Hans-Christian Schmid

Was bleibt

Bitte recht freundlich: Familie Heidtmann posiert für eine Aufnahme. Foto: Pandora Film

(Kinostart: 6.9.) Familien-Aufstellung in der westdeutschen Provinz: Regisseur Schmid lässt erstklassige Schauspieler an einem Wochenende Lebenslügen aufdecken – paradoxerweise gerät durch ihre Präsenz der Film seltsam blutleer.

Ein Wiedersehen mit der «Tatort»-Welt der 1970/80er Jahre: Damals spielte jede zweite Folge der TV-Krimiserie in gutbürgerlichen Einfamilien-Bungalows in der westdeutschen Provinz. Mit gläsernen Schiebe-Türen hinaus zum Garten, Buchsbaum-Hecken und akkurat gestutztem Rasen. Sowie betuchten Bewohnern, von denen jeder eine Leiche im Keller hat.

 

Info

Was bleibt

 

Regie: Hans-Christian Schmid, 85 min., Deutschland 2012;
mit: Corinna Harfouch, Lars Eidinger, Ernst Stötzner

 

Website zum Film

Wie Familie Heidtmann in «Was bleibt»: Der 60-jährige Vater Günter (Ernst Stötzner) hat vor kurzem seinen Verlag lukrativ verkauft und damit seine Angehörigen versorgt. Nun will er nach Jordanien reisen, um für sein Hauptwerk zu recherchieren – mit seiner Geliebten.

 

Jahrelang Psycho-Pharmaka nehmen

 

Von der Mutter Gitte (Corinna Harfouch) nichts weiß: Sie nimmt seit Jahrzehnten Psycho-Pharmaka gegen Depressionen. Seitdem ihre Kinder ausgezogen sind, hat sie wenig zu tun. Sohn Jakob (Sebastian Zimmler) eifert seinen Eltern nach: Dank Vaters Geld hat er in der Nähe eine Zahnarzt-Praxis eröffnet und mit Lebensgefährtin Ella ein Haus gebaut. Was ihn überfordert: Wenn weiter Patienten ausbleiben, muss er seine Praxis schließen.


Offizieller Film-Trailer


 

Mutter setzt Medikamente eigenmächtig ab

 

Bruder Marko (Lars Eidinger) wohnt dagegen in Berlin, wo er sein erstes Buch veröffentlicht hat; darüber ist seine Beziehung in die Brüche gegangen. Mit seinem kleinen Sohn Zowie besucht er die Eltern, um ein paar unbeschwerte Tage im Familienkreis zu erleben.

 

Daraus wird nichts: Gitte eröffnet ihren verblüfften Verwandten, dass sie ihre Medikamente eigenmächtig abgesetzt hat. Alle fürchten unabsehbare Konsequenzen – bis auf Marko, der ihren Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben verteidigt. Während sie debattieren und konspirieren, kostet Gitte ihre neu gewonnene Freiheit aus: Sie verschwindet einfach.

 

Finanziell am Rockzipfel hängen

 

Also eine ganz normale kaputte Familie – das Zielpublikum könnte kaum größer sein. Unbehagen an «Heimfahr-Wochenenden» und Tabu-Themen, die um des lieben Friedens willen totgeschwiegen werden, sind Erfahrungen, die viele thirtysomethings zu Genüge kennen.

 

Wie den Schwebezustand von Marko und Jakob: eigentlich unabhängig, aber beruflich und privat nicht richtig etabliert, hängen sie finanziell noch am Rockzipfel. Abnabelung fällt ihnen schwer – wogegen sollten sie rebellieren? Zumal ihre liberalen Eltern die Kinder machen lassen; nur daheim bestimmt immer noch Papa, wo es lang geht. Und Mama fügt sich.

 

Familien-Aufstellung wie beim Gruppen-Therapeuten

 

Diese präzise beobachtete Konstellation setzt Regisseur Hans-Christian Schmid subtil in Szene. Dennoch bleibt sein Film seltsam leblos: Alle Konflikte werden nur aufgesagt und nicht ausgetragen. Anders als Ingmar Bergman, der einst die Lebenslügen in den Keimzellen der Gesellschaft schonungslos sezierte, belässt es Schmid mit einer Familien-Aufstellung wie beim Gruppen-Therapeuten: Gut, dass wir darüber gesprochen haben!

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Familien-Dramas „We need to talk about Kevin“ von Lynne Ramsay mit Tilda Swinton

 

und hier eine Lobes-Hymne auf das rumänische Mutter-Kind-DramaPeriferic” von Bogdan George Apetri

 

und hier einen Beitrag über den norwegischen Mutter-Kind-Psychothriller “Babycall” von Pål Sletaune mit Noomi Rapace

Obwohl Schmid einer der wandlungsfähigsten Regisseure seiner Generation ist: Nach seinem Aufsehen erregenden Debüt «Nach Fünf im Urwald» von 1996 drehte er den Computer-Psychothriller «23 – Nichts ist so wie es scheint» (1998), in dem sich August Diehl in Verschwörungs-Theorien verlor.

 

«Was bleibt» klebt bleischwer am Boden

 

Seine Verfilmung von Benjamin Leberts Jugend-Roman «Crazy» wurde 2000 ein Hit. «Lichter» (2003) spielte unter zwielichtigen Grenzgängern an der Oder, «Requiem» (2006) im bigotten Frömmler-Milieu, wo der Teufel noch mit Exorzismus ausgetrieben wird. «Sturm» zeigte 2009 das Dilemma des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, Rechtstreue mit Humanität zu vereinbaren: Alle Filme überzeugten Kritiker und waren Achtungs-Erfolge an der Kino-Kasse.

 

«Was bleibt» klebt jedoch bleischwer am Boden; paradoxerweise weil die Eltern so menschlich auftreten. Corinna Harfouch ist viel zu sehr Power-Frau, als dass man ihr das Heimchen am Herd abnehmen würde. Und Ernst Stötzner hat nichts vom herrschsüchtigen Patriarchen an sich – mit ihm ließe sich über alles reden. Erstklassige Schauspieler sabotieren durch ihre schiere Präsenz den tristen Plot: Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.


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