Stuttgart

Die Welt der Kelten: Zentren der Macht – Kostbarkeiten der Kunst

Ring von Trichtingen (Detail), 1. Jh. v. Chr. Foto: © Landesmuseum Württemberg, Stuttgart

Kelten-Ausstellungen haben Konjunktur: Nach Völklingen 2010/11 zeigt nun Stuttgart eine neue Überblicks-Schau zu ihrer rätselhaften Kultur – aufgegliedert in zwei Abteilungen, die besser ihre Standorte getauscht hätten.

Die Kelten sind das mysteriöseste Volk der Antike. Obwohl sie halb Europa von den Pyrenäen bis zum Schwarzen Meer besiedelten, ist wenig über sie bekannt, weil sie so verschwiegen waren. Sie schrieben Mythen und Erzählungen nicht auf; das hatten ihre Druiden aus unbekannten Gründen verboten.

 

Info

Die Welt der Kelten:
Zentren der Macht – Kostbarkeiten der Kunst

 

15.09.2012 – 17.02.2013
täglich außer montags
10 bis 18 Uhr,
donnerstags bis 21 Uhr 
im Kunstgebäude und Alten Schloss, Stuttgart

 

Katalog 24,90 € 

 

Website zur Ausstellung

Gebrauchs-Texte wie etwa Kalender notierten die Kelten mit griechischen oder lateinischen Buchstaben. Alle antiken Autoren, die sie erwähnen, waren ebenso Griechen oder Römern: Sie beschrieben die nördlichen Stämme entweder als edle Wilde oder blutrünstige Barbaren.

 

Mehr Funde mit neuen Such-Methoden

 

Beides war grob vereinfachend, wie die Forschung inzwischen weiß. Sie hat in jüngster Zeit mit neuen Such-Methoden – etwa aus der Luft – etliche Fundstätten von Siedlungs-Resten und Fürsten-Gräbern aufgespürt. Was zahlreiche Geheimnisse lüftete: Die keltische Kultur war wesentlich vielfältiger und veränderte sich rascher als zuvor angenommen.


Impressionen der Ausstellung


 

Älteste Groß-Skulptur nördlich der Alpen

 

Deshalb haben Kelten-Ausstellungen in den letzten Jahren Konjunktur. 2010/11 wurde in Völklingen die bislang größte Überblicks-Schau zusammengetragen; mit mehr als 1600 Exponaten grandios im ehemaligen Stahlwerk präsentiert. Nun zieht Stuttgart nach: «Die Welt der Kelten» fällt mit rund 1300 Objekten kaum kleiner aus.

 

Manche prachtvollen Leihgaben aus ganz Europa werden erneut gezeigt. Etwa der lebensgroße «Krieger von Hirschlanden», die älteste Groß-Skulptur in menschlicher Gestalt nördlich der Alpen: Die Sandstein-Figur mit spitzem Kegel-Hut wird auf 530 v. Chr. datiert. Oder der 180 Jahre später gefertigte Prunk-Helm aus dem französischen Agris: eine vergoldete Bronze-Haube, rundum mit Edelsteinen besetzt und Ornamenten geschmückt.

 

80 Tonnen schwere Grab-Kammer

 

Auch der silberne «Kessel von Gundestrup», der kurz vor der Zeitenwende entstand und 1898 in Dänemark gefunden wurde, ist abermals zu sehen. Seine 13 Relief-Platten belegen weit reichende Kontakte: Sie zeigen Tiere, die in Nordeuropa nicht vorkommen, in einem Stil, der auf eine Herkunft vom Balkan hindeutet. Zugleich ist der Kessel eine wichtige Quelle zur keltischen Religion. Jede Platte enthält einen Gott: Manche sind identifizierbar, andere nicht.

 

Der Akzent der Stuttgarter Schau liegt aber auf Funden im südwestdeutschen Raum. Hier machten Archäologen in den letzten Jahren spektakuläre Entdeckungen: etwa eine mit kunstvoll verzierter Zinnfolie beklebte Keramik-Flasche in einem Männer-Grab bei Karlsruhe – ein Unikat aus dieser Gegend. Oder eine komplette Grab-Kammer: Der 80 Tonnen schwere Block wurde 2010 bei Heuneburg an der oberen Donau geborgen. Seine reiche Ausstattung wird erstmals öffentlich ausgestellt.

 

Kultur-Revolution mit unklarem Auslöser

 

Im Rahmen einer ambitionierten Gesamt-Darstellung der keltischen Zivilisation: Als sie beginnt, Eisen zu verarbeiten, erfährt sie ihren ersten Aufschwung – die so genannte Hallstatt-Kultur ab 800 v. Chr. Die damalige Elite herrscht von befestigten Fürsten-Sitzen aus und knüpft Handels-Beziehungen in den Mittelmeer-Raum. Davon unbeeinflusst bleibt das Dekor keltischen Kunsthandwerks rein geometrisch.

 

Alles ändert sich 300 Jahre später – was diese Kultur-Revolution auslöst, ist unklar. Die Kelten geben die alten Fürsten-Sitze auf, siedeln verstreut in Einzelhöfen und bestatten ihre Toten nicht mehr in Hügeln. Zudem bildet die Latène-Kultur bald eine völlig neue Ornamentik aus: verschlungene Kreis- und Bogen-Muster, Pflanzen-Formen sowie grotesk wirkende Masken und Fratzen – später auch Ranken und dreidimensionale Figuren.

 

Assimilation in gallo-römischer Misch-Kultur

 

Die neuen Stile verbreiten sich rasch von Irland bis Südosteuropa; offenbar sind die Kelten dieser Epoche sehr mobil. Ab 200 v. Chr. erleben sie ihre letzte Blütezeit. In Mitteleuropa werden große, stadtartige Siedlungen angelegt, die so genannten Oppida. Münzgeld kommt in Umlauf, und das Kunsthandwerk orientiert sich nun an hellenistischen Vorbildern.

 

Ständige Adels-Rivalitäten führen jedoch den Niedergang herbei. Nachdem Cäsar 58 bis 51 v. Chr. Gallien erobert hat, entsteht eine gallo-römische Misch-Kultur, in der sich die Kelten allmählich assimilieren. Nur auf den britischen Inseln lebt ihre Formensprache bis ins frühe Mittelalter fort.

 

Multimediales Brimborium zu fünf Fundstätten

 

Diese Entwicklung wird in zwei Abteilungen dargestellt: im Kunstgebäude am Beispiel von «Zentren der Macht», im Alten Schloss anhand von «Kostbarkeiten der Kunst» – was zu einigen Wiederholungen und Redundanzen führt. Vor allem im ersten Teil: Dort werden einzelne historische Phasen in einer Raumfolge textlastig und kleinteilig vorgestellt.

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Besprechung der Ausstellung “Die Kelten. Druiden. Fürsten. Krieger” in der 
Völklinger Hütte, Völklingen/ Saar

 

sowie die Rezension der Ausstellung “Mythos Olympia – Kult und Spiele in der Antike
zur Bedeutung des antiken Heiligtums  im Martin-Gropius-Bau, Berlin

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung “Die Rückkehr der Götter“ über antike Mythologie im Römisch-Germanischen Museum, Köln.

Eindrucksvollere Exponate finden sich im zentralen Kuppel-Saal, dessen Einrichtung jedoch reichlich überinszeniert wirkt: Grelle Signal-Farben, niedrige Wand-Vitrinen und verwinkelte Einbauten erschweren die Besichtigung. Hier geht es neben allgemeinen Aspekten der keltischen Zivilisation vorwiegend um fünf wichtige Fundstätten: Sie werden mit multimedialem Brimborium in allen Details erschöpfend ausgebreitet.

 

Rundgang als Hindernislauf

 

Gelungener ist der zweite Teil – allein schon wegen des Schauwerts erlesener Objekte. Doch die dritte Etage des Alten Schlosses eignet sich kaum für Groß-Ausstellungen dieser Art: Selbst bei mäßigem Andrang gerät der Rundgang zum Hindernislauf. Was vielen Spitzen-Stücken zu wenig Platz bietet, um ihre Aura und ästhetischen Qualitäten zu entfalten.

 

Das hätte sich verhindern lassen, wenn beide Abteilungen einfach die Standorte getauscht hätten: Kunstwerke wie Statuen, Prunkgefäße und Schmuck in den weiträumigen Kuppel-Saal des Kunstgebäudes, wo sie schon dem Namen nach hingehören – und die Nacherzählung der keltischen Geschichte ins Alte Schloss, das einstige Zentrum der Macht.


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