Gerardo Naranjo

Miss Bala

Letzte Zuflucht Fußboden: Beim finalen Showdown zwischen Truppen und Gangstern flüchtet Laura (Stephanie Sigman) unter ein Bett. Foto: © 2012 Twentieth Century Fox

(Kinostart: 18.10.) Action-Krimi aus der Ameisen-Perspektive: Eine junge Frau gerät in Mexikos blutigen Drogen-Krieg. Mit aufwühlender Beiläufigkeit entwirft Regisseur Naranjo das Psychogramm einer von Gewalt zerfressenen Gesellschaft.

Der neben dem Bürgerkrieg in Syrien derzeit blutigste Krieg auf der Welt wird nicht in Afghanistan oder Irak ausgefochten, sondern im OECD-Mitgliedsland Mexiko: mit rund 30.000 Toten seit 2006. Brutal kämpfen schwer bewaffnete Drogen-Banden um Marktanteile in ihrem kriminellen Geschäft, das bis zu 40 Milliarden Dollar Gewinn pro Jahr abwirft.

 

Info

Miss Bala

 

Regie: Gerardo Naranjo, 113 min., Mexiko 2011;
mit: Stephanie Sigman, Noé Hernández, James Russo

 

Weitere Informationen

Ein Ende ist nicht abzusehen: Vor allem in Mexikos nördlichen Bundesstaaten hat die Drogen-Mafia längst Polizei und Militär infiltriert. Korrupte Uniform-Träger kungeln mit Gangstern, die zugleich von Sonder-Einheiten rücksichtslos verfolgt werden. Der staatliche Krieg gegen Drogen ist zu einem Kampf Aller gegen Alle mutiert, mit unklaren Fronten und ständiger Lebensgefahr.

 

Schießerei vor Schönheits-Konkurrenz

 

Die meisten Opfer sind unschuldige Zivilisten – wie in jedem Krieg. Eines von ihnen ist die Hauptfigur von «Miss Bala»: Die 23-jährige Laura (Stephanie Sigman) will an einer Schönheits-Konkurrenz teilnehmen, gerät aber am Vorabend in einem Nachtclub unversehens in eine wilde Schießerei.


Offizieller Filmtrailer


 

Zwei Seiten einer Medaille

 

Von den Behörden wird sie kurzerhand an eine beteiligte Killer-Truppe ausgeliefert. Deren Boss Lino (Noé Hernández) wirft ein Auge auf sie und spannt Laura für Kurier-Dienste ein; zur Belohnung verspricht er ihr den Sieg im beauty contest. Ihr helfen weder Verweigerung noch Flucht-Versuche; sie ist der Willkür ihrer Kidnapper völlig ausgeliefert. Bis die Laura als Lockvogel auf einen hochrangigen General ansetzen, was im Massaker endet.

 

Diese Anti-Heldin ist an das reale Vorbild einer früheren Schönheits-Königin angelehnt, die tatsächlich in solche Machenschaften verstrickt wurde. Was Regisseur Gerardo Naranjo erlaubt, beide Sphären als zwei Seiten einer Medaille zu zeigen: Trotz Talmi-Glanz geht es beim Wettbewerb um die «Miss Baja California» hinter den Kulissen genauso bestechlich und erbarmungslos zu wie beim Geschacher um Geld-Koffer und Drogen-Pakete.

 

Physisch spürbarer Schock-Zustand

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie eine Kritik des Films „Savages“ von Oliver Stone über Drogenbanden-Kriege in Südkalifornien

 

und hier einen Beitrag  über  “Whores’ Glory – Ein Triptychon” von Michael Glawogger über Prostitution in Mexiko

 

und hier einen kultiversum-Beitrag zum Film „Sin Nombre“ von Cary Fukunaga über Flucht vor Drogenkrieg in Mexiko.

Wer auf welcher Seite steht und für was verantwortlich ist, lässt sich kaum ausmachen – schon gar nicht für Laura, die ahnungslos in diesen Strudel der Gewalt hineingerissen wird. Dabei bleibt ihr die Kamera stets dicht auf den Fersen; sie hetzt mit ihr durch Felder, Grenz-Anlagen und Kugelhagel – wodurch der Schock-Zustand, unter dem die junge Frau steht, fast physisch spürbar wird.

 

Der Film spart nicht an Action-Szenen, doch ohne jede glorifizierende Ästhetik. Er zeigt sie aus Lauras Ameisen-Perspektive ohnmächtiger Panik, wie Frontsoldaten eine Schlacht erleben: als alle Sinne betäubendes Chaos aus Lärm, Dreck und Blutvergießen. In dieser Hölle wirken selbst grauenhafte Details bald gewöhnlich – und damit umso Grauen erregender.

 

Unspektakulär garantiert tödlich

 

So gelingt dem Regisseur das gespenstische Psychogramm einer Gesellschaft, in die sich Gesetzlosigkeit und Gewalt tief hineingefressen haben wie Metastasen in den Organismus bei Krebs im Endstadium. Ganz unspektakulär, aber garantiert tödlich – diese entsetzliche Beiläufigkeit macht «Miss Bala» so aufwühlend. Damit trifft Naranjo einen Nerv: Sein Film ist als Mexikos Kandidat für den Auslands-Oscar nominiert.


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