Andreas Dresen

Herr Wichmann aus der dritten Reihe

Auf ständiger Tuchfühlung mit den Bürgern: Henryk Wichmann bei einer Veranstaltung der Zivilgesellschaft. Foto: Piffl Medien

(Kinostart: 6.9.) Seelsorger und Sachverständiger für alles: Henryk Wichmann, CDU-Hinterbänkler im Potsdamer Landtag, ist als Kümmerer stets für die Bürger da. Diese Doku zeigt anschaulich und amüsant, wie Basis-Demokratie funktioniert.

Vor zehn Jahren gelang Regisseur Andreas Dresen eine herrliche Real-Satire über Politik: Sein Dokumentar-Film «Herr Wichmann von der CDU» zeigte den 24-jährigen Jura-Studenten im Bundestags-Wahlkampf 2002. Er bewarb sich um das Direkt-Mandat im Wahlkreis Uckermark-Barnim gegen SPD-Lokalmatador Markus Meckel – und verlor haushoch.

 

Info

Herr Wichmann
aus der dritten Reihe

 

Regie: Andreas Dresen, 90 min., Deutschland 2012;
mit: Henryk Wichmann, Matthias Platzeck + dem Schrei-Adler

 

Website zum Film

Im tiefroten Brandenburg hatte der Nobody nicht den Hauch einer Chance. Zumal er alle Klischees erfüllte, die über Jung-Konservative kursieren: Der nassforsche Neueinsteiger wirkte wie die Karikatur eines Nachwuchs-Karrieristen – immer einen flotten Spruch auf den Lippen, aber keine Ahnung von Politik-Routine.

 

Zwischen Landtag + Bürger-Büro

 

Das hat sich geändert: Henryk Wichmann ist mittlerweile Kreistags-Vorsitzender, seit 2009 Oppositions-Abgeordneter im Brandenburger Landtag – und stets unterwegs. So oft wie möglich arbeitet er in seinem Bürger-Büro im Städtchen Templin oder absolviert Orts-Termine im dünn besiedelten, strukturschwachen Wahlkreis.


Offizieller Film-Trailer


 

Von Blumenstrauß zu Blumenstrauß

 

Dabei hat ihn Dresen, Spezialist für ostdeutschen Alltag, ein Jahr lang begleitet. Er geht mit ihm im Kreis: Der Film beginnt mit Wichmanns Geburtstag, zu dem ihn seine Fraktion mit Blumen beglückwünscht, und endet mit dem nächsten Blumenstrauß. Dazwischen läuft er sich die Hacken ab – und das Film-Team hinterher.

 

Ob Sozialverbands-Messe mit Senioren-Tanzgruppen, Ordens-Verleihung bei der Bundeswehr oder Kaffee-Klatsch im Altersheim: Henryk Wichmann ist sich für nichts zu schade. Er hat für jeden ein offenes Ohr, der ihm seinen Ärger vorträgt, und kümmert sich darum, eine Lösung zu finden. Als Mischung aus Seelsorger und Sachverständigem für alles.

 

Dauerbrenner Schrei-Adler + Bartmeise

 

Die Probleme sind zahlreich und hartnäckig. Eine Tierschutz-Initiative sperrt sich gegen die Asphaltierung von Radwegen, weil sie um ein Jagd-Revier des Schrei-Adlers fürchtet. Natur-Freunde verhindern, dass Boote den Kanal zwischen zwei Seen befahren dürfen, weil dort die Bartmeise nistet – Motorlärm und Wellenschlag könnten sie  vertreiben.


RBB-Bericht über die Film-Premiere mit Dresen + Wichmann


 

Bürger + Behörden-Vertreter einigen sich

 

Schüler aus dem Dorf Vogelsang müssen Umwege machen, weil der Regional-Zug zwar am örtlichen Bahnhof hält, aber die Türen nicht öffnet. Kleingärtner wollen keine Rundfunk-Gebühren zahlen, obwohl ihre Lauben mehr als 24 Quadratmeter Fläche haben, weil sie aus DDR-Zeiten stammen. Und ähnlich existentielle Fragen mehr.

 

Manchmal dreht Wichmann auch größere Räder. In der Trottheide wurde vor Jahren illegal giftiger Sonder-Müll deponiert, doch nichts passiert. Der Abgeordnete bleibt dran, damit der Müll endlich korrekt entsorgt wird. Anderswo weigert sich ein Bürger, sein Grundstück abzutreten, damit ein Naturschutz-Gebiet eingerichtet werden kann. Wichmann trifft ihn mit einem Behörden-Vertreter, und beide einigen sich – ein glatter Erfolg!

 

Ministerpräsident kann nicht helfen

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Andreas Dresen über „Herr Wichmann aus der dritten Reihe“.

 

und hier eine Besprechung der Doku „Goldrausch – Die Geschichte der Treuhand“ von Prod. Thomas Kufus

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung „Heimatkunde“ zum Lebensgefühl in Deutschland im Jüdischen Museum Berlin

 

und hier eine Lobes-Hymne auf den Film „The Ides of March – Tage des Verrats“ von George Clooney über den US-Wahlkampf.

So fix geht es ansonsten nicht: Der Streit um die Bartmeise dauert schon 15 Jahre. Wichmann spricht darüber informell mit SPD-Ministerpräsident Matthias Platzeck, doch der kann nicht helfen: Im Rechts-Staat Bundesrepublik mahlen die Mühlen der Justiz langsam.

 

Je länger man dem Parlamentarier zusieht, desto mehr Respekt flößt seine Unermüdlichkeit ein: Der will nicht nur Wähler einfangen, sondern wirklich etwas bewegen. Was unendlich lange dauert: Überall reden Interessen-Vertreter rein, mit allen bleibt er im Gespräch – alles andere wäre undemokratisch. Wichmanns höchste Tugend ist seine Geduld.

 

4.500 Euro für 60-Stunden-Woche

 

Und die zweihöchste seine Farben-Blindheit: Welcher Partei seine Polit-Kollegen angehören, spielt auf lokaler Ebene keine Rolle. Da zählt nur, wer sich mit ihm für eine Sache einsetzt, aus welchen Gründen auch immer, und wer blockiert: Rivalitäten und Eitelkeiten sind ausschlaggebender als Ideologien.

 

Für seine 60-Stunden-Arbeitswoche ohne freie Tage erhält ein Landtags-Abgeordneter monatlich 4.500 Euro plus Dienstwagen. Nur Überzeugungs-Täter tun sich das an. Ohne sie würde allein die Bürokratie herrschen: Dieser Film ist ein wirksameres Gegen-Mittel gegen Politik-Verdrossenheit als tausend TV-Talkshows.


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