Potsdam

Friederisiko

Das Neue Palais im Park Sanssouci vom nördlichen Klausberg aus gesehen; Gemälde von Karl Christian Wilhelm Baron, 1775. Foto: Roland Handrick © SPSG

Grotten-Saal komplett mit Muscheln verkleidet

 

Mittendrin prangen Repräsentations-Zonen mit überbordender Prunk-Entfaltung: Sie lassen Friedrichs Geschmack dem eines russischen Alleinherrschers ähnlich erscheinen. Etwa die Marmor-Galerie, die dem Spiegel-Saal von Versailles nachempfunden und verschwenderisch mit Halb-Edelsteinen ausgestattet ist. Oder der bizarre Grotten-Saal, dessen Wände komplett mit Muscheln und Pretiosen verkleidet sind - dagegen wirkt Disneyland spartanisch.

 

Die SPSG-Kuratoren versprechen völlig zu Recht einen tiefen Einblick in Denken und Seelenleben des Alten Fritz: So richtet sich ein Emporkömmling ein, der im Handstreich seine etablierten Verwandten auf anderen europäischen Thronen übertrumpfen will - und dabei über sein Ziel eindeutig hinausschießt.

 

Mit Begleitheft sich lustvoll verlaufen

 

Dieses fabelhaft verunglückte Unikum, in dem von Allem zu viel steckt und kaum etwas zusammen passt, wurde für die «Friederisiko»-Ausstellung mit 400 Exponaten bestückt. Unterteilt in elf Themen-Bereiche - ein zwölfter führt zu zehn Stationen im Park; wohlweislich gibt es keinen Rundgang. Stattdessen darf jeder Besucher mithilfe eines Begleithefts das Schloss nach Gusto erkunden: Im Neuen Palais kann man sich nur lustvoll verlaufen.

 

Wobei alle Accessoires eines wahrhaft königlichen Lebens vorbeiziehen: von Riesenschinken in Öl mit ausgeklügeltem Bild-Programm über eine ausladende Sammlung von antiken Statuen, die abwechselnd für Achill oder Apoll, Cäsar oder Cicero gehalten wurden, bis zu Miniatur-Figuren preußischer Regiments-Offiziere aus Wachs; sie werden zum ersten Mal ausgestellt.

 

Porzellan für Juden, Falschgeld für Polen

 

Dabei lernt man viel über Friederichs widersprüchlichen Charakter: Er huldigte einem Freundschafts-Kult, dessen Homophilie er kaum kaschierte, und vergraulte mit Häme seine engen Vertrauten. Er befand: «Alle Religionen sind mehr oder weniger absurd» und hegte starke antisemitische Vorurteile: Dem jüdischen Aufklärer Moses Mendelssohn verweigerte er die Aufnahme in die Akademie.

 

Juden in Preußen mussten hohe Sondersteuern zahlen und wurden gezwungen, KPM-Porzellan zu erwerben. Um den Umsatz der Manufaktur anzutreiben, die Friedrich 1769 gegründet hatte und deren bester Kunde er selbst war. Dabei scheute er sich nicht, Polen im Siebenjährigen Krieg mit minderwertigen Münzen zu überschwemmen, um Preußens Armee zu finanzieren.

 

Nackter Voltaire + Kirschen in Seidenpapier

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung "Karl Friedrich Schinkel. Geschichte und Poesie" im Kulturforum, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung "Von mehr als einer Welt" über "Die Künste der Aufklärung" im 18. Jahrhundert im Kulturforum, Berlin 

 

und hier eine Kritik des Films "Leb wohl, meine Königin!" von Benoît Jacquot über Versailles + die Revolution von 1789.

Diese Gedenk-Schau ist eine wahre Wunderkammer: voller Exzentrik, Überraschungen und diskreten Respektlosigkeiten wie einem Denkmal für Voltaire - als nacktem alten Mann. Zu den Herstellungskosten steuerte Friedrich eine bedeutende Summe bei; die lebensgroße Marmor-Skulptur von 1776 steht heute im Louvre und war noch nie außerhalb Frankreichs zu sehen.

 

Friedrich vereinte in seiner Person offenbar alle Eigenschaften, die einem Großen zukommen, und zugleich das Gegenteil. Dieses Paradox macht ihn zu einer singulären Erscheinung - die «Friederisiko» in allen Facetten vorführt: vom machtpolitischen Hasardeur bis zum Flöte spielenden Feingeist; vom genusssüchtigen Gourmet, der sich einzeln in Seidenpapier gewickelte Kirschen schicken ließ, bis zum philosophierenden Einsiedler am Lebensabend. Der zum Mythos Erstarrte wird im Neuen Palais wieder menschlich fassbar - Dreispitz ab!


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