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Gert & Uwe Tobias – Dresdener Paraphrasen

Auf der Mauer, auf der Lauer liegt `ne kleine Wanze - Gert & Uwe Tobias: Ohne Titel, farbiger Holzschnitt auf Papier (Detail). Foto: ohe

Motiv-Suche im Museums-Depot: Die Brüder Tobias verarbeiten Trouvaillen aus dem Kupferstich-Kabinett zu fantasievollen Neuschöpfungen. Ähnliche Arbeiten zeigt der Hamburger Kunstverein.

Große Gemälde-Galerien stehen im Scheinwerfer-Licht der öffentlichen Aufmerksamkeit. Doch die meisten Werke lagern im Verborgenen: den Depots Grafischer Sammlungen. Da sie vor hellem Licht geschützt werden müssen, bekommt sie das Publikum selten zu Gesicht.

 

Info

Gert & Uwe Tobias –
Dresdener Paraphrasen

 

22.06.2012 – 17.09.2012
täglich außer dienstags 10 bis 18 Uhr im Kupferstichkabinett, Residenzschloss, Dresden

 

Katalog 29,80 €

 

Weitere Informationen

 

04.10.2012 – 10.11.2012
dienstags bis freitags 11 bis 18 Uhr, samstags bis 16 Uhr in der Galerie Contemporary Fine Arts, Am Kupfergraben 10, Berlin

 

Weitere Informationen

 

28.01.2012 – 18.11.2012
täglich außer montags 12 bis 18 Uhr im Kunstverein, Klosterwall 23, Hamburg

 

Weitere Informationen

Obwohl Holzschnitte, Radierungen und Lithografien Jahrhunderte lang Künstlern als Inspirations-Quelle und Lehrmittel gedient haben: Mit ihnen wurden Motive vervielfältigt und  kommuniziert. So entstand das kollektive Bilder-Gedächtnis.

 

Kölner Künstler-Zwillinge aus Rumänien

 

Das Kupferstichkabinett Dresden ist sich seines Status als Archiv für Künstler bewusst: Es erlaubte dem Kölner Duo Gert und Uwe Tobias, seine Bestände zu durchforsten und mit ihnen zu arbeiten. Daraus haben sie «Dresdener Paraphrasen» gestaltet: Farb-Holzschnitte, Collagen und Keramiken, aber auch Schreibmaschinen-Zeichnungen, mit denen die 1973 in Rumänien geborenen Zwillinge bekannt geworden sind. Nach der Schau in Dresden wird eine Auswahl der Arbeiten auch in der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts gezeigt.

 

Die Brüder Tobias nutzen vier Werkgruppen: ein Kartenspiel des so genannten «Meisters der Spielkarten» aus dem 15. Jahrhundert, manieristische Clairobscur–Holzschnitte, Chinoiserien aus dem 18. Jahrhundert und monochrome Arbeiten des Konstruktivisten Hermann Glöckner.


Impressionen der Ausstellung im Dresdener Kupferstich-Kabinett


 

Hirsch-Geweih aus roten Nullen

 

Ihre «Dresdener Paraphrasen» zitieren Details, wandeln sie frei um – und zeigen damit, wie fruchtbar intensive Beschäftigung mit der Kunstgeschichte immer noch sein kann. Wobei sie demonstrieren, wie souverän die Brüder historische Kultur-Techniken beherrschen.

 

Dazu zählt inzwischen auch das Schreibmaschine-Schreiben: Hebel, Typenräder und Kugelköpfe sind längst ebenso passé wie Farbbänder und Durchschlag-Papier. Gert und Uwe Tobias setzen Anschläge neben- und übereinander, so dass Lettern zu Bildern verschmelzen. Wie bei einem kapitalen Zwölf-Ender: Das Geweih formen rote Nullen, während der Hirsch-Kopf aus unzähligen «X», Kommata und Punkten entsteht.

 

Von der Spätrenaissance zur Pop-Art

 

Dabei zitieren die Künstler nicht nur historische Spielkarten, sondern auch den Pointillismus des späten 19. Jahrhunderts: Nebeneinander gesetzte Farb-Punkte mischen sich im Auge des Betrachters. Auf diesem Prinzip beruht auch die ASCII-Art der 1990er Jahre, bei der Typografie-Nerds Bilder mit Buchstaben und Satzzeichen darstellen – wie ein Vierteljahrhundert zuvor manche Werke der konkreten Poesie.

 

Bei Clairobscur-Holzschnitten setzen mehrere Druckstöcke nacheinander vielfarbige Motive zusammen – eine vom manieristischen Künstler Parmigianino oft verwendete Technik. Daran interessiert die Tobias-Brüder die eigenwillige Farbgebung und plakative Ästhetik: Sie spielen mit Ornamenten und Kontrasten – und springen von der Spätrenaissance in die Pop-Art.

 

Grobe Skulpturen aus feinem Porzellan

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung “Poetry goes Art & vice versa” über Kunst + konkrete Poesie in der Weserburg, Bremen

 

und hier eine Rezension der Ausstellung “Positionen” über japanische Farb-Holzschnitte im 20. Jahrhundert im Völkerkundemuseum, München

 

und hier eine kultiversum-Kritik der Ausstellung “Zukunft seit 1560” über 450 Jahre Kunst-Sammlungen in Dresden

 

und hier einen Bericht zur Wieder-Eröffnung der “Türckischen Cammer” im Residenzschloss Dresden.

Aus Kartuschen und mythologischen Szenen isolieren sie bizarre Wesen: In großformatigen Holzschnitten entfalten sie ein skurriles Eigenleben. Gerupfte Hühner und seltsame Käfer wirken wie surrealistische Metamorphosen, obwohl sie ursprünglich nur Staffage-Figuren waren.

 

Dresden ist berühmt für sein «Grünes Gewölbe» mit exaltierten Barock-Chinoiserien. Gert und Uwe Tobias antworten darauf, indem sie eine heilige Kuh sächsischer Kultur-Geschichte herbeizerren: das Meißner Porzellan. Das feine Material verarbeiten sie zu groben Skulpturen und fast brutalen Plastiken, die sich daraus eben auch gießen und brennen lassen.

 

Hommage an monochrome Bilder

 

Die ergänzen sie mit großformatigen Farb-Holzschnitten auf Leinwänden: Sie schwelgen in Formen und Farben der spätbarocken China-Mode und wirken fast wie Standbilder aus frühen Experimental- oder Animations-Filmen. Ähnliche Arbeiten der Brüder sind derzeit im Hamburger Kunstverein zu sehen.

 

Im Archiv entdeckten Gert und Uwe Tobias zudem das «Tafelwerk» von Hermann Glöckner. Der Zeitgenosse des Bauhauses nahm in silbern und golden gefärbten Pappen mit wenigen Grafik-Elementen die Bildsprache der Minimal Art vorweg. Darauf reagieren Gert und Uwe Tobias vorsichtig und distanziert, eher mit Hommagen als Paraphrasen – was zeigt, wie wichtig die Archive von Kunst-Museen für die Tradierung von Motiven sind.


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