Dresden

Die Leidenschaften – Ein Drama in fünf Akten

Bordell-Szene, Stereoskopie, Frankreich um 1900. Foto: © Deutsches Hygiene-Museum Dresden

Gefühls-Chaos in der guten Stube: Das Hygiene-Museum inszeniert das Spektrum der menschlichen Affekte als «Drama in fünf Akten». In einer Guckkasten-Bühne voller possierlicher und grotesker Fundstücke – da bleiben viele Fragen offen.

Bühne frei für das Schauspiel entfesselter Leidenschaften! In seiner jährlichen Sonder-Ausstellung widmet sich das Deutsche Hygiene-Museum zentralen Fragen und Phänomenen menschlicher Existenz: etwa «Was ist schön?» 2010 oder dem «Kraftwerk Religion» als Energie-Spender für jeden Einzelnen 2011. Nun sind starke Gefühle an der Reihe.

 

Info

Die Leidenschaften –
Ein Drama in fünf Akten

 

25.02.2012 – 30.12.2012
täglich außer montags
10 bis 18 Uhr im Deutschen Hygiene-Museum, Dresden, Lingnerplatz 1

 

Katalog 24,90 €

 

Website zur Ausstellung

Die das Haus als große Oper in Szene setzt: Der Eingang ist als Guckkasten-Bühne gestaltet, dahinter entfaltet sich ein «Drama in fünf Akten». Was Kuratorin Catherine Nichols und ihre beiden Szenografinnen, die sonst Opern ausstatten, wörtlich verstehen: samt «Textbuch» mit Handlungs-Anweisungen für einzelne «Szenen».

 

Rhetorisches Spiel mit Universal-Fragen

 

Und dem Publikum als Hauptfigur, das sich beim Durchlauf in fünf Räumen mit den Leidenschaften als Gegenspielern herumschlagen soll. Da sich Besucher aber nicht so leicht dirigieren lassen wie Akteure im Regie-Theater, erschöpft sich das Libretto im rhetorischen Spiel mit universalen Fragen: «Sind Leidenschaften ein Antrieb – oder eher ein Störenfried? Was löst sie aus? Wie drücken sie sich aus? Und zu welchen Handlungen verführen sie uns?»


Impressionen der Ausstellung


 

Gefühls-Metaphern frei assoziierend dargestellt

 

Antworten sucht man nicht vergebens: Alle vorstellbaren werden aufgelistet. In der Antike wurden die Leidenschaften als Götter verkörpert, im Mittelalter als Bestien – vor denen Moral-Philosophen aller Epochen warnten. Heutige Forscher suchen den Ursprung der Affekte in der einen oder anderen Hirn-Region. Je nachdem; es kommt halt auf die Umstände an.

 

Ähnlich unentschieden und beliebig wirkt die Auswahl der fast 400 Exponate: Von diversen Tier-Modellen, die traditionell Leidenschaften versinnbildlichen, über etliche Kunstwerke, die dieses oder jenes Gefühl auslösen oder repräsentieren sollen, bis zu zahlreichen Instrumenten und Schemata, um sie zu messen und zu klassifizieren. Weil sich heftige Gemüts-Bewegungen nur als Metaphern fassen lassen, werden sie frei assoziierend dargestellt.

 

Brav naturalistische Bühnen-Bilder

 

Die Bemerkung des Renaissance-Denkers Robert Burton in seiner berühmten «Anatomie der Melancholie», dass Leidenschaften uns «wie eine Horde wilder Pferde in Stücke reißen» können, soll etwa eine Szene aus einem Western von John Huston veranschaulichen. Cowboys bändigen ein wildes Ross – das wirbelt mächtig Staub im Monitor auf. Was die Macherinnen mit 47 Film-Ausschnitten und 23 Audio-Stationen zu Tode reiten: Überall flimmert und quäkt es.

 

Dieses Sammelsurium aus possierlichen, grotesken oder eher abwegigen Fundstücken soll ein Parcours zusammenhalten, der nach dem Muster der guten alten Dramen-Theorie angelegt ist: Exposition, Handlung, Konflikt, Wendung und Auflösung. In Bühnen-Bildern, die das brav naturalistisch illustrieren: Aus einer guten Stube, wo alles am rechten Platz ist, wird ein windschiefes Kartenhaus, dann eine Bruchbude voller zerschlagenem Porzellan und so weiter.

 

Alles in eine Ausstellung packen

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine kultiversum-Rezension der Ausstellung “Kraftwerk Religion” über Gott + die Menschen im Hygiene-Museum, Dresden

 

sowie eine Besprechung der Ausstellung “Was ist schön?” über Harmonie + Attraktivität, ebenfalls im Hygiene Museum.

Da prallen zwei Wirklichkeits-Ebenen frontal aufeinander: die luftige Sphäre flüchtiger Seelen-Regungen und die erdenschwere des herkömmlichen Ausstattungs-Theaters. Was nicht nur allerhand schiefe Bilder freisetzt, sondern auch den Besucher orientierungslos macht: In diesem überbordenden Gefühls-Chaos findet er sich kaum zurecht.

 

Gewiss: Alles Mögliche kann alle denkbaren Leidenschaften hervorrufen, und sie können wiederum alle möglichen Handlungen auslösen. Doch all das lässt sich nicht in eine einzige Ausstellung packen. Was dem Museum wohl bewusst ist: In den Vorgänger-Schauen zu Schönheit und Religion gelang ihm souverän, die Fülle divergierender Aspekte und Anschauungen zu einigen essentiellen Einsichten zusammenzuführen. Diesmal weniger: der Vorhang zu, und viele Fragen offen.


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