Niederlanden sorgen. Schließlich gilt es, fast 50 Räume zu füllen: Auf sie sind mehrere hundert Objekte verteilt. Das ergibt eine wilde Mischung aus Alt und Neu, die streckenweise äußerst gewagt erscheint.

 

Überdesignte Schau-Stücke ohne Gebrauchswert

 

Die einstige Hausherrin ist ein verwöhntes Geschöpf gewesen, für die das Beste und Teuerste gerade gut genug war. Da bietet es sich an, den Faden in die Gegenwart fort zu spinnen und Luxus-Artikel vorzuführen, die für Normalsterbliche unerreichbar wären. Doch etliche Exponate sind überdesignte Schau-Stücke bar jeden Gebrauchswerts; das hätte Henriette wohl missfallen.

 

Überkandidelte Mode-Skulpturen etwa von Viktor & Rolf finden sich neben Hausrat, der kaum benutzbar ist: etwa Porzellan-Tellern mit massiven Tier-Skulpturen in der Mitte oder einer Teekanne in Form eines Pferde-Schädels. Die zum Warmhalten mit echtem Fell bedeckt wird: Wer möchte sich daraus einschenken?

 

Wunderkammer aus Lege-Batterien

 

Nur selten schafft Kuratorin Nicole Uniquole stimmige Ensembles, deren Elemente sich ergänzen und damit den Geist beider Epoche veranschaulichen. Etwa in einem «Trauerzimmer», in dem sie der strengen calvinistischen Kleider-Ordnung zeitgenössische Accessoires in Schwarz beigesellt, die ans Frivole grenzen. Oder wenn sie alte holländische Spitze mit filigran durchbrochenen Gefäßen aus heutiger Herstellung kombiniert.

 

Meist wirkt aber die Zusammenstellung recht willkürlich. Wie in der so genannten «Wunderkammer»: Sie diente Barock-Fürsten als Kabinett für ihre Kollektionen skurriler Raritäten – entsprechend üppig wurde derlei inszeniert. Die vergitterten Fächer im Schloss Oranienbaum erinnern aber eher an Lege-Batterien eines Hühner-KZ für Massentierhaltung.

 

Kein Kommentar zum niederländischen Design

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der AusstellungMarcel Breuer: Design und Architektur“ im Bauhaus Dessau

 

und hier eine Besprechung der Doppel-Ausstellung „Pompeji – Nola – Herculaneum“ in Halle/ Saale + dem Gartenreich Dessau-Wörlitz.

Darin drückt sich zwar der aktuelle Designer-Spleen aus, kostspielige Materialien in ärmlichem Rahmen vorzuführen, um im Kontrast Bedingungen ihrer Erzeugung zu reflektieren. Doch der Bezug zum Schloss geht verloren. Den versuchen lange Wand-Texte durch allerlei argumentative Volten beizubiegen – vergebens.

 

Zumal Erläuterungen der Exponate völlig fehlen: Nirgends erfährt man etwas über spezifische Strömungen oder Trends im niederländischen Design. Die Dinge müssen für sich selbst stehen. Solche Wortkargheit passt ebenso wenig zum Barock, der auch sprachlich – wie in jeder anderen Hinsicht – zur Überfülle neigte.

 

Beschränkung wäre besser

 

Diese Schau will vier Themen zugleich abdecken: das renovierte Schloss, seine Entstehungs-Geschichte als Residenz einer begüterten Fürstin, deren verwickelte Verwandschafts-Verhältnisse und die gegenwärtige Luxusgüter-Produktion der Niederlande. Damit bürdet sie sich entschieden zuviel auf: Sich auf ein oder zwei Aspekte zu beschränken, täte künftigen Ausstellungen in Oranienbaum gut.


Diesen Artikel drucken