München

True Stories – Amerikanische Fotografie aus der Sammlung Moderne Kunst

Garry Winogrand: aus der Serie "Public Relations" (Detail), 1971. Foto: Pinakothek der Moderne, © Estate of Garry Winogrand

Als die Fotografie den Alltag entdeckte: Die Pinakothek der Moderne zeigt Aufnahmen aus den USA seit den 1960er Jahren – von Expeditionen in das Gewöhnliche bis zu Dokumentationen ständiger Veränderung durch Menschenhand.

Ein Blick zurück in eine Vergangenheit, die noch gar nicht lange her ist – und doch unwiederbringlich verschwunden scheint: die Vereinigten Staaten im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts. Der US-Fotografie ab 1960 widmet die Münchener Sammlung Moderne Kunst eine Ausstellung in der Pinakothek der Moderne.

 

Info

True Stories – Amerikanische Fotografie aus der Sammlung Moderne Kunst

 

02.03.2012 – 14.10.2012
täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr in der Pinakothek der Moderne, Barer Straße 40, München

 

Katalog 16,- €

 

Website zur Ausstellung

Gezeigt werden rund 130 Arbeiten aus den eigenen Sammlungs-Beständen und Dauer-Leihgaben. Sie ergeben ein Panorama der jüngsten Geschichte der USA – und zugleich der Entwicklung der zeitgenössischen Kunst-Fotografie.

 

Radikal subjektive Sichtweise

 

Die erlebte 1967 einen spektakulären Paradigmen-Wechsel: Mit der Ausstellung «New Documents» stellte das Museum of Modern Art in New York eine neue Generation von Fotografen vor, die ihre Motive im Alltäglichen und Gewöhnlichen suchten – wie Diane Arbus, die mit Porträts von Außenseitern berühmt werden sollte. Lee Friedlander kultivierte dagegen eine radikal subjektive Sicht auf die Umwelt.


Impressionen der Ausstellung


 

Unruhige Öffentlichkeit in bewegten Zeiten

 

Oder Gary Winogrand, der in dieser Schau mit seiner Serie «Public Relations» vertreten ist: teils journalistisch, teil sarkastisch wirkende Bilder von Presse-Konferenzen, Demonstrationen und Sit-Ins – Moment-Aufnahmen einer unruhigen Epoche. Verglichen mit diesen bewegten Zeiten erscheint der öffentliche Raum heutzutage so befriedet, als wäre er kaum bevölkert.

 

Wie die Landschaften, die Mitte der 1970er Jahre andere Fotografen in den Blick nahmen. Sie wurden durch die Ausstellung «New Topographics» 1975 in Rochester bekannt: Robert Adams oder Nicholas Nixon beriefen sich auf die Tradition der großen amerikanischen Landschafts-Fotografen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts wie Anselm Adams.

 

Nüchterne Dokumentation von Veränderungen

 

Doch im Unterschied zu ihren Vorläufern nahmen sie keine unberührte Natur auf, sondern Eingriffe des Menschen. Robert Adams verfolgte Spuren, die in ihr Ressourcen-Raubbau und Zersiedelung hinterließen. Nixon beobachtete die Veränderungen im Stadtbild von Boston im Lauf der Zeit: Alte Viertel verschwanden zugunsten von Highways und Wolkenkratzern – nüchtern dokumentiert wie von Bernd und Hilla Becher in der Bundesrepublik.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier einen Bericht über die Ausstellung „Ai Weiwei in New York“ mit Fotografien von 1983 bis 1993 im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier einen Besprechung des Dokumentarfilms „The Black Power Mixtape 1967 – 1975“ von Göran Hugo Olsson mit historischen Aufnahmen der US-Bürgerrechtsbewegung

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Cy Twombly: Fotografien 1951 – 2010“ in München + Siegen.

Stephen Shore lichtete reizlose Zweck-Bauten wie Schuppen oder Tankstellen ab – allerdings in Farbe. Das erregte Aufsehen; zuvor galt nur Schwarzweiß-Fotografie als künstlerisch wertvoll. Noch anstößiger wirkten die banalen Gegenstände, denen sich William Eggleston widmete: etwa Tiefkühl-Kost in einem vereisten Gefrier-Fach, einen Haufen Abfall-Säcke oder Sperr-Müll am Straßenrand.

 

Siegeszug der Schnappschuss-Ästhetik

 

Indem Eggleston solche Allerwelts-Dinge mit aufwändigen Aufnahme- und Abzug-Verfahren als bildwürdig adelte, erweiterte er das Spektrum der Fotografie enorm: Der Siegeszug der Schnappschuss-Ästhetik in der Kunst begann. Von nun an wurde zudem Farbe in der Fotografie als gleichrangig angesehen – bis zu heutigen Monumental-Tableaus etwa von Andreas Gursky oder Thomas Struth.

 

Dass sich derartigen Motiven immer noch überraschende Perspektiven abgewinnen lassen, zeigt in der Ausstellung die Serie «Rights of Passage» von Martha Rosler: Sie hielt Mitte der 1990er Jahre Blicke aus einem fahrenden Wagen in extremen Quer-Formaten fest. Seiten- und Heck-Ansichten anderer Autos und Laster erscheinen plötzlich so befremdlich wie bedrohlich – alltäglicher Horror auf der Autobahn.


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