Marc Wiese

Camp 14 – Total Control Zone

Geboren als Häftling in Camp 14: Shin Dong-Hyuk. Foto: © Realfiction Filmverleih

(Kinostart: 8.11.) Schlimmer als jeder Horror-Schocker: Ein Ex-Häftling aus Nordkorea, der in Gefangenschaft zur Welt kam, erzählt von seinem Leben im Lager. Wo alle menschlichen Regungen zerstört werden – für die perfekte Diktatur.

In unserer komplett vermessenen und ausgeleuchteten Welt ist Nordkorea das letzte große schwarze Loch. Im Wortsinne: Auf nächtlichen Satelliten-Bildern, auf denen die anderen Regionen Ostasiens funkeln und glitzern, bleibt Nordkorea dunkel – Strom wird streng rationiert.

 

Info

Camp 14 –
Total Control Zone

 

Regie: Marc Wiese, 104 min., Korea/ Deutschland 2012;
mit: Shin Dong-Hyuk (Sprecher: August Diehl), Hyuk Kwon, Oh Yangnam

 

Website zum Film

Bei Tageslicht sieht es kaum anders aus: Foto- und Film-Aufnahmen aus Nordkorea sind rar. Die wenigen nicht offiziellen Aufnahmen, die in die übrige Welt gelangen, zeigen meist Szenen aus der Hauptstadt Pyöngjang oder Fassaden in den Sonderwirtschafts-Zonen, wo südkoreanische Konzerne billig produzieren lassen. Wie das restliche Land aussieht, ist unklar.

 

200.000 Gulag-Insassen

 

Gar keine Innen-Ansichten gibt es vom berüchtigten Unterdrückungs-Apparat. Im ausgedehnten System von Arbeits-Lagern nach dem Muster des sowjetischen Gulag werden rund 200.000 Menschen gefangen gehalten. Seltene authentische Berichte von Überläufern klingen entsetzlich.

Offizieller Filmtrailer


 

Perfekt abgeschottete Propaganda-Sphäre

 

Dass sich die internationale Empörung darüber in Grenzen hält, liegt auch an der Abschottung, die das Regime in Pyöngjang perfektioniert: Informationen und Bilder gelangen weder hinein noch hinaus. Seine Untertanen leben in einer Fantasie-Sphäre, die völlig durch Propaganda definiert wird. Nach 67 Jahren Isolation ist alles Wissen über die wirkliche Außenwelt verschwunden.

 

Auch Dokumentar-Filmer Marc Wiese kann die visuelle Leerstelle Nordkorea nicht füllen. Aber er hat Augenzeugen aufgetrieben, die seine dunkelsten Geheimnisse erlebt und erlitten haben: Kronzeuge ist der 29-jährige Shin Dong-Huyk, der vor sechs Jahren aus einem Arbeitslager floh. Seine Angaben bestätigen Hyuk Kwon, früher Wärter-Kommandant, und Ex-Geheimdienstmann Oh Yangnam – die drei leben heute in Südkorea.

 

Hinrichtung bei Körper-Kontakt von Mann + Frau

 

Shin kam als Kind zweier Häftlinge im Lager Camp 14 zur Welt, das zur «Total Control Zone» gehört; alle hier Eingesperrten bleiben dort lebenslänglich. Mit seiner Mutter wurde sein Vater «für gute Arbeit belohnt»; ansonsten sind im Lager alle Körper-Kontakte zwischen Mann und Frau verboten. Sie werden ebenso wie Fluchtversuche, Nahrungs-Unterschlagung und Ungehorsam mit sofortiger Erschießung bestraft.

 

Eine öffentliche Hinrichtung vor den Augen Tausender Lager-Insassen ist der erste Eindruck des damals Vierjährigen, an den sich Shin heute noch erinnert. Nicht dagegen an Familien-Leben: Eltern und Kinder wurden gezwungen, einander zu bespitzeln. Shin vermutet als 14-Jähriger, dass Mutter und Bruder fliehen wollen, und denunziert beide: «So konnte ich wenigstens mein Leben und das meines Vaters retten».

 

Einmal im Leben satt essen als einziger Wunsch

 

Das bewahrt ihn nicht vor monatelanger Einzelhaft und grausamer Folter. Als ein Mithäftling seine eiternden Wunden reinigt, erfährt er erstmals in seinem Leben menschliche Zuwendung. Bei seiner Freilassung muss er der Hinrichtung von Mutter und Bruder zusehen: «Ich dachte, sie hätten es verdient, und empfand keine Gefühle, denn mir war das Konzept Familie völlig fremd.» Seine Tage füllen Zwangsarbeit in Minen und Fabriken sowie Hunger: Für jeden Inhaftierten gibt es nur 700 Gramm Mais, Chinakohl und Salz – 365 Tage im Jahr. Manchmal fangen und braten sie Ratten.

 

Bis er von einem Mithäftling erfährt, dass der einst in Freiheit ein Hühnerbein verzehrt hatte: «Ich wollte mich einmal im Leben satt essen; dann hätte ich keine Wünsche mehr.» Beim gemeinsamen Fluchtversuch stirbt der Andere, Shin entkommt bis nach China. Was er erlebt hat, ist laut Hyuk und Oh typisch: Lager-Häftlinge sind absolut rechtlos und jederzeit grausamer Willkür ihrer Wärter ausgesetzt.

 

Shin will zurück ins Lager

 

All das zeigen kann Regisseur Wiese nicht: Er behilft sich mit dezenten Animations-Sequenzen. Zudem spricht das Verhalten von Interview-Partner Shin Bände: Er erzählt Ungeheuerliches mit gleichmütiger Stimme und regungslosem Antlitz. Nur seine Augen flackern, er reibt sich nervös die Hände – und bittet oft um Pausen, weil ihn die Erinnerung überwältigt.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau 
bei Film-Zeit.

Dieser zutiefst traumatisierte Mensch ist völlig wurzel- und orientierungslos: Shin fliegt um den Globus, um auf Konferenzen über unfassbar inhumane Zustände zu sprechen, und lebt in Seoul in mönchischer Askese. Und wünscht sich ernsthaft ins Camp 14 zurück, weil es der einzige Ort ist, mit dem ihn etwas verbindet: Gequälter kann eine Seele nicht sein.

 

Es gibt kein Sprachbild außer der Hölle, um den Horror dieser Lager zu beschreiben. Alle menschlichen Bindungen sind aufgelöst, alle humanen Empfindungen zerstört; der Einzelne wird absolut atomisiert nur als Biomasse für Vernichtung durch Arbeit behandelt. Sämtliche Elemente des Totalitarismus treibt Nordkorea auf die Spitze: eine perfekte Diktatur. Keiner weiß, wann und wie dieser Alptraum enden wird – es bleibt ein schwarzes Loch.


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