Philip Scheffner

Revision

Das Filmteam befragt einen Tat-Zeugen in Rumänien. Foto: Realfiction

(Kinostart: 13.9.) Spurensuche im Maisfeld: 20 Jahre nach tödlichen Schüssen an der deutsch-polnischen Grenze rollt Doku-Filmer Scheffner den Fall auf. Dabei trägt er wenig zusammen – ein quälend langes bebildertes Hörspiel.

Am 29. Juni 1992 werden in einem Getreidefeld bei Nadrense in Mecklenburg-Vorpommern nahe der deutsch-polnischen Grenze zwei Männer erschossen. Mähdrescher-Fahrer entdecken die Leichen; wenig später steht das Feld in Flammen, so dass möglicherweise Spuren vernichtet werden.

 

Info

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Regie: Philip Scheffner, 106 min., Deutschland 2012


Website zum Film

Bei den Opfern handelt es sich um Eudache Calderar und Grigore Velcu aus Rumänien. Sie hatten kurz zuvor gemeinsam mit einer Gruppe von Ausländern zu Fuß die grüne Grenze passiert – geführt von Schleppern, die sie illegal in die Bundesrepublik einschleusen wollten.

 

Opfer für Wildschweine gehalten

 

Die Schützen waren zwei Jäger aus Westdeutschland, die Jagd auf Schwarzwild machten. Vier Jahre später sagten sie vor Gericht aus, sie hätten die Opfer für Wildschweine gehalten. Die Tat wurde vom Richter als Jagd-Unfall gewertet; soweit die gesicherten Fakten.


Offizieller Film-Trailer


 

Justiz informierte Angehörige nicht

 

Dokumentar-Filmer Philip Scheffner ist dem Fall nachgegangen: Er befragte ortsansässige Zeugen, Ermittler der Polizei, den Rechtsanwalt eines der beiden Jäger – und die rumänischen Angehörigen der Opfer. Sie nahmen am Prozess nicht teil, da die deutsche Justiz es unterlassen hatte, sie darüber zu informieren.

 

Wobei die Familie von Velcu zur Tatzeit in Deutschland lebte – in einem Asylbewerber-Heim bei Rostock. Allerdings nicht in Lichtenhagen, das damals durch ausländerfeindliche Ausschreitungen berühmt-berüchtigt wurde. Velcus Verwandte überführten seine Leiche nach Rumänien. Die Familie von Calderar erfuhr erst durch einen Anruf, dass die sterblichen Überreste ihres Angehörigen am Flughafen von Bukarest eingetroffen waren.

 

Keine Beweise für kriminelle Ausländer-Feindlichkeit

 

Das war taktlos, gewiss. Aber war es auch ein Justiz-Skandal? Diese Vermutung durchzieht den Film wie ein roter Faden. Scheffner treibt einige Belege für Schlamperei auf: Ermittlungen wurden nachlässig durchgeführt und der Prozess verschleppt. Offenbar hat sich niemand energisch dafür eingesetzt, den Fall rasch und lückenlos aufzuklären.

 

Was bedauerlich ist – aber kaum justiziabel. Und keinesfalls ein Beweis für kriminelle Ausländer-Feindlichkeit mit Tötungs-Absichten. Diese Schlussfolgerung scheint der Film aber nahe legen zu wollen: Ausführlich verweilt er bei den pogromartigen Unruhen in Rostock-Lichtenhagen, obwohl sie nichts mit den Schüssen an der Grenze zu tun hatten.

 

Vieles lässt sich nicht mehr rekonstruieren

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Doku “Goldrausch – Die Geschichte der Treuhand” von Prod. Thomas Kufus 

 

und hier eine kultiversum-Kritik des Films „Der Tag des Spatzen“ von Philip Scheffner.

Wobei der Filmemacher redlicherweise offen legt, was alles sich zwei Jahrzehnte später nicht mehr rekonstruieren lässt: Zeugen erinnern sich lückenhaft oder bekunden – wie die rumänischen Angehörigen – wortreich nur ihr Nichtwissen. Über den Tatort ist längst Gras gewachsen.

 

Unermüdlich geht Scheffner einer Fährte nach der anderen nach; dabei trägt er herzlich wenig zusammen. Ebenso mühselig, wie die Dreharbeiten gewesen sein müssen, ist es, das Ergebnis anzusehen.

 

Nach fast zwei Stunden weiß man kaum mehr als zuvor: Anfang der 1990er Jahre interessierte das Schicksal osteuropäischer Immigranten hierzulande wenig – dennoch wurde ihr gewaltsamer Tod juristisch halbwegs korrekt aufgearbeitet. Das erfährt man durch eine Art bebildertes Hörspiel mit quälend langen Einstellungen – was soll ein solcher Film im Kino?


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