Berlin

Johannes Grützke: «die ganze Welt in meinem Spiegel»

Darstellung der Freiheit, 1972, Öl auf Leinwand, 170 x 200 cm, Foto: Stadtmuseum Berlin/ Bildarchiv Foto Marburg © VG Bild-Kunst, Bonn 2012

Der große Körper-Theatraliker: Seit einem halben Jahrhundert inszeniert Grützke raffiniert verschlüsselte Sitten-Bilder. Nun ehrt ihn seine Heimatstadt: mit dem Hannah-Höch-Preis samt umfassender Retrospektive im Ephraim-Palais.

Johannes Grützke ist ein Unikum. Ein Maler, der sich am liebsten selbst malt: «Indem ich mich spiegele, spiegelt sich die ganze Welt in meinem Spiegel». Und ein Multi-Talent, das nebenher noch Schriftsteller, Theater-Regisseur, Bühnenbildner, Schauspieler, Musiker und Alleinunterhalter ist. Sowie ein Künstler, der jede stilistische Einordnung ablehnt und jede Deutung zulässt – obwohl er eminent kritisch und politisch denkt.

 

Info

Johannes Grützke:
«die ganze Welt in meinem Spiegel»

 

16.11.2012 – 17.02.2013
täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, mittwochs 12 bis 20 Uhr im Ephraim-Palais, Poststraße 16, Berlin

 

Katalog 2 € (kein Tippfehler)

 

Weitere Informationen

Bundesweit bekannt wurde Grützke 1987, als er den Wettbewerb zur Ausgestaltung der Frankfurter Paulskirche als National-Denkmal gewann; vier Jahre später war sein «Zug der Volksvertreter» fertig. Ein 33 Meter langes Rund-Gemälde mit Dutzenden Porträts der Parlamentarier von 1848; jedes individuell, doch gemeinsam eine uniforme Schar in schwarzen Gehröcken vor allegorischen Figuren aus der Volks-Menge.

 

Erste große Werkschau in Nürnberg

 

Menschen, Gestalten und Gesichter: Darum kreist Grützkes ganzes Œuvre. Was ihn an den Rand des Kunst-Betriebs drängte, der figurative Darstellungen lange missachtete. Er malte unverdrossen weiter und stellte oft in Galerien oder Kunstvereinen aus, aber kaum in Museen. Erst 2011 richtete ihm das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg, wo er zehn Jahre als Professor an der Kunst-Akademie lehrte, eine umfassende Werkschau aus.


Interviews mit Johannes Grützke + Kurator Dominik Bartmann und Impressionen der Ausstellung


 

Nonsense-Geist von Dada spukt durch Bilder

 

Es bedurfte wohl dieses Signals, damit Berlin wieder auf ihn aufmerksam wurde. In seiner Geburts- und Heimatstadt arbeitet er seit einem halben Jahrhundert; stets populär, aber mit wenig offizieller Anerkennung. 1984 stellte die Neue Nationalgalerie Grützkes Skizzen aus, 2007 das Georg-Kolbe-Museum Skulpturen; das war’s. Nun holt Berlin das Versäumte nach. Zum 75. Geburtstag erhält Grützke den Hannah-Höch-Preis des Landes für sein Lebenswerk: samt großer Retrospektive im Ephraim-Palais mit 200 Arbeiten, davon rund 70 Öl-Gemälde.

 

Der Preis ist nach einer Künstlerin benannt, die mit dadaistischen Collagen berühmt wurde: Das passt zu Grützke. Durch viele seiner Bilder spukt der Nonsense-Geist von Dada, dessen Lust am Skurrilen und Verdrehten. Ganz konkret: Die Figuren winden sich in anatomisch unmöglichen Haltungen, oft durch extreme Perspektiven zusätzlich verzerrt. Und ganz körperlich: Grützke enthüllt schonungslos ihre Physiognomien mit allen Makeln.

 

Darstellung der Freiheit mit Anti-Baby-Pillen

 

Modell für diese Gruppen-Bilder steht er sich selbst: Er schlüpft in alle Rollen und hält Bewegungen mehrfach fest, als blättere er ein Daumen-Kino durch. 1972 taucht die erste Frauen-Gestalt auf. Nackt schreitet sie vor zwei Männern empor, ihre Mienen lächeln verheißungsvoll – und aus der Handtasche fallen Schminkzeug und Anti-Baby-Pillen: Grützkes sarkastische Version einer «Darstellung der Freiheit».

 

Die kein Pin-up-Motiv ist, sondern eine Paraphrase auf Eugène Delacroix’ berühmtes Gemälde «Die Freiheit führt das Volk» von 1830: jetzt völlig unbekleidet und keine Barrikaden stürmend, sondern ein lauschiges Plätzchen suchend. Von der politischen zur sexuellen Revolution, von Grützke süffisant kommentiert. Er komponiert keine Freak-Shows, sondern raffiniert verschlüsselte Sitten-Bilder voller Anspielungen auf Alte Meister – was er schalkhaft bestreitet.

 

«Schule der Neuen Prächtigkeit»

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung “Rainer Fetting – Berlin” in der Berlinischen Galerie, Berlin

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung “Das große Welttheater” mit Werken von Bernhard Heisig im Kunst-Raum des Bundestags, Berlin

 

und hier einen Beitrag zur Ausstellung “Spiel mit der Meisterschaft” mit Werken von Horst Janssen im Museum der bildenden Künste, Leipzig

Mit drei anderen Malern begründet er 1973 die «Schule der Neuen Prächtigkeit» – ein typischer Grützke-Scherz: ironisch und zugleich stolz, wie technisch versiert er ist. So scham- und hemmungslos er das in üppigen Formen und Farben vorführt: Seine Nackedeis entblößen ihre Hinfälligkeit und erwecken Mitgefühl.

 

Das verbindet ihn mit seinem britischen Kollegen Lucian Freud, den er sehr schätzt; beide stellten 1982 auf der Biennale in Venedig aus. Wobei der 2011 gestorbene Freud nüchterner blieb und sich auf Einzelfiguren konzentrierte; Grützke inszeniert gern Historien-Bilder, die er mit Verweisen auf Mythen und Geistesgeschichte spickt. Denen er Masken burlesker Possen überstreift: In seinem Körper-Theater ist alles erlaubt, nur kein hohles Pathos.

 

Malerei als Daseinsbestätigung

 

Stattdessen jeder Spaß und jede Spekulation, die ihm einfallen; weswegen, will er gar nicht wissen. Mögen sich doch Kritiker und Exegeten den Kopf darüber zerbrechen – Grützke kommt es nur auf das Ergebnis an, wie er im Nachruf auf Freud formuliert: «Unsere Malerei ist unsere Daseinsbestätigung. Wir malen ja nicht, weil wir wissen, warum wir malen. Wir malen! Das reicht uns (und nicht nur uns).»


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