Gerd Kroske

Heino Jaeger – Look before you kuck

Malt lieber ein brennendes Hamburg, anstatt es anzuzünden: Provokateur Heino Jaeger. Foto: © realistfilm

(Kinostart: 1.11.) Heino Jaeger war Maler, Satiriker, Radio-Star – und ist heute fast vergessen. Dem Geheimtipp-Komiker setzt Gerd Kroske behutsam ein Doku-Denkmal: Jaegers absurde NS-Ironie war seiner Zeit weit voraus.

Heino Jaeger war ein comedian’s comedian, dessen schwadronierende Stegreif-Monologe Kollegen begeisterten: Loriot schätzte ihn sehr, Eckhard Henscheid nannte ihn ein «Jahrhundertgenie», Olli Dittrich hat nach seinem Vorbild die Kabarett-Figur Dittsche angelegt. Im Unterhaltungs- und Kultur-Betrieb ist er allerdings nahezu vergessen – ein Insider-Tipp mit kleiner Fan-Gemeinde.

 

Info

Heino Jaeger –
Look before you kuck

 

Regie: Gerd Kroske, 120 min., Deutschland 2012;
mit: Heino Jaeger, Joska Pintschovius, Jürgen von Tomëi

 

Website zum Film

Dabei war Jaeger in den 1970er Jahren ein Radio-Kultstar. Entdeckt von Hanns Dieter Hüsch, mit dem er auch gemeinsam auftrat, produzierte der Saarländische Rundfunk regelmäßig seine irrwitzige Ratgeber-Parodie «Fragen Sie Dr. Jaeger» als fingierte call in show.

 

Da riet er etwa dem Vater eines pyromanischen Sohnes, nicht die Feuerwehr zu rufen, sondern dem Sprössling einen Experimentier-Baukasten zu kaufen, damit er zum «guten Demokraten» heranwachse. Oder er beruhigte die Gattin eines pensionierten Pass-Beamten: Wenn ihr Mann im Flur einen Abfertigungs-Schalter aufbaue und Laufzettel fürs Wohnzimmer ausstelle, handele er «nach den neuen Passgesetzen völlig korrekt». Nur gut, dass Wahnsinn legal ist.


Offizieller Filmtrailer


 

Bilder wie von Max Ernst + Edward Hopper

 

Zugleich war Jaeger, der an der Hamburger Kunsthochschule studiert hatte, auch virtuoser Grafiker. Er zeichnete ständig auf Zettel: bärbeißige, zu Karikaturen verzerrte Typen im Stil von Otto Dix. Und er malte irritierend realistische Bilder: melancholisch menschenleere Stadt-Landschaften wie Edward Hopper, surreale Grotesken wie Max Ernst und statische Porträts anonymer Wehrmachts-Soldaten – mit Rotes-Kreuz-Abzeichen anstelle von Hakenkreuzen.

 

Als Kind hatte er die Bombardierung von Dresden knapp überlebt. Die Motiv-Welt der NS-Zeit hielt ihn seitdem in Bann: Ruinen, Flak-Stellungen und Tannenberg-Schrift zieren viele seiner Bilder. Für eine Galerie-Ausstellung in Westberlin 1972 entwarf er ein Plakat, das einem Titelblatt des «Völkischen Beobachters» ähnelte – eine gezielte Provokation.

 

1997 in der Psychiatrie gestorben

 

Die kultivierte er mit Hamburger Freunden um den späteren Regional-Historiker Joska Pintschovius. Sie nannten sich «Anti-68er-Bewegung» und besuchten lieber die innerdeutsche Grenze oder Truppen-Übungsplätze, anstatt auf Demos zu gehen. Jaeger war mit dem Schriftsteller Hubert Fichte und Reeperbahn-Kiezgrößen befreundet, blieb aber stets ein Einzelgänger. In den 1980er Jahren verfiel er dem Alkohol, zündete im Rausch seine Wohnung an und endete in der Psychiatrie, wo er 1997 starb.

 

Seiner Biographie nähert sich Gerd Kroske sehr behutsam. Der Dokumentarfilmer hat bereits Porträts vom Boxer Norbert Grupe alias Prinz von Homburg («Der Boxprinz», 2000) und Bordell-Betreiber Wolli Köhler («Wollis Paradies», 2007) gedreht – das über Jaeger ist der Abschluss seiner «Hamburg-Trilogie». Es macht Nicht-Hanseaten den Einstieg nicht leicht.

 

Radikaler Querdenker mit absolutem Gehör

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau 
bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung „Die Ernst Jandl Show“ über den sarkastischen Witz des Konkreten Poeten im Literaturhaus, Berlin

 

und hier einen Beitrag zur Nazi-Science-Fiction-Komödie „Iron Sky“ von Timo Vuorensola mit Udo Kier – ein Film, der Heino Jaeger gefallen würde.

In ausführlichen Interviews mit Pintschovius, Köhler und anderen Weggefährten wird zwar der Esprit der Hamburger Szene in den späten 1960er Jahren sehr lebendig: Sie spielte mit absurder Ironie, als das noch gar nicht opportun war. Doch in der Springflut von Schnurren und Dönekens bleiben Jaegers Qualitäten zunächst schemenhaft.

 

In der zweiten Hälfte, wenn Kroske mehr originale Ton- und Bild-Aufnahmen einsetzt, werden sie deutlicher erkennbar: Als radikaler Querdenker hatte er ein absolutes Gehör für falsche Töne im täglichen Sermon und jonglierte damit hemmungslos in schräger Rollenprosa. Mit Pokerface, so dass sein Publikum leicht den Hintersinn überhörte.

 

Zitate von NS-Versatzstücken

 

Jaeger war seiner Zeit weit voraus: Ausgiebiges Zitieren verdrängter NS-Versatzstücke brachte ihm manchmal Beifall von der falschen Seite ein. In den 1980er Jahren wurde bei Künstlern wie Jörg Immendorf und Anselm Kiefer deutlich, wie wirkmächtig dieser Bilder-Fundus immer noch ist. Heute stellen sie die Pappmaché-Kulissen für Trash-Orgien wie «Inglorious Basterds» und «Iron Sky» – verdienstvoll, dass Kroske daran erinnert, wer das ermöglicht hat.


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