Stuttgart

Maori – Die ersten Bewohner Neuseelands

Lyonel Grant
: Whaaia ko Tawaki mit koruru
 (stilisierte Aktualisierung eines Haus-Giebels). Foto: Anatol Dreyer, © Linden-Museum Stuttgart

Geschichte und Kultur der Ureinwohner Neuseelands sind hierzulande kaum bekannt – obwohl sie europäischen Einwanderern stets Paroli boten. Ihre Eigenarten stellt das Linden-Museum ausführlich und anschaulich vor.

Ein Wort aus der Maori-Sprache ist ins Deutsche eingewandert: das Tabu – «tapu» kommt auch in anderen polynesischen Idiomen vor und bezeichnet stets etwas streng Verbotenes. Eine Maori-Sitte erfreut sich mittlerweile auch im Westen größter Beliebtheit: die Tätowierung – allerdings selten im Gesicht, wie unter Maori üblich.

 

Info

Maori: Die ersten Bewohner Neuseelands

 

01.04.2012 – 14.10.2012
täglich außer montags 10 bis 17 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr, sonntags bis 18 Uhr im Linden-Museum, Hegelplatz 1, Stuttgart

 

Katalog 16 €

 

Weitere Informationen 

Ansonsten ist die Kultur der Ureinwohner Neuseelands hierzulande kaum bekannt – anders als die der Aborigines in Australien: dot paintings waren jüngst auf der documenta 13 zu sehen, didgeridoo-Musik ist in jedem gut sortierten Platten-Laden erhältlich. Damit haben Maori nichts zu tun; unabhängig davon hat ihre traditionelle Kultur seit 1970 eine regelrechte Renaissance erlebt.

 

Europäern kämpferisch ebenbürtig

 

Wobei sie ohnehin nie vom Aussterben bedroht war: Als ab 1780 größere Scharen europäischer – vor allem britischer Siedler – nach Neuseeland einwanderten, trafen sie dort auf selbstbewusste Insel-Bewohner: An Kampfgeist waren sie ihnen ebenbürtig, wenn nicht überlegen. Rasch beschafften sich einige Gruppen Feuerwaffen und bekämpften damit feindliche Stämme: Die so genannten Musketen-Kriege der Maori untereinander verliefen blutiger und verlustreicher als alle Konflikte mit den Neuankömmlingen.


Impressionen der Ausstellung


 

Auf sieben Kanus aus Ostpolynesien

 

Im Vertrag von Waitangi sicherte die britische Krone 1840 den Maori-Stämmen ihre Rechte am Land und dessen Ressourcen zu – was in den Folgejahren häufig von Siedlern und Kolonial-Regierung unterlaufen wurde. Bis 1872 kam es zu etlichen Scharmützeln und Feldzügen, die meist mit einem Patt endeten. Danach eigneten sich die Maori allmählich westliche Kenntnisse an und lernten Englisch; sie ließen sich nicht wie Aborigines oder US-Indianer rechtlos an den Rand der Gesellschaft drängen.

 

Vermutlich wehrten sich die Maori so zäh und erfolgreich, weil sie selbst als Kolonisten nach Neuseeland gekommen waren: Zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert erreichten sie die zuvor unbewohnten Inseln, nehmen Archäologen an. Nach Ansicht der Maori wanderten ihre Vorfahren auf sieben Kanus («waka») aus der mythischen Heimat hawaiki aus – man vermutet sie in Ostpolynesien. Jeder Maori kann seine Abstammung auf die Insassen eines dieser Kanus zurückführen.

 

Halbgott fischte Nord-Insel aus dem Meer

 

Um 1500 hatte sich ihre auf polynesischen Traditionen beruhende Kultur zu voller Blüte entwickelt. Deren Merkmale werden in der Ausstellung des Linden-Museums anschaulich vorgestellt – eine Übernahme aus dem Völkerkunde-Museum im niederländischen Leiden, die um Stücke aus eigenem Bestand und Leihgaben angereichert wurde.

 

Zentraler Blickfang der Stuttgarter Schau ist ein komplettes, dem Halbgott Maui gewidmetes Gemeinschafts-Haus («wharepuni a Maui»): Er soll aus dem Meer einen Fisch geangelt haben, der zu Neuseelands Nord-Insel wurde. Zwar schuf es der Meister-Schnitzer Tene Waitere erst 1905, doch es zeigt uralte Motiven der Maori-Mythologie.

 

Ur-Eltern wurden zu Himmel + Erde

 

Eine Maui-Figur schmückt den Giebel-Aufsatz; sie wird als «Geist» oder «Gehirn» des Hauses aufgefasst. Das Figuren-Paar auf den Giebel-Brettern am Eingang stellt das Ur-Elternpaar Papa und Rangi dar: Laut dem Schöpfungs-Mythos der Maori entstand die Welt, indem seine Kinder das innig verschlungene Paar auseinander drückten, und sie zu Himmel und Erde wurden.

 

Weitere legendäre Figuren sind als halb- oder vollplastische Gestalten auf Holz-Paneelen («poupou») zu sehen, mit denen der Innenraum verkleidet ist: etwa Frau Whakaoritanga, die in einem Korb Süßkartoffeln nach Neuseeland mitbrachte – ein Grundnahrungsmittel der Maori. Die Räume zwischen den Paneelen füllt Flechtwerk mit geometrischen Mustern, die Dachsparren sind mit verschlungenen Linien bemalt: Keine Fläche bleibt unverziert.

 

Farn-Blätter als Lebens-Symbole

 

Auch Gebrauchs-Gegenstände wie Gefäße und Waffen werden gern mit ziselierten Spiral-Formen geschmückt: eine Abstraktion der auf Neuseeland häufigen Farne. Beim Wachsen entrollen sich ihre Blätter, was als Symbol für werdendes Leben gilt. Maori-Schnitzkunst konzentriert sich oft auf Details, etwa kleine Figuren am Griff-Knauf oder Kanten von Klingen, während die übrigen Flächen leer bleiben.

 

Hohe Wertschätzung genießen Objekte und Schmuck aus Jade: etwa stilisierte hei tiki-Figuren mit seitlich geneigtem Kopf, die als Anhänger um den Hals getragen werden. Solche traditionellen Formen sind keineswegs zum archaischen Repertoire erstarrt: Heutige Maori-Künstler knüpfen daran an und entwickeln es mit modernen Materialien weiter.

 

Kriegs-Tanz mit herausgestreckter Zunge

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung “Remembering Forward” über zeitgenössische Malerei der Aborigines im Museum Ludwig, Köln

 

und hier ein Interview mit dem australischen Filmemacher Warwick Thornton über Aborigines-Kunst im 21. Jahrhundert

 

und hier eine Besprechung des ersten Aborigines-Spielfilms “Samson & Delilah” von Warwick Thornton.

Wie George Nuku: Er hat den vollständigen Giebel-Schmuck eines Hauses aus transparentem Acryl modelliert – als Outer Space Marae: Das Wort marae bezeichnet den abgegrenzten Raum vor dem Haus, auf dem alle wichtigen Gemeinschafts-Aktivitäten stattfinden. Oder Lyonel Grant, der am Anfang zur Ausstellung eine stilisierte Aktualisierung eines Hauses aufbaut; samt lebensgroßen Holz-Skulpturen von Mann und Frau.

 

Der erste Raum ist von lauten Kampf-Gesängen erfüllt: Auf Video-Leinwänden ist eine zeitgenössische Version des Kriegs-Tanzes haka zu sehen. Muskulöse Männer bieten mit rhythmischem Stampfen der Füße, rollenden Augen und herausgestreckter Zunge einen Respekt einflößenden Anblick: Dieses Schauspiel von Kraft und Vitalität zählt heute zu den nationalen Symbolen Neuseelands.

 

Te Reo Maori als zweite Amtssprache

 

Wo die Sprache Te Reo Maori zur zweiten offiziellen Amtssprache avanciert ist: Eine halbe Million Bürger – was 15 Prozent der Bevölkerung entspricht – bekennt sich zur Maori-Kultur, deren Erhalt von der Regierung nach Kräften gefördert wird. Die weltweit bekannteste Maori-Frau hat ihre Meriten indes in der klassisch abendländischen Kultur erworben: die Opern-Sängerin Kiri Te Kanawa.


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