Srdan Dragojević

Parada

Leuchtendes Status-Symbol: Radmilo (Miloš Samolov, re.) scheut weder Kosten noch Mühen, um seinen Mini stets rosa lackieren zu lassen - egal, wie oft der beschmiert wird. Foto: © Neue Visionen Filmverleih

(Kinostart: 13.9.) Ein Schwule hassender Macho-Serbe soll die Gay-Pride-Parade in Belgrad schützen: Lustvoll jongliert die Komödie von Regisseur Dragojević mit allen Klischees – und zeichnet ein tragikomisches Bild vom Balkan.

Beschimpfungen sind eine balkanische Spezialität: «Parada» beginnt als kleines Wörterbuch von fantasievollen Schmähworten, mit denen sich Serben, Kroaten, Bosnier und Albaner gegenseitig beleidigen. Eines davon benutzen sie alle: «Schwuchtel»!

 

Info

Parada

 

Regie: Srdan Dragojević, 115 min., Serbien 2012;
mit: Nikola Kojo, Miloš Samolov, Goran Jevtić

 

Website zum Film

Es liegt Micky Limun (Nikola Kojo) ständig auf der Zunge. Der frühere Banden-Boss und jetzige Chef eines Sicherheits-Dienstes ist ein Muster-Exemplar von Macho: Muskelbepackt und tätowiert, stolziert er im Bademantel durch seine Neureichen-Wohnung voller Öl-Schinken und serbischem National-Kitsch. Ihm kann keiner was!

 

Abgöttische Liebe zur Bulldogge

 

Außer seiner Verlobten Pearl (Hristina Popović): Die kurvige Ex-Stripperin hat zuhause die Hosen an. Zudem liebt Limun abgöttisch seine Bulldogge Sugar: Als der Hund von Gangstern angeschossen wird und Tierarzt Radmilo (Miloš Samolov) sein Leben rettet, ist ihm Limun zu ewigem Dank verpflichtet.


Offizieller Film-Trailer


 

5000 Polizisten schützten Parade in Belgrad

 

Bald ebenso Radmilos Freund Mirko (Goran Jevtić): Der erfolglose Theater-Regisseur verdient seine Ćevapčići als Hochzeits-Ausstatter. Sein erlesen versnobter Stil – alles in strahlendem Weiß – trifft ganz den Geschmack von Pearl. Sie stellt ihrem künftigen Gatten ein Ultimatum: Entweder er hilft Mirko – oder die geplante Hochzeit platzt.

 

Der Aktivist will nämlich eine Gay-Pride-Parade auf die Beine stellen. Was in Belgrad ein selbstmörderisches Unterfangen ist: 2010 mussten 5000 Polizisten die Teilnehmer-Schar vor 6000 rechtsradikalen Hooligans schützen – deshalb wurde im Folgejahr die Parade abgesagt.

 

Heroin-Dealer macht Vögel drogensüchtig

 

Stattdessen findet sie auf der Leinwand statt. Nicht ohne Hindernisse: Limuns Untergebene weigern sich, Homosexuelle zu eskortieren – was sollen denn Nachbarn und Freunde denken? Also grast der Parade-Macho mit Radmilo in dessen rosafarbenem Mini-Cooper das halbe Land ab, um Veteranen aus Kriegs-Zeiten zu rekrutieren; die kennt in Belgrad keiner.

 

Lustvoll schlachtet der serbische Regisseur Srdan Dragojević alle Klischees aus, mit denen sich die Bewohner im ehemaligen Jugoslawien gegenseitig beharken: Der Albaner Azem etwa ist ein Heroin-Dealer, der selbst Boten-Vögel mit Drogen süchtig und gefügig macht.

 

Schwulen-Feindlichkeit als Spitze des Eisbergs

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Kritik des Films „In the Land of Blood and Honey“ von Angelina Jolie über den Bosnien-Krieg

 

und hier eine Besprechung des Films “Cirkus Columbia” von Danis Tanović über den Beginn des Bosnien-Kriegs

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung “donumenta 2011” in Regensburg mit aktueller Kunst aus Serbien

So überdreht der Humor des Films ist, wird er doch nie albern: Er zeigt grassierende Homophobie als Symptom einer Kultur, die von tief sitzendem Misstrauen und Vorurteilen durchdrungen ist. Alle anderen als die eigenen Leute werden verachtet und gehasst – Schwulen-Feindlichkeit ist nur die Spitze des Eisbergs.

 

Mit irrwitzig verspielten Gags beleuchtet «Parada» die Tragik einer von Kriegs-Erfahrungen geprägten Generation: Limuns von ihm vernachlässigter Sohn Vuk ist ein Anführer der Neonazis – und begehrt gegen seinen Vater auf, als der seinen eingefleischten Hass gegen alles Fremde allmählich überwindet.

 

Publikums-Preis im Berlinale-Panorama

 

Damit scheint Dragojević einen Nerv in der Region getroffen zu haben: Sein Film wurde nicht nur in Serbien, sondern auch in den Nachbarstaaten zum Kassenschlager, der mehr als 600.000 Zuschauer anlockte. Auch auf der Berlinale im Februar kam die Komödie glänzend an und erhielt den Publikums-Preis im Panorama. Ein ähnlicher Erfolg wäre ihr auch im hiesigen Kino zu wünschen – «Parada» ist allemal origineller und witziger als «Der bewegte Mann».


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