Detlev Buck

Die Vermessung der Welt (3D)

Eiskalte Höhen: Alexander von Humboldt (Albrecht Abraham Schuch, li.) und sein Gefährte Aimé Bonpland (Jérémy Kapone) auf dem Anden-Gipfel Chimborazo. Foto: © 2012 Boje Buck Produktion / Lotus-Film

(Kinostart: 25.10.) An der Bestseller-Verfilmung hat Autor Daniel Kehlmann kräftig mitgewirkt. Regisseur Detlev Buck macht daraus einen stimmigen Historien-Film – mit Humboldt und Gauß als Super-Helden der Wissenschaft zum Anfassen.

Das literarische Wunderkind Daniel Kehlmann pflegt einen freien, familiären Umgang mit Genies – was ihm das Publikum dankt. Er macht Figuren groß, wie den Maler Kaminski in «Ich und Kaminski» aus der Perspektive eines mittelmäßigen Erzählers, und dann wieder klein: etwa den Schriftsteller Leo Richter in «Ruhm», dessen Eitelkeiten und Neurosen er bloßlegt.

 

Info

Die Vermessung der Welt

 

Regie: Detlev Buck, 119 min., Deutschland 2012;
mit: Florian David Fitz, Albrecht Abraham Schuch, Jérémy Kapone

 

Website zum Film

Das Publikum mag Genies übermenschlich groß, was ihm wohlige Schauer bereitet, und jämmerlich klein, weil es sich gern überlegen fühlt. Kein Wunder, dass «Die Vermessung der Welt» ein Welt-Erfolg wurde: Dieser Roman erzählt von Genies, die wirklich gelebt haben und deren Entdeckungen jedes Schulkind lernt. Aus Pennäler-Perspektive: Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß werden als Katheder-Autoritäten mit liebenswerten Schrullen vorgeführt.

 

Kehlmann schreibt Drehbuch mit + spricht Erzähler-Text

 

Auch Kino-Wunderkind Detlev Buck, der mit 22 Jahren als Regisseur debütierte, interessiert sich für Entdeckungen: Er ist einer der vielseitigsten deutschen Autoren-Filmer – vom Sozial-Drama bis zur Blockbuster-Komödie. Für die Vermessungs-Verfilmung haben Kehlmann und Buck gemeinsam das Drehbuch verfasst. Der Autor spricht den Text des Erzählers, der Regisseur hält sich an dessen Vorgaben.


Offizieller Filmtrailer


 

Klassiker mit Prinzipien ohne Abgründe

 

So sieht der Film auch aus: historisch stimmig, mit prächtigen Kulissen und Kostümen in hyperrealistischer 3D-Ästhetik. Zwischen Denkerstube, Misthaufen und schmetterlingsseliger Urwald-Pracht entfalten sich in immer erwartbaren Bildern die Lebensläufe von zwei Klassikern – mit Prinzipien und ohne Abgründe.

 

Beispielhaft die erste Kindheits-Szene: Der kleine Gauß löst als Schüler mit pfiffiger Überlegung eine als Schikane gedachte Mathe-Aufgabe. Weil er sich als hochbegabt hervortut, wird er vom Lehrer und Klassen-Kameraden bestraft; weil aber seine Begabung außerordentlich ist, später vom selben Lehrer und dem Herzog von Braunschweig gefördert: Das Genie wird erkannt, zurechtgestutzt und in Dienst genommen.

 

In zwei hübschen Bilder-Büchern blättern

 

Ähnlich wird Humboldt domestiziert: Seine adlige Familie verbietet ihm Natur-Forschung im Schloss-Garten und die ersehnte Weltreise, indem sie ihn zu enterben droht. Bis Mama auf dem Sterbebett ihren letzten Fluch ausstößt: Bruder Wilhelm weint bitterlich, Alexander zieht endlich los und bricht angeblich mit seiner Herkunft – doch seine fleißig geschriebenen Brief-Nachrichten vom Amazonas begeistern schon bald die deutsche Provinz.

 

Danach blättert der Film abwechselnd in zwei hübschen Bilder-Büchern. Buck schneidet motivisch geschickt zwischen beiden Lebensläufen hin und her – doch das Geschehen in der Heimat und in Südamerika verläuft meist in Gegensätzen. Die Genies bereisen Innen- oder Außenräume, ziehen sich in Bett und Kutsche zurück (Gauß) oder durchstreifen wilden Dschungel und erklimmen eisige Höhen (Humboldt).

 

Parallelen erschöpfen sich in Gleichzeitigkeit

 

Sie machen es sich einfach und genießen ihren Körper (Gauß) oder schwer und malträtieren ihn (Humboldt), haben Familie oder keine, suchen oder fordern Verständnis, sind pessimistische Käuze oder optimistische Aufklärer, beschäftigen Diener oder befreien Sklaven. Gemeinsam haben sie nur wenig: Beide kommen nicht allein zurecht, bleiben immer neugierig und lieben Ordnungen und Systeme, gleich welche.

 

Damit lässt sich kaum begründen, beide Biographien zu einer Geschichte zu verknüpfen. Der Film enthüllt die Konstruktions-Schwäche des Romans: Die Parallelen, die er behauptet, erschöpfen sich in Gleichzeitigkeit – kein Rezept für überragende Geistestaten.

 

Plappernde Genies fallen vom Himmel

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung „Von mehr als einer Welt“ über „Die Künste der Aufklärung“ im Kulturforum, Berlin

 

und hier eine Kritik des Dokumentar-Films „¡Vivan las Antipodas!“ von Victor Kossakovsky im Geiste Humboldts

 

und hier einen kultiversum-Beitrag zur Ausstellung “WeltWissen” über 300 Jahre Wissenschafts-Geschichte im Martin-Gropius-Bau, Berlin.

Dabei spielt Florian David Fitz seinen Gauß sehr viel menschlicher als Albrecht Abraham Schuch seinen Humboldt – der sogar am Ende der Welt keine sinnlichen Erfahrungen macht, sondern nur zählt und misst. Selbst gegenüber seinem französischen Reisebegleiter Aimé Bonpland (leichtlebig locker: Jérémy Kapone) hält Humboldt stets die Fahne preußischer Korrektheit hoch.

 

Vielleicht ist das die große Schwäche dieses ansonsten ansehnlichen Historien-Films: Hier fallen Genies einfach vom Himmel. Sie kennen weder dunkle Geheimnisse noch existentielle Probleme. Wozu die munteren Dialoge passen, die von keiner Nachdenklichkeit angekränkelt sind: Es herrscht plappernder Wissens-Frohsinn.

 

Bildungs-Bürger für ihresgleichen

 

Mit dem romantischen Sinn für das Irrational-Metaphysische etwa von Goethes Faust haben Gauß und Humboldt, wie Kehlmann und Buck sie sehen, nichts zu tun: Ihr 19. Jahrhundert ist klar und diesseitig. Erst am Ende in den beginnenden Revolutions-Wirren des Vormärz erlauben sich die Helden einen kurzen Moment der Reflexion. Aber sie bleiben aufgeklärte Bildungs-Bürger für das aufgeklärte, bildungsfreudige Publikum: perfekte Unterrichts-Lektüre – jetzt auch als Film.

 


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