München + Würzburg + Halle/ S.

«Entartete Kunst»: Der Berliner Skulpturenfund von 2010

Edwin Scharff: Bildnis der Schauspielerin Anni Mewes. Foto: Achim Kleuker, Berlin/ SPK

Ende eines Kunst-Krimis: Vor zwei Jahren wurden mitten in Berlin 16 Skulpturen der klassischen Moderne gefunden. Die Nazis hatten sie als «entartete Kunst» beschlagnahmt, sie galten als verloren – nun sind sie in der Neuen Pinakothek zu sehen.

65 Jahre lang lagen die Skulpturen im Untergrund, doch dann kamen sie in wenigen Monaten ans Tageslicht: Im Januar 2010 wurde mitten in Berlin vor dem Roten Rathaus in einem früheren Keller-Gewölbe ein auffälliger Metall-Gegenstand entdeckt. Den reinigte das Museum für Vor- und Frühgeschichte – und identifizierte ihn als Bildnis der Schauspielerin Anni Mewes von Edwin Scharff.

 

Info

«Entartete Kunst»: 
Der Berliner Skulpturenfund von 2010

 

01.11.2012 – 26.01.2013
täglich außer dienstags
10 bis 18 Uhr ; 
mittwochs bis 20 Uhr
in der Neuen Pinakothek,
Barer Straße 29, München

 

Begleitband 24,95 € 

 

Weitere Informationen

 

09.03.2013 – 20.05.2013
täglich außer montags 11 bis 18 Uhr, dienstags ab 13 Uhr, donnerstags bis 19 Uhr im Museum Kulturspeicher, Oskar-Laredo-Platz 1, Würzburg

 

Weitere Informationen

 

09.06.2013 – 01.09.2013
täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, dienstags bis 19 Uhr in der Stiftung Moritzburg, Kunstmuseum des Landes Sachsen-Anhalt, Friedemann-Bach-Platz 5, Halle/ Saale

 

Weitere Informationen

Die Bronze-Maske gehörte früher den Bayerischen Staats-Gemäldesammlungen in München. Sie wurde 1937 von den Nazis beschlagnahmt und nach Berlin abtransportiert, gemeinsam mit 136 anderen Werken. Ab 1939 galt die Scharff-Plastik als vermisst.

 

Depot des Propaganda-Ministeriums

 

Bei anschließenden Grabungen auf dem Terrain wurden insgesamt 16 Skulpturen aus den 1920/30er Jahren geborgen. Alle waren 1937 auf der Wanderausstellung «Entartete Kunst» zur Verhöhnung der künstlerischen Moderne gezeigt worden. Dann verlor sich ihre Spur. Nach dem Zweiten Weltkrieg galten sie als verschollen.

 

Inzwischen ist geklärt, wie die Werke ins Erdreich der Berliner Innenstadt gelangten. Nach dem Ende der Wanderausstellung waren deren Exponate im Reichs-Propagandaministerium eingelagert worden; teils wurden sie zerstört, teils ins Ausland verkauft. Die Bodenfunde lassen sich aber einem Grundstück mit der früheren Adresse Königstraße 50 zuordnen: Dort befand sich ein bislang unbekanntes Depot des Propaganda-Ministeriums.

 

Brief + Liste von 1942 im Bundes-Archiv entdeckt

 

Das geht aus einem Brief des Ministeriums vom 14. August 1942 an die Reichs- Propagandaleitung hervor, der im Frühjahr 2011 im Bundes-Archiv entdeckt wurde. Dem Brief lag eine Liste der deponierten Kunstwerke bei, anhand derer die geborgenen Werke zweifelsfrei identifiziert wurden. Hunderte andere dort gelagerte Objekte vernichtete offenbar eine Feuersbrunst.

 

Nach der Restaurierung der ersten elf gefundenen Plastiken wurden sie 2010 im Neuen Museum von Berlin ausgestellt. Ab April 2012 waren alle 16 Skulpturen im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zu sehen, aus dessen Vorkriegs-Kollektion fünf von ihnen stammten. Nun werden sie in der Neuen Pinakothek gezeigt, ergänzt mit weiteren Werken aus den Beständen der Pinakotheken. Anschließend wandert die Schau in das Museum Kulturspeicher Würzburg und die Stiftung Moritzburg in Halle/Saale: Die geretteten Arbeiten sind spektakulär.

 

Zeichen des Verfalls bleiben sichtbar

 

Zwar sind ihre Schöpfer keine Weltstars der Klassischen Moderne, doch die künstlerische Qualität der Werke ist offensichtlich. Lange Jahre unter Tage haben Spuren hinterlassen: Die Oberflächen sind korrodiert, mehrere Objekte in Fragmente zerschlagen. Insgesamt haben sie jedoch die Hitze der Kriegs-Bombardierung erstaunlich gut überstanden.

 

Die Restauratoren haben sie nicht auf Hochglanz poliert, sondern die Zeichen des Verfalls sichtbar gelassen. Um die Bedeutung der Werke zu ermessen, lohnen daher Vergleiche des Vorkriegs- mit dem jetzigen Zustand (siehe Bildergalerie).

 

Für NS-Propagandafilm missbraucht

 

Etwa bei dem Kopf, den Otto Freundlich 1925 aus Terrakotta modellierte. Er ist irreparabel beschädigt – neben dem Hauptfundstück werden Scherben gezeigt. Einst wurde das Original 1941 im Spielfilm «Venus vor Gericht» missbraucht, um eine jüdische Kunsthandlung mit «entarteter Kunst» zu charakterisieren. Der Künstler selbst starb 1943 im KZ Lublin-Majdanek.

 

Als Requisite im selben Film musste auch die «Tänzerin» der Bildhauerin Marg Moll von 1930 herhalten. Die kubistische Figur mit Art-Déco-Anklängen war zuvor ein Blickfang der «Entartete Kunst»-Ausstellung, wie historische Fotos belegen. Danach ging der Reif verloren, den sie in der Hand hielt; doch ihre elegante Linienführung fasziniert noch heute.

 

19.000 «entartete» Werke beschlagnahmt

 

Hintergrund

Lesen Sie hier einen Bericht über die Online-Datenbank “GDK Research” zur Dokumentation von NS-Kunst

 

sowie eine Rezension zur Ausstellung „Geschichten im Konflikt“ über „Das Haus der Kunst und der ideologische Gebrauch von Kunst 1937-1955“ im Haus der Kunst, München.

Wie der stilisierte Torso einer weiblichen Büste, die Naum Slutzky vor 1931 schuf: Das Objekt mit ausgestreckten Schultern strahlt eine starke Spannung aus, die auch im korrodierten Zustand erhalten bleibt. Ähnlich die expressionistische «Schwangere», für die Emy Roeder 1920 den Preis der Berliner Akademie der Künste erhielt.

 

Nur Kopf und Hals sind noch erhalten – doch die ausdrucksstarken Augen der Terrakotta- Halbfigur kommen nun fast besser zur Geltung. Ein kleines Wunder gelang den Restauratoren beim Anni-Mewes-Bildnis von Edwin Scharff: Bei der Bergung war der Bronze-Guss von 1921 zur Unkenntlichkeit entstellt. Jetzt blickt die Schauspielerin wieder so unergründlich wie einst.

 

Mehr als 19.000 Kunstwerke wurden von den Nazis als «entartet» beschlagnahmt; viele sind nie wieder aufgetaucht. Diese wenigen Überbleibsel ihrer Zerstörungswut gemahnen als Memento daran, welche Schätze durch den NS-Fanatismus vernichtet worden sind.


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