Berlin

Bios – Konzepte des Lebens in der zeitgenössischen Skulptur

Eli Gur Arie: Ohne Titel (Seestern + Fuß), 2002/3; modellierte, gegossene und lackierte Kunststoffe. Foto: Georg Kolbe Museum

Die Natur folgt nicht mehr allein eigenen Gesetzen: Gen-Technik greift tief in ihre Baupläne ein. Was Gegenwarts-Künstler variantenreich imitieren und reflektieren, wie eine gelungene Ausstellung im Georg Kolbe Museum zeigt.

Alle Kunst schöpft aus dem Leben und verwandelt es in Unbelebtes: Materie wird in eine Form gezwungen, die nicht dem Kreislauf von Werden und Vergehen unterliegt. Kunst überdauert das Leben: ars longa, vita brevis.

 

Info

Bios – Konzepte
des Lebens in der zeitgenössischen Skulptur

 

26.08.2012 – 11.11.2012
täglich außer montags
10 bis 18 Uhr im
Georg Kolbe Museum,
Sensburger Allee 25, Berlin

 

Katalog 16 €

 

Weitere Informationen

Wobei Kunst-Werke seit jeher in die Nähe göttlicher Schöpfungsakte gerückt wurden; von Bilder-Verboten in vielen Kulturen, um dem Dargestellten nicht seine Seele zu rauben, bis zum Mythos von Pygmalion. Der antike Bildhauer verliebte sich in eine von ihm gestaltete Statue, bis Venus sein Flehen erhörte und sie in eine Frau verwandelte.

 

Leben ist Stoffwechsel + Fortpflanzung

 

13 zeitgenössische Pygmalion-Nachfahren versammelt das Georg Kolbe Museum in seiner «Bios»-Schau: Ihre Arbeiten beschäftigen sich mit Phänomenen des Lebendigen. Der Untertitel «Konzepte des Lebens in der Skulptur» klingt paradox  ̶  als sei Leben etwas Verhandelbares und nicht eindeutig durch Stoffwechsel und Fortpflanzung definiert.


Interview mit Kurator Marc Wellmann + Impressionen der Ausstellung


 

Öko-System in der Plastik-Flasche

 

Doch Natur ist keine autarke Sphäre mehr: Mikrobiologie und Gentechnik greifen tief in ihre Baupläne ein und erzeugen natürlich-künstliche Zwitterwesen. Damit verschwimmt die Grenze zwischen Natur und Kultur, ihr Gegensatz wird aufgehoben  ̶  menschlicher Einfluss auf die Umwelt gewinnt eine neue Qualität.

 

Ein selbst geschaffenes Öko-System kreiert der dänische Künstler Tue Greenfort mit einfachsten Mitteln: Für «Closed Biosphere» füllte er 2003 eine Plastikflasche mit Teich-Wasser und verschloss sie. Seither lässt Sonnenlicht darin Mikro-Organismen gedeihen. Dieselbe Energie-Quelle treibt auch die «Manna-Maschine» von Thomas Feuerstein an: Durch einen Kreislauf aus Schläuchen und Röhren wird eine Algen-Lösung gepumpt. Die Algen vermehren sich durch Photosynthese und färben die Flüssigkeit grün.

 

Hühner-Ei aus Künstler-Sperma

 

Der Beitrag von Gerda Steiner & Jörg Lenzlinger demonstriert ebenso unkontrolliertes Wachstum: Sie installieren Gefäße voller Harnstoff-Lösungen. Wird ihnen dieser Stoff regelmäßig zugeführt, laufen Kristallisations-Prozesse ab  ̶  allmählich wuchern Gebilde von bizarrer Schönheit. Dagegen zersetzt sich die «Bio-Wurstwolke», ebenfalls von Tue Greenfort, zwischen Glas-Scheiben ohne menschliches Zutun.

 

Nicht alle gezeigten Werke führen ein derartiges Eigenleben. Die meisten verharren in ihrem Ausgangs-Zustand  ̶  selbst wenn sie aus Bio-Masse sind. Wie das Hühner-Ei, das Brad Downey aus eigenem Sperma geformt hat: Es bleibt frisch und ansehnlich, solange es gekühlt wird. Oder die Skulptur «Gorgo» des Belgiers Peter Buggenhout aus organischen Abfällen: Das Gebilde wirkt abstoßend, aber regungs- und damit harmlos.

 

Meeres-Getier aus Plastik-Spielzeug

 

Attraktiver sind Exponate, die umgekehrt mit künstlichen Materialien Lebewesen simulieren. Wie «Sea Life» des US-Künstlers Mark Dion, der oft etliche Objekte zu Wunderkammern der Wahrnehmung zusammenstellt. Hier präsentiert er eine Vitrine, die mit durchsichtigen Gefäßen voll bunter Dinge gefüllt ist; sie scheinen auf den ersten Blick Präparate von Meeres-Getier zu sein. Es handelt sich aber um Plastik-Utensilien vom Kinder- bis zum Sex-Spielzeug: Die Kunststoff-Industrie imitiert die Unterwasser-Welt.

 

Der Israel Eli Gur Arie steuert zwei Skulpturen bei, die ebenfalls vertraut aussehen, obgleich leicht überdimensioniert: einen menschlichen Fuß, daneben einen großen Seestern. Doch mit beiden stimmt etwas nicht: An der Ferse klebt eine rote Masse wie ein unbekannter Parasit; an einem Seestern-Arm enthüllt umgestülpte Haut eine Art Zunge mit Tentakeln. Befremdliche Alien-Ästhetik, die Gur Arie mit lackiertem Kunststoff erzeugt.

 

Riesen-Tintenfisch aus glasierter Keramik

 

Hintergrund

Lesen Sie hier einen Bericht über den documenta-13-Standort “Ottoneum” mit einer “Holz-Bibliothek” von Mark Dion in Kassel

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Über die Metapher des Wachstums” mit Werken von Gerda Steiner + Jörg Lenzlinger im Kunstverein Hannover

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung “Cut & Mix: Kunst aus Peru und Chile” mit Werken von David Zink Yi in der ifa-Galerie, Berlin

 

und hier einen kultiversum-Beitrag zur Ausstellung “WeltWissen” über 300 Jahre Wissenschafts-Geschichte mit Werken von Mark Dion im Martin Gropius Bau, Berlin.

Ähnlich der Sino-Peruaner David Zink Yi, der einen Riesen-Tintenfisch in die Ausstellung wuchtet; Kalmare der Gattung Architheutis leben in der Tiefsee und werden mit Fangarmen bis zu 14 Meter lang. Dieses Exemplar besteht aus aufwändig glasierter Keramik und lagert in einer schwarzen Sirup-Lache: als Modell einer Tierart, die Menschen normalerweise nie zu Gesicht bekommen.

 

Andere Künstler reihen Mutanten auf: Brandon Ballengée konserviert Frösche mit verkümmerten Gliedmaßen. Oder sie zeigen, wie liebenswert Monster sein können: Eine hyperrealistische Frauen-Figur von Patricia Piccinini ist am ganzen Körper behaart  ̶  dieser Gen-Defekt wird Hypertrichosis genannt. In den Armen wiegt sie ein nacktes, augenloses Kopffüßler-Baby; ihre Geste zärtlicher Zuwendung hat etwas Anheimelndes.

 

Skulpturen wie aus life-sciences-Laboren

 

Zum Knuddeln sind auch die flauschigen Pelz-Kugeln, die Günter Weseler über eine Wand wandern lässt. Und scheinbar lebendig: Ihre weichen Fell-Fasern heben und senken sich, als würden sie atmen. Was ein technischer Trick bewirkt  ̶  sie werden von Elektro-Motoren angetrieben. Dennoch kann man sich der Anziehungskraft des Schlüssel-Reizes kaum entziehen.

 

So führt diese Ausstellung anhand einer kleinen, klug komponierten Auswahl vor, was Skulptur heute alles kann: Mit raffiniert bearbeiteten Werkstoffen gelingen Künstlern ebenso variantenreiche Neuschöpfungen wie Gentechnik-Tüftlern in Laboren der life sciences. Ohne zu dämonisieren, wird die gesamte Spannbreite des derzeit Mach- und künftig Denkbaren entfaltet. Womit Kurator Marc Wellmann das Georg Kolbe Museum, dessen Namensgeber noch lebensgroße Bronze-Akte schuf, eindeutig im 21. Jahrhundert positioniert.


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